„Jetzt habe ich alle meine Freunde hier, alle, die ich nur besitze,“ begann sie mit warmer Stimme, in der Tränen zu zittern schienen, und Aljoscha fühlte, wie sich sein Herz sofort wieder ihr zuwandte. „Sie, Alexei Fedorowitsch, Sie waren gestern Zeuge dieser ... furchtbaren Stunde. Sie sahen, wie ich war. Sie haben es nicht gesehen, Iwan Fedorowitsch, er aber hat es mit eigenen Augen gesehen. Was er gestern von mir gedacht hat, das weiß ich nicht; ich weiß nur, daß ich, wenn sich heute dasselbe wiederholen sollte, auch heute dieselben Gefühle, dieselben Worte und dieselben Absichten äußern würde. Sie erinnern sich wohl noch meiner Absichten, Alexei Fedorowitsch, Sie selbst hielten mich ja noch von der Ausführung einer derselben zurück ...“ (Als sie das sagte, errötete sie und ihre Augen blitzten auf.)
„Ich sage es Ihnen ganz offen, Alexei Fedorowitsch, daß ich mich mit nichts von dem, was geschehen ist, aussöhnen kann. Hören Sie, Alexei Fedorowitsch, ich weiß nicht einmal, ob ich ihn jetzt liebe. Er tut mir jetzt leid; das aber ist ein schlechtes Zeichen für Liebe. Wenn ich ihn noch liebte, wenn ich noch fortführe, ihn zu lieben, so würde er mir jetzt vielleicht nicht leid tun, sondern ich würde ihn wahrscheinlich hassen ...“
Ihre Stimme bebte, und Tränen blitzten an ihren Wimpern. Aljoscha fuhr innerlich zusammen: „Dieses Mädchen ist offenherzig und kann nicht lügen,“ sagte er sich, „und ... und sie liebt Dmitrij nicht mehr!“
„Das ist richtig, das haben Sie vollkommen richtig bemerkt, Katerina Iwanowna,“ sagte Frau Chochlakoff eifrig.
„Warten Sie noch ein wenig, liebe Katerina Ossipowna, das Wichtigste habe ich noch nicht gesagt; ich habe noch nicht alles ausgesprochen, was ich in dieser Nacht beschlossen habe. Ich fühle es, daß mein Entschluß vielleicht furchtbar ist – furchtbar für mich; aber ich fühle auch schon im voraus, daß ich ihn um keinen Preis, um nichts in der Welt verändern werde, in meinem ganzen Leben nicht! So wird es sein! Mein lieber Freund Iwan Fedorowitsch, mein einziger, hochherziger Ratgeber, den ich in der Welt habe, stimmt mir in allem bei, und auch er hat als tiefer Herzenskenner meinen Entschluß gebilligt ... Er kennt ihn.“
„Ja, ich billige ihn,“ sagte mit leiser, doch fester Stimme Iwan Fedorowitsch.
„Aber ich will, daß auch Aljoscha – ach, verzeihen Sie, Alexei Fedorowitsch, daß ich Sie einfach Aljoscha genannt habe – ich will, daß auch Alexei Fedorowitsch mir jetzt sagt, hier gleich, in Gegenwart meiner beiden Freunde, ob ich recht habe oder nicht. Ich habe das instinktive Vorgefühl, daß Sie, Aljoscha, mein lieber Bruder Sie – denn Sie sind ja doch mein lieber Bruder,“ fuhr sie wieder begeistert fort und erfaßte seine kalte Rechte mit ihrer heißen Hand, „ich fühle es im voraus, daß Ihr Urteilsspruch, Ihre Billigung mir, trotz meiner Qualen, Ruhe geben wird, denn nach Ihrem Urteilsspruch werde ich verstummen und mich ergeben – das fühle ich im voraus!“
„Ich weiß nicht, wonach Sie mich fragen,“ sagte Aljoscha errötend, „ich weiß nur, daß ich Sie liebhabe und Ihnen in diesem Augenblick mehr Glück wünsche als mir selbst ... Aber ich verstehe doch nichts von diesen Dingen ...“ beeilte er sich aus irgendeinem Grunde hinzuzufügen.
„In diesen Dingen, Alexei Fedorowitsch, in diesen Dingen ist jetzt die Hauptsache – Ehre und Pflicht, und ich weiß nicht, was noch; ja es ist etwas Höheres, etwas, das vielleicht sogar höher ist als selbst die Pflicht. Das Herz sagt mir von diesem unbezwingbaren Gefühl, das mich übermächtig mit sich fortzieht. Es läßt sich übrigens alles in zwei Worten ausdrücken; ich habe mich schon entschlossen: Selbst wenn er jenes ... Geschöpf heiraten sollte,“ fuhr sie feierlich fort, „dem ich niemals, niemals verzeihen kann, so werde ich ihn doch nicht verlassen! Von nun an werde ich ihn niemals, niemals mehr verlassen!“ sagte sie gleichsam mit einer gesprungenen Note in gezwungener, fast müder Begeisterung. „Ich will damit nicht sagen, daß ich mich ihm überallhin nachschleppen, mich beständig in seinen Weg, vor seine Augen drängen, ihn quälen werde – o nein, ich werde in eine andere Stadt ziehen, einerlei wohin, aber ich werde ihn mein ganzes Leben, mein ganzes Leben lang nicht aus dem Auge lassen. Wenn er aber mit jener unglücklich wird, und das wird ja bestimmt sofort geschehen, so kann er zu mir kommen und in mir einen Freund und eine Schwester finden ... natürlich nur eine Schwester ... Und das dann auf ewig, und er wird sich endlich überzeugen, daß diese Schwester in der Tat seine Schwester ist, die ihn wirklich liebt und ihm ihr ganzes Leben geopfert hat. Ich werde es erreichen, werde es durchsetzen, daß er mich endlich kennen lernt und mir alles, ohne sich zu schämen, gesteht!“ stieß sie erregt, fast außer sich hervor. „Ich werde sein Gott sein, zu dem er betet – wenigstens das ist er mir für seinen Verrat und für alles, was ich gestern durch ihn erlitten habe, schuldig. Und so mag er denn sein Lebelang sehen, daß ich ihm mein ganzes Leben lang treu bleibe und mein Wort, das ich ihm einmal gegeben habe, halte, halte, obgleich er mir untreu ist und mich verraten hat. Ich werde ... ich werde mich in ein Mittel zu seinem Glück verwandeln, und das fürs ganze Leben ... oder – wie soll ich das sagen – in ein Instrument, in eine Maschine, die sein Glück schafft, fürs ganze Leben, für mein ganzes Leben, und damit er es hinfort sein ganzes Leben lang erfährt! Das ist mein Entschluß! Iwan Fedorowitsch billigt ihn und stimmt mir in allem vollkommen bei.“
Atemlos endete sie. Vielleicht hatte sie ihren Gedanken viel würdiger, geschickter und natürlicher ausdrücken wollen, nun aber hatte sie ihn gar zu eilig, gar zu nackt ausgedrückt. Viel war dabei jugendliche Ungeduld, vieles verriet auch noch die ertragene Kränkung und das Bedürfnis, sich stolz zu zeigen; das alles fühlte sie selbst: ihr Gesicht verfinsterte sich, und der Ausdruck ihrer Augen ward nicht gut. Aljoscha bemerkte es sofort, – Mitleid erhob sich in seinem Herzen. Und da tat gerade noch Iwan Fedorowitsch das seinige hinzu.