„Ich habe vorhin nur meine Meinung geäußert,“ sagte er. „Bei jeder anderen wäre das alles verstellt, gezwungen, bei Ihnen aber ist es das nicht. Eine andere wäre dabei unaufrichtig, Sie aber sind aufrichtig, und somit haben Sie recht. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll; ich sehe nur, daß Sie aufrichtig sind, im höchsten Grade aufrichtig, und darum sind Sie auch im Recht ...“

„Aber doch nur in diesem Augenblick! – Und dieser Augenblick ist ja doch nichts anderes als die Folge der gestrigen Beleidigung!“ unterbrach plötzlich Frau Chochlakoff, deren Absicht augenscheinlich gewesen war, sich nicht einzumischen, die es aber nun doch nicht mehr ausgehalten und sich mit einer sehr richtigen Bemerkung in das Gespräch hineinmischte.

„Ganz recht,“ sagte Iwan in einem fast verwegenen Tone und doch, als ob er sich plötzlich darüber geärgert hätte, daß er unterbrochen worden war, „Sie haben vollkommen recht, gnädige Frau: bei einer anderen wäre das nur der Einfluß der gestrigen Erregung und würde nur eine Minute andauern, bei Katerina Iwanowna aber wird dieser Augenblick eben ihr ganzes Leben lang andauern. Was für andere nur Versprechen ist, das ist für sie lebenslängliche, vielleicht schwere, doch unermüdliche Erfüllung ihrer Pflicht. Und das Gefühl dieser Pflichterfüllung wird ihr genügen. Ihr Leben, Katerina Iwanowna, wird von nun an in marternder Beobachtung und Zergliederung der eigenen Gefühle, der eigenen Heldentat und des eigenen Leides bestehen, doch späterhin wird sich dieses Leid mildern, und Ihr Leben wird sich dann in ein angenehmes Betrachten verwandeln, in ein unaufhörliches Betrachten des ein für allemal gefaßten und erfüllten stolzen Vorsatzes, der in seiner Art tatsächlich stolz, jedenfalls aber verzweifelt ist, doch den Sie auf sich genommen haben. Und dieses Denken daran wird Sie schließlich vollkommen befriedigen und Sie mit allem übrigen aussöhnen ...“

Er sprach dies mit einer gewissen Bosheit, sagte es mit Absicht gerade so, und vielleicht wollte er seine Absicht auch nicht einmal verbergen, d. h., daß er dies so absichtlich spöttisch sagte.

„O Gott, das ist ja wieder nicht das!“ seufzte Frau Chochlakoff.

„Alexei Fedorowitsch, aber so sagen Sie doch! Es quält mich, ich will wissen, was Sie dazu sagen!“ rief Katerina Iwanowna erregt und brach plötzlich in Tränen aus. Aljoscha erhob sich von seinem Platz.

„Das ist nichts, nichts!“ fuhr sie weinend fort, „das kommt nur von der Erregung, von der schlaflosen Nacht; aber bei zwei so treuen Freunden, wie Sie und Ihr Bruder, fühle ich mich noch stark ... denn ich weiß ... Sie beide werden mich nie verlassen.“

„Leider muß ich vielleicht morgen schon nach Moskau fahren und Sie auf lange verlassen ... Und leider läßt sich das nicht mehr ändern ...“ sagte plötzlich Iwan Fedorowitsch.

„Morgen, nach Moskau!“ Das ganze Gesicht Katerina Iwanownas verzerrte sich plötzlich. „Aber ... ach Gott, wie glücklich sich das trifft!“ rief sie auch schon im selben Augenblick mit vollkommen veränderter Stimme, und im selben Augenblick hatte sie auch schon ihre Tränen verscheucht, so daß von ihnen nicht einmal eine Spur blieb ... In einem einzigen Augenblick ging mit ihr diese erstaunliche Veränderung vor sich, eine Veränderung, die Aljoscha nicht wenig in Verwunderung setzte: an Stelle des armen, beleidigten Mädchens erschien plötzlich ein Weib vor ihm, das vollkommen seiner mächtig war und mit irgend etwas sogar ungemein zufrieden schien – ganz, als ob sie sich über irgend etwas plötzlich sehr gefreut hätte.

„O, ich meine natürlich nicht, daß Sie uns verlassen, natürlich meinte ich das nicht so,“ versuchte sie gleichsam ihren unbedachten Ausruf mit freundlichem Gesellschaftslächeln zu verbessern, – „ein Freund, wie Sie, kann das ja auch gar nicht mißverstehen. Im Gegenteil, ich bin nur zu unglücklich darüber, daß ich Sie entbehren muß!“ Sie wandte sich plötzlich zu Iwan Fedorowitsch, ergriff ungestüm seine beiden Hände und drückte sie warm. „Ich freue mich nur deswegen darüber, weil Sie jetzt persönlich in Moskau meiner Tante und Agascha meine ganze Lage, dieses ganze Entsetzen, in dem ich mich befinde, werden schildern können, Agascha gegenüber natürlich ganz aufrichtig, Tantchen aber schonender – so, wie nur Sie allein es verstehen. Sie können sich ja nicht vorstellen, wie unglücklich ich gestern und heute morgen war: ich weiß es wirklich nicht, wie ich diesen furchtbaren Brief schreiben soll ... denn in einem Brief das wiederzugeben, das ist ja ganz unmöglich ... Jetzt aber fällt es mir viel leichter, alles zu schreiben, denn Sie werden dort bei ihnen sein und alles erklären. O, wie mich das freut! Und nur deswegen freue ich mich darüber, das glauben Sie mir doch. Selbst sind Sie mir natürlich unersetzlich ... Ich werde sofort den Brief schreiben,“ sagte sie plötzlich, und sie erhob sich schon, um ins andere Zimmer zu gehen.