IV.
Ich kann gar nicht sagen, wie mein Herz sich zusammenkrampfte, als ich allein zurückblieb: es war mir, als hätte ich mir von meinem eigenen lebendigen Leibe plötzlich und unvermutet ein Stück Fleisch abgeschnitten! Was mich auf einmal so erbittert, und weshalb ich ihn so beleidigt hatte – so gewaltsam und absichtlich – das könnte ich auch jetzt nicht sagen, und damals hätte ich es natürlich auch nicht gekonnt. Und wie er erbleicht war! Wie aber, wenn dieses Erbleichen vielleicht nur der Ausdruck des aufrichtigsten und reinsten Gefühls und des tiefsten Schmerzes war und nicht des Zornes und des Beleidigtseins? Es hatte mir immer geschienen, daß da Minuten gewesen waren, in denen er mich sehr liebhatte. Warum, warum soll ich jetzt nicht daran glauben, um so mehr, als jetzt doch schon so vieles seine Erklärung gefunden hat?
Aber wütend geworden war ich und hinausgewiesen hatte ich ihn vielleicht wirklich nur infolge des plötzlichen Verdachtes, er könnte zu mir gekommen sein, um von mir zu erfahren, ob sich nicht noch andere Briefe unter den Papieren Andronikoffs bei Marja Iwanowna gefunden hatten. Daß er diese Briefe oder wenigstens einen dieser Briefe suchen mußte und tatsächlich suchte, das wußte ich. Aber wer kann es wissen, vielleicht täuschte ich mich gerade damals ungeheuer? Und wer weiß, ob ich ihn nicht selbst durch eben diesen Irrtum auf den Gedanken brachte, daß Marja Iwanowna möglicherweise das Gesuchte besäße?
Und schließlich noch eine Sonderbarkeit: wieder hatte er einen meiner Gedanken ausgesprochen (von den drei Leben), denselben, den ich bei Krafft geäußert hatte, und wiederum buchstäblich mit meinen Worten. Die Übereinstimmung der Worte war natürlich ein Zufall, aber immerhin, wie gut mußte er doch das Wesen meiner Natur kennen: welch ein Scharfblick, welch ein Ahnungsvermögen! Aber, wenn er das eine so gut verstand, warum verstand er dann das andere so gar nicht? Und sollte er sich denn wirklich nicht verstellt haben, und wirklich nicht fähig gewesen sein, zu erraten, daß ich nicht den Werssiloffschen Adel brauchte, daß es nicht meine Geburt war, die ich ihm nicht verzeihen konnte, sondern daß ich nur ihn brauchte, mich nur nach ihm mein ganzes Leben lang gesehnt habe, daß ich den ganzen Werssiloff, den ganzen Menschen, den Vater brauchte, und daß dieser Gedanke schon in mein Blut übergegangen war? Sollte ein so feiner Mensch wirklich so stumpf und roh sein können? Und wenn nicht, – ja, warum ärgerte er mich dann so, warum verstellte er sich?
Achtes Kapitel.
I.
Am nächsten Morgen bemühte ich mich, möglichst früh aufzustehen. Gewöhnlich stand man bei uns um acht Uhr auf, das heißt ich, meine Mutter und meine Schwester; Werssiloff pflegte sich und blieb bis halb zehn im Bett. Pünktlich um halb neun brachte mir meine Mutter immer den Kaffee, diesmal aber beschloß ich, das Haus schon vorher, schon um acht Uhr zu verlassen. Ich hatte mir bereits am Abend einen ganzen Plan für diesen Tag zurechtgelegt. Dabei hatte ich aber schon gefühlt, daß, trotz meiner ganzen leidenschaftlichen Entschlossenheit, unverzüglich mit der Verwirklichung meiner Idee zu beginnen, gerade in den wichtigsten Punkten dieses Planes noch unendlich viel Unsicheres und Unbestimmtes war. Deshalb hatte ich denn auch fast die ganze Nacht wie im Halbschlaf verbracht, hatte unzählige Träume gehabt, und war überhaupt nicht so, wie es sich gehört, eingeschlafen. Dennoch stand ich am nächsten Morgen munterer und frischer auf als je. Gerade jetzt wollte ich eine Begegnung mit meiner Mutter unbedingt vermeiden. Ich konnte mit ihr nach allem Vorgefallenen doch über nichts anderes sprechen als über das bewußte Thema, und ich fürchtete, irgendein neuer, unerwarteter Eindruck würde mich vielleicht von meinem Vorsatz ablenken können.
Der Morgen war kalt, und über allem lag ein feuchter, milchiger Nebel. Ich weiß nicht weshalb, aber der frühe, geschäftige Petersburger Morgen gefällt mir immer, trotz seines garstigen Aussehens, und dieses ganze, an sein Tagewerk eilende, auf sein Ich bedachte und stets gedankenversunkene Menschenvolk hat für mich morgens um acht Uhr etwas besonders Anziehendes. Namentlich liebe ich es, unterwegs, eilend, entweder selbst jemand nach irgend etwas zu fragen oder von anderen gefragt zu werden: die Frage wie die Antwort sind immer kurz, klar, vernünftig, und werden gewechselt, fast ohne daß man stehenbleibt, und immer nahezu freundschaftlich. Die Bereitwilligkeit, zu antworten, ist in den Morgenstunden größer als zu jeder anderen Tageszeit. Mitten am Tage ist der Petersburger weniger mitteilsam; und gegen Abend wird er es noch weniger; sobald ihm dann etwas nicht recht ist, kann er einen sogar anfahren oder verhöhnen; früh am Morgen aber, noch vor der Arbeit, in den nüchternsten und ernstesten Tagesstunden ist er ganz anders. Das habe ich beobachtet.
Ich ging wieder über die Newa nach der „Petersburger Seite“. Da ich jedoch gegen zwölf Uhr unbedingt bei Wassin sein mußte, der in der Stadt an der Fontanka wohnte (um diese Zeit war er am ehesten zu Hause anzutreffen), so beeilte ich mich sehr und hielt mich nirgends auf, obgleich ich ein großes Verlangen hatte, irgendwo einen Morgenkaffee zu trinken. Zudem mußte ich auch Jefim Swerjoff unbedingt noch zu Hause antreffen; ich begab mich wieder zu ihm und wäre in der Tat beinahe zu spät gekommen; er war mit seinem Kaffee fast schon fertig und hatte einen Gang vor.
„Was bringt dich schon wieder zu mir?“ begrüßte er mich, ohne sich zu erheben.