Aljoscha betrachtete ihn aufmerksam, da er ihn zum erstenmal sah. Es war etwas Eckiges, Hastendes, Gereiztes an ihm. Er hatte wohl Schnaps getrunken, doch war er nicht betrunken. Sein Gesicht drückte eine gewisse äußerste Frechheit aus, und zu gleicher Zeit – das war wirklich sonderbar – offenbare Feigheit. Er glich einem Menschen, der sich lange Zeit unterworfen und vieles erlitten hat, plötzlich aber vorspringt und auftrumpfen will. Oder richtiger: einem Menschen, der einen maßlos gern schlagen will, und der doch sehr fürchtet, daß man ihn schlagen könnte. In seinen Reden und dem Klang seiner ziemlich schrillen Stimme lag ein gewisser mißratener Humor, der bald boshaft, bald ängstlich war, nie im Ton blieb und immer wieder abbrach. Die Frage nach dem Besuch des „Inneren“ stellte er gleichsam am ganzen Körper zitternd und so nah auf Aljoscha zutretend, daß der unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Gekleidet war der Herr in einen dunklen, nankingartigen Überzieher, der sehr schlecht zusammengenadelt und überall geflickt war. Die Beinkleider dagegen waren auffallend hell, wie sie niemand mehr trug, und aus sehr dünnem, karriertem Stoff; unten waren sie stark verknüllt, außerdem sehr kurz, ganz als wäre er aus ihnen wie ein kleiner Junge herausgewachsen.

„Ich bin ... Alexei Karamasoff ...“ antwortete Aljoscha.

„Das begreifen wir vortrefflich,“ unterbrach ihn sofort der Herr, womit er zu verstehen gab, daß er ihn schon kannte. „Ich dagegen bin Hauptmann Ssnegireff; trotzdem wäre es wünschenswert, die Ursache Ihres Besuches ...“

„Ich ... bin nur so hergekommen ... Ich wollte eigentlich von mir aus Ihnen ein paar Worte sagen ... Wenn Sie es nur gestatten ...“

„In diesem Falle – bitte, hier ist ein Stuhl, geruhen Sie, Platz zu nehmen, wie man in den alten Komödien sagt ...“ und der Hauptmann ergriff mit hastiger Bewegung einen gewöhnlichen Bauernstuhl und stellte ihn fast in die Mitte des Zimmers; darauf zog er noch für sich irgendeinen Stuhl herbei und setzte sich Aljoscha gegenüber, und wieder rückte er so nah heran, daß ihre Knie sich fast berührten. Er blickte ihm unbeweglich ins Gesicht.

„Ich bin Nikolai Iljitsch Ssnegireff, gewesener Hauptmann der russischen Infanterie, und wenn ich auch durch meine Laster in Schimpf und Schande geraten bin, so bleibe ich doch gewesener Hauptmann. Eigentlich sollte ich jetzt eher sagen: Hauptmann Sslowojerrssoff[15] und nicht mehr Ssnegireff, denn in der zweiten Hälfte meines Lebens habe ich begonnen, das ‚S‘ anzuhängen.[16] Ja, das lernt man in der Erniedrigung.“

„Das ist schon so,“ meinte Aljoscha lächelnd, „nur fragt es sich, ob man es unwillkürlich oder absichtlich lernt?“

„Bei Gott, unwillkürlich. Zeitlebens habe ich nicht so gesprochen, plötzlich aber fiel ich, und als ich aufstand, sprach ich das ‚S‘ zu Ende der Worte. Das geschieht durch eine höhere Macht ... Ich sehe, daß Sie sich für zeitgenössische Fragen interessieren. Wodurch nun habe ich solch ein Interesse erregt, denn ich lebe, wie Sie sehen, so, daß ich Gäste im allgemeinen nicht empfangen kann.“

„Ich bin ... in derselben Angelegenheit gekommen ...“

„In derselben Angelegenheit?“ unterbrach ihn der Hauptmann ungeduldig.