„Werssiloff wohnt im Ssemjonowschen Stadtteil, Moshaiskaja, Nummer dreizehn, Haus Litwinoff, ich war selbst auf dem Adreßbureau!“ rief laut eine erregte Frauenstimme; jedes Wort konnten wir hören. Stebelkoff zog aufhorchend die Brauen in die Höhe und hob den Finger hoch.

„Wir reden von ihm hier, und da ist er auch schon dort! ... Da haben wir die Ausnahmen, die sich unausgesetzt wiederholen! Quand on parle d’une corde[30] ...“ Er hopste förmlich auf seinem Platz und rückte näher zur Tür, worauf er fast begierig zu lauschen begann. Auch ich war maßlos überrascht. Ich überlegte, daß diese Worte wohl dasselbe junge Frauenzimmer gerufen hatte, das vorhin so erregt aus dem Nebenzimmer hinausgelaufen war. Aber was hatte Werssiloff hiermit zu tun? Plötzlich erscholl wieder dasselbe Gekreisch wie vorhin, der Schrei eines vor Wut wie ein Tier aufheulenden Menschen, dem man irgend etwas nicht gibt oder den man von etwas zurückhalten will. Dieser Ausbruch unterschied sich nur dadurch vom vorigen, daß er länger andauerte. Man hörte einen Kampf, abgerissene Worte, ein schnelles: „Ich will nicht, ich will nicht, geben Sie es ihm wieder, Mamachen, geben Sie es ihm sofort zurück, sofort!“ – oder so ungefähr – ich erinnere mich nicht mehr genau. Darauf lief wieder jemand, ganz wie vorher, eilig zur Tür und riß sie auf. Beide Nachbarinnen stürzten auf den Korridor hinaus, und wieder schien die eine von ihnen die andere zurückhalten zu wollen. Stebelkoff, der schon längst vom Diwan aufgesprungen war und mit Wonne gelauscht hatte, schoß nur so zur Tür und sprang ganz ungeniert auch auf den Korridor hinaus, gerade auf die Nachbarinnen zu. Natürlich lief ich gleichfalls zur Tür. Doch sein Erscheinen hatte auf die Frauen wie ein Guß kalten Wassers gewirkt: sie waren sogleich wieder in ihrem Zimmer verschwunden und hatten im Nu ihre Tür mit lautem Krach zugeschlagen. Stebelkoff wollte ihnen nacheilen, blieb aber vor der Tür stehen, erhob den Zeigefinger, lächelte und erwog; diesmal bemerkte ich in seinem Lächeln etwas unendlich Gemeines, Dunkles und boshaft Unheilverkündendes. Da erblickte er die Wirtin, die wieder ihren Kopf heraussteckte, und schlüpfte auf den Fußspitzen geschwind zu ihr hin; nachdem er dann wohl ganze zwei Minuten mit ihr getuschelt und von ihr sicherlich Näheres erfahren hatte, kehrte er würdevoll und entschlossen ins Zimmer zurück, nahm seinen Zylinderhut vom Tisch, warf einen Blick in den Spiegel, fuhr sich mit der Hand durchs Haar, damit es höher stehe, und begab sich voll selbstbewußter Würde, ohne mich auch nur mit einem Blick zu streifen, zu den Nachbarinnen. Einen Moment horchte er, das Ohr an der Tür, und dabei zwinkerte er siegesgewiß der Wirtin zu, die ihm mit dem Finger drohte und den Kopf dazu wiegte, als wollte sie sagen: „Ach, Sie Schlingel, Sie Schlingel!“ Endlich richtete er sich entschlossen auf, machte ein möglichst teilnehmendes, ernstes Gesicht, ja, er ließ sogar wie vor lauter Teilnahme den Kopf hängen und klopfte mit dem Fingerknöchel an die Tür.

„Wer ist da?“ fragte eine Stimme.

„Gestatten Sie mir, in einer höchst wichtigen Angelegenheit mit Ihnen Rücksprache zu nehmen?“ fragte Stebelkoff laut und würdevoll.

Man zögerte, aber schließlich öffnete man doch, zunächst nur ein wenig, nur zu einem Viertel; doch Stebelkoff ergriff schnell die Klinke und ließ die Tür nicht wieder schließen. Es begann ein Gespräch. Stebelkoff sprach laut und versuchte sogleich, einzutreten; ich erinnere mich nicht mehr wörtlich des Gesprächs, aber jedenfalls sprach er von Werssiloff, sagte, er könne alles erklären, mitteilen – „nein, mich müssen Sie fragen“, und „nein, ich bin es, an den Sie sich wenden müssen“, und so weiter in dieser Art. So kam es denn, daß man ihn sehr bald eintreten ließ. Ich kehrte zum Diwan zurück und wollte ihr Gespräch verfolgen, konnte aber wenig verstehen; ich hörte nur, daß Werssiloffs Name oft genannt wurde. Aus dem Tonfall der Stimme Stebelkoffs erriet ich, daß er das Gespräch schon beherrschte und nicht mehr einschmeichelnd sprach, sondern überlegen und großmäulig, in der Art, wie er kurz zuvor mit mir gesprochen hatte: „Sie folgen?“, „jetzt merken Sie auf“ und so weiter. Dennoch schien er mit den Damen ausnehmend liebenswürdig zu sein. Schon zweimal hatte er laut aufgelacht, wahrscheinlich ganz zur unrechten Zeit; denn außer seiner Stimme waren auch die Stimmen der beiden Frauen zu hören, von denen die seine manchmal sogar übertönt wurde, und die klangen keineswegs froh, besonders die Stimme der jüngeren, die vorher geschrien hatte: sie sprach viel, nervös, schnell, – offenbar beklagte sie sich oder klagte jemand an; es war, als heische sie Gerechtigkeit und einen unparteiischen Richter. Aber Stebelkoff ließ nicht nach, er erhob seine Stimme mehr und mehr und lachte immer häufiger. Menschen von seiner Art verstehen nicht, anderen zuzuhören. Ich verließ bald wieder den Platz auf dem Diwan; denn ich schämte mich, so zu lauschen, und ich setzte mich wieder auf meinen Rohrstuhl am Fenster. Ich war überzeugt, daß Wassin diesen Herrn überhaupt nicht achtete, mir jedoch, falls ich dieselbe Ansicht äußern sollte, mit ernster Würde und belehrend auseinandersetzen würde, daß dieser Mensch einer von den gegenwärtigen Geschäftsmännern sei, „ein Mann der praktischen Erfahrung“, den man nicht von unseren „allgemeinen und abstrakten Gesichtspunkten“ aus beurteilen dürfe. In jenem Augenblick fühlte ich mich übrigens, wie ich mich erinnere, moralisch wie zerschlagen, mein Herz klopfte heftig, und zweifellos erwartete ich irgend etwas. Es vergingen vielleicht zehn Minuten, da, plötzlich – mitten in einer lauten Lachsalve Stebelkoffs – sprang wieder jemand plötzlich vom Stuhl auf, beide Frauen schrien und sprachen erregt, auch Stebelkoff schien aufgesprungen zu sein, – aber er sprach schon in einem anderen Ton, der so klang, als wolle er sich rechtfertigen oder sie beschwören, ihn zu Ende sprechen zu lassen ... Doch dazu kam es nicht. Ich hörte den zornigen Schrei: „Hinaus! Sie sind ein Elender, ein schamloser Lump!“ Es war klar, daß ihm die Tür gewiesen wurde. Ich öffnete unsere Tür gerade in dem Augenblick, als er von den Nachbarinnen heraussprang, und zwar wie mir schien, buchstäblich von ihnen hinausgestoßen wurde. Wie er mich erblickte, schrie er plötzlich los, auf mich weisend:

„Hier, sehen Sie, hier ist Werssiloffs Sohn! Wenn Sie mir nicht glauben, so bitte, hier, dies ist sein Sohn, sein leiblicher Sohn! Bitte sehr!“ Und er packte mich an der Schulter. „Dieser hier ist sein Sohn, sein leiblicher Sohn! Tja!“ wiederholte er immer wieder und zerrte mich zu den Damen, übrigens ohne etwas zur näheren Erklärung hinzuzufügen.

Die Junge stand im Korridor, die Ältere einen Schritt hinter ihr in der Tür. Ich weiß nur noch, daß dieses arme Mädchen nicht häßlich war, vielleicht zwanzig Jahre alt, aber mager und kränklich sah sie aus. Sie hatte rötliches Haar und im Gesicht eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner Schwester: gerade dieser Umstand fiel mir auf. Nur habe ich Lisa niemals so außer sich vor Empörung gesehen, und sie hätte natürlich auch nie so außer sich geraten können wie dieses junge Mädchen, das ich vor mir sah: ihre Lippen waren weiß, ihre hellgrauen Augen sprühten, und ihr ganzer Körper bebte vor Zorn. Ich weiß noch, ich fühlte mich in einer äußerst dummen und erniedrigenden Lage, zumal ich nichts zu sagen wußte, und das alles dank diesem gemeinen Stebelkoff!

„Was geht das mich an, wessen Sohn er ist! Wenn er mit Ihnen zusammen ist, so ist er ein Lump. Wenn Sie Werssiloffs Sohn sind,“ wandte sie sich plötzlich an mich, „so sagen Sie Ihrem Vater, daß er ein Nichtswürdiger ist, ein ehrloser, schamloser Mensch, daß ich sein Geld nicht brauche ... Da haben Sie es, da, und da! – Nehmen Sie es und bringen Sie es ihm sofort zurück!“ Sie hatte blitzschnell ein paar Banknoten aus der Tasche gezogen und wollte sie mir zuwerfen, aber die Ältere (das war ihre Mutter, wie sich später herausstellte) ergriff ihre Hand und hielt sie fest:

„Olä, aber vielleicht ist das gar nicht wahr, vielleicht ist das gar nicht sein Sohn!“

Olä sah sie flüchtig an, besann sich, maß mich dann mit einem verachtungsvollen Blick und wandte sich zurück ins Zimmer, doch bevor sie die Tür zuschlug, schrie sie Stebelkoff noch einmal wütend an: