„Aber was fehlt Ihnen denn, liebste Mama?“
„Ach, immer deine Kapricen, Lise, deine Unbeständigkeit, deine Krankheit, diese furchtbare Nacht, dein Fieber, dieser fürchterliche, ewige Herzenstube; ach, das Schreckliche ist ja, daß er ewig, ewig und ewig hier sitzt! Und überhaupt alles, alles ... Und dann kommt noch dieses Wunder hinzu! O, Sie wissen nicht, Alexei Fedorowitsch, wie mich dieses Wunder erschüttert hat! Und jetzt noch hier in meinem Salon diese ganze Tragödie; nein, nein, das kann ich nicht ertragen, das kann ich nicht, ich sage es Ihnen im voraus, daß ich es nicht kann! Oder vielleicht ist es auch nur eine Komödie und keine Tragödie ... Sagen Sie, wird der Staretz Sossima noch bis morgen leben? Ach Gott! Was ist heute mit mir! Ich schließe beständig die Augen und sehe ja selbst ein, daß ich Unsinn rede, leeren Unsinn.“
„Ich würde Sie sehr bitten,“ unterbrach Aljoscha sie plötzlich, „mir ein kleines Stück Leinwand zu geben, um meinen Finger zu verbinden. Ich habe ihn stark verletzt, und jetzt tut er mir unerträglich weh.“
Aljoscha wickelte das Taschentuch ein wenig los: Große Blutflecke waren durch das ganze Tuch gedrungen. Frau Chochlakoff schrie auf, schloß krampfhaft die Augen und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
„Gott, wieviel Blut! Wie furchtbar!“
Doch sowie Lise durch die Spalte Aljoschas blutiges Taschentuch sah, riß sie sofort die Tür auf, daß die mit der Klinke krachend an die Wand schlug.
„Kommen Sie her, kommen Sie her zu mir,“ rief sie gebieterisch und eigensinnig, „jetzt aber ohne Dummheiten! Gott! Warum standen Sie nur so lange, warum sagten Sie kein Wort? Mama, er hätte verbluten können! Wo haben Sie das gemacht, wie nur? Ganz zuerst Wasser, Wasser! Man muß die Wunde waschen; den Finger einfach in kaltes Wasser stecken, damit der Schmerz betäubt wird, und dann einfach drinhalten ... Ach, schneller, schneller Wasser, Mama, in die kleine Schale. Aber schneller doch!“ rief sie nervös. Sie war maßlos erregt; Aljoschas Wunde hatte sie heftig erschreckt.
„Soll man nicht nach Herzenstube schicken?“ fragte Frau Chochlakoff ängstlich.
„Mama, Sie werden mich noch töten! Ihr Herzenstube wird kommen und wieder nur sagen, daß er es nicht begreifen kann! Wasser, Wasser! Mama, gehen Sie um Gottes willen selbst und machen Sie Julija Eile, die bleibt immer irgendwo stecken; jetzt wird sie vielleicht ertrunken sein samt ihrem Wasser! Aber schneller doch, Mama, ich sterbe sonst ...“
„Aber das ist doch nicht so gefährlich!“ rief Aljoscha aus, den wiederum der Schreck der Damen erschreckte.