Wie schwer es Aljoscha auch war, jetzt fortzugehen, so gehorchte er doch widerspruchslos. Aber die Verheißung, das letzte Wort des Staretz hier auf Erden zu hören, und zwar als ein Vermächtnis an ihn, Aljoscha, erschütterte und begeisterte seine Seele. Er beeilte sich, schneller in die Stadt zu gehen, um schneller wieder zurückkehren zu können. Da sprach noch Pater Paissij, als Aljoscha mit ihm die Zelle des Staretz verließ, einige Worte zu ihm, die einen tiefen und unerwarteten Eindruck auf ihn machten.
„Denke daran, Jüngling,“ sagte der Pater, „daß die weltliche Wissenschaft, die zu einer großen Macht geworden ist, namentlich im letzten Jahrhundert alles niedergerissen hat, was uns Himmlisches in den Büchern der Heiligen vermacht worden. Nach einer grausamen Analyse scheint bei den Gelehrten dieser Welt vom ganzen früheren Heiligtum überhaupt nichts übriggeblieben zu sein. Sie haben es aber stückweise analysiert, doch der Geist des Ganzen ist ihnen entgangen. Man kann sich wirklich nur wundern, wie blind sie in der Beziehung sind. So steht denn das Ganze auch jetzt noch unerschüttert vor ihnen, und die Geister der Hölle können ihm nichts anhaben. Hat es denn nicht neunzehn Jahrhunderte gelebt, lebt es denn nicht auch jetzt noch in Regungen der Seelen einzelner wie in den Bewegungen ganzer Volksmassen? Sogar in den Regungen dieser selben, die alles zerstört haben, in den Seelen der Atheisten, lebt es wie früher unzerstört und unerschütterlich fort. Denn auch die, die sich vom Christentum losgesagt haben und gegen dasselbe eifern, haben in ihrem Innersten doch das Wesen dieses selben Christus behalten, denn bis jetzt ist weder ihre Weisheit, noch die Glut ihres Herzens fähig gewesen, ein anderes, höheres Ideal des Menschen und seiner Menschenwürde hervorzubringen, als das von Christus gegebene. Was sie aber an Versuchen hervorgebracht haben, ist nichts als Mißgestalt. Behalte das besonders, Knabe, denn dein scheidender Staretz hat dich für die Welt bestimmt. Vielleicht wirst du, wenn du dieses großen Tages gedenkst, auch meiner Worte gedenken, die ich dir von Herzen als Geleit gebe, denn jung bist du, die Welt aber ist voll schwerer Versuchungen, und ihnen sind deine Kräfte nicht gewachsen. Jetzt geh, mein verwaister Junge.“
Mit diesen Worten segnete ihn Pater Paissij. Als Aljoscha das Kloster verließ und noch all diese unerwarteten Worte überdachte, begriff er plötzlich, daß er in diesem sonst so strengen Mönche einen neuen herzlichen Freund und ihn heiß liebenden neuen Führer gefunden hatte – ganz, als ob sein Staretz ihm Pater Paissij als Vermächtnis hinterlassen wollte. „Vielleicht ist auch wirklich so etwas zwischen ihnen verabredet worden,“ dachte Aljoscha. Die unerwarteten und lehrreichen Worte Pater Paissijs, die er soeben vernommen hatte, zeugten jedenfalls von dem Anteil desselben: Er beeilte sich offenbar, den jungen Geist zum Kampf mit den Versuchungen zu wappnen und die ihm anvertraute junge Seele unter seinen Schutz zu nehmen.
II.
Beim Vater
Ganz zuerst ging Aljoscha zu seinem Vater. Als er sich dem Hause näherte, fiel ihm ein, daß ihn der Vater gebeten hatte, möglichst vorsichtig einzutreten, damit sein Bruder Iwan es nicht höre oder sonstwie bemerke. „Warum wohl?“ fragte sich Aljoscha. „Wenn er mir allein etwas heimlich zu sagen hat, warum soll ich denn deswegen heimlich eintreten? Vielleicht hatte er es gestern in der Erregung anders gemeint, sich aber nur nicht richtig ausgedrückt,“ dachte er schließlich. Trotzdem war er froh, als ihm Marfa Ignatjewna, die ihm die Hofpforte aufschloß (Grigorij war, wie sich zeigte, unwohl und lag zu Bett), auf seine Frage mitteilte, daß Iwan Fedorowitsch schon vor zwei Stunden fortgegangen sei.
„Und der Vater?“
„Sind aufgestanden, trinken Kaffee,“ antwortete Marfa Ignatjewna etwas trocken.
Aljoscha trat ein. Der Alte saß in Hausschuhen und in einem alten Mantel allein am Tisch und sah zum Zeitvertreib, übrigens ohne große Aufmerksamkeit, irgendwelche Rechnungen durch. Er war ganz allein im Hause; Ssmerdjäkoff war einkaufen gegangen. Doch die Rechnungen schienen ihn nicht sonderlich zu beschäftigen. Er war allerdings früh aufgestanden und versuchte, munter zu sein, denn er wollte auf keinen Fall krank scheinen, doch sah er noch müde und angegriffen aus. Seine Stirn, auf der sich über Nacht die blutunterlaufenen Flecke noch verdunkelt hatten, war mit einem roten Tuch umwunden. Die Nase war gleichfalls über Nacht gehörig angeschwollen, und auch auf ihr zeichneten sich einige weniger bedeutende blutunterlaufene Flecke ab, die dem Gesicht entschieden ein ganz besonders gereiztes und böses Aussehen verliehen. Der Alte wußte das auch selbst und blickte daher dem eintretenden Aljoscha nichts weniger als freundlich entgegen.
„Der Kaffee ist kalt,“ sagte er kurz, „biete ihn dir auch nicht an. Ich sitze heute selbst auf dem Trockenen, das heißt, werde nichts als Fastenfischsuppe genießen, fordere daher auch niemanden zum Essen auf. Wozu hast du dich herbemüht?“
„Um mich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen,“ sagte Aljoscha.