„Und auch ich habe Wichtiges mit Ihnen zu sprechen ...“ bemerkte Aljoscha, „nur weiß ich nicht, wie ich anfangen soll.“

„Wie sollten Sie denn nichts zu besprechen haben! Wären Sie doch sonst nie zu mir gekommen. Oder sind Sie vielleicht nur gekommen, um sich über den Jungen zu beklagen? Das ist doch unwahrscheinlich. Ach, bei der Gelegenheit: ich konnte Ihnen dort nicht alles so erklären, aber hier werde ich Ihnen alles sagen. Sehen Sie, der Bastwisch war noch vor einer Woche viel dichter – ich rede von meinem Bärtchen; dieses Bärtchen heißt ja der Bastwisch, so haben es die Schuljungen doch benannt. Nun, sehen Sie, wie mich da Ihr Bruder Dmitrij Fedorowitsch Karamasoff am Barte zog, wegen nichts und wieder nichts, er suchte einfach Händel, und ich kam ihm in die Quere – da zog er mich hinaus auf den Großen Platz, und da kamen gerade die Schuljungen aus der Schule und unter ihnen auch Iljuscha. Wie der mich so am Bart gezogen erblickte, stürzte er zu mir: ‚Papa!‘ schreit er, ‚Papa!‘ hält mich, umarmt, umklammert mich, will mich befreien, losreißen, schreit meinem Beleidiger zu: ‚Verzeihen Sie, verzeihen Sie, das ist doch mein Papa, mein Papa, verzeihen Sie ihm!‘ – fleht, wie ich sage ‚Verzeihen Sie!‘ – umklammert ihn mit seinen kleinen Ärmchen und küßt, küßt seine Hand ... Ich weiß, ich weiß noch, was für ein Gesichtchen er in diesem Augenblick hatte, habe es nicht vergessen und werde es auch nie vergessen! ...“

„Ich schwöre Ihnen,“ sagte Aljoscha sofort, „mein Bruder wird Ihnen in der aufrichtigsten Weise sein tiefes Bedauern, seine Reue beweisen, meinetwegen kniend auf demselben Platz; ich werde ihn dazu zwingen, oder er wird nicht mehr mein Bruder sein!“

„Ach so, dann war das also nur ein Projekt. Dann ging das nicht von ihm aus, sondern wurde nur von Ihnen in einer heißen Regung Ihres guten Herzens gesagt. Ja, dann hätten Sie es aber auch so darstellen sollen. Nein, Verehrtester, da lassen Sie mich zuerst einmal alles sagen, zumal ich die ritterliche Offiziershaltung Ihres Bruders nicht verheimlichen will, o nein, denn die hat er damals tatsächlich bewiesen. Als er nämlich endlich meinen Bart losließ und mich freigab, sagte er: ‚Wir sind beide Offiziere, wenn du einen Sekundanten finden kannst, einen anständigen Menschen, so schick ihn zu mir – werde dir Satisfaktion geben, wenn du auch ein Schurke bist!‘ Sehen Sie, das sagte er! Das war wahrhaft ritterlicher Geist! Wir entfernten uns damals, Iljuscha und ich, doch dieses Bild ist auf ewig in Iljuschenkas Seele geblieben. Wie soll ich mich denn mit ihm duellieren! Sagen Sie sich doch selbst, Sie sind doch soeben in meiner Wohnung gewesen – was haben Sie gesehen? Drei Damen sitzen dort, von denen ist die eine ohne Füße und schwachsinnig, die andere ohne Füße und verwachsen, die dritte aber hat Füße und ist beinahe gar zu klug, ist Studentin und will unbedingt wieder nach Petersburg, um dort an den Ufern der Newa die Rechte der russischen Frau zu suchen. Von Iljuscha rede ich schon gar nicht, der ist erst neun Jahre alt, mutterseelenallein. Wenn ich aber nun sterbe – was soll dann mit meinem ganzen Nest werden, nur das allein frage ich Sie? Wenn ich ihn nun fordere und er mich erschießt, was dann? Was soll dann aus ihnen werden? Oder, was noch schlimmer wäre, wenn er mich zum Krüppel schießt? Arbeiten und verdienen ist dann ausgeschlossen, der Mund aber bleibt, und wer wird ihn dann füttern, diesen Mund, und wer wird sie dann alle ernähren? Oder sollte ich Iljuscha anstatt in die Schule täglich betteln schicken? Da sehen Sie, was das für mich bedeuten würde: ihn zum Duell herauszufordern. Ein dummes Wort ist das und weiter nichts.“

„Er wird Sie um Verzeihung bitten, er wird sich dort mitten auf dem Platz vor Ihnen bis zur Erde verneigen!“ rief Aljoscha mit aufflammendem Blick aus.

„Ich wollte die Sache vor Gericht bringen,“ fuhr der Hauptmann fort, „aber blättern Sie doch den Kodex durch und fragen Sie sich dann, wieviel ‚Schadenersatz‘ ich für persönliche Beleidigung von dem Beleidiger bekommen würde? Und da läßt mich noch plötzlich Agrafena Alexandrowna zu sich rufen und sagt: ‚Wage nicht, daran auch nur zu denken! Wenn du ihn vors Gericht bringst, so werde ich dafür sorgen, daß es alle Welt erfährt, warum er dich am Bart gezogen hat: wegen deiner Schurkereien, und dann wird man dich verklagen.‘ Sieht doch nur Gott allein, durch wen besagte Schurkerei entstanden ist, auf wessen Befehl ich damals wie ein kleiner Kaufmann gehandelt habe, ob nicht etwa auf ihre eigene und Fedor Pawlowitschs Anordnung? ‚Und zudem,‘ sagte sie, ‚werde ich dich fortjagen und dir hinfort nichts mehr von mir zu verdienen geben. Meinem Kaufmann werde ich es gleichfalls sagen‘ – so nennt sie ihn, den Alten –, ‚dann wird auch er dich nicht mehr beschäftigen.‘ Und so denke ich denn, wenn auch der Kaufmann mich fortjagt, was soll dann aus mir werden, wo kann ich dann noch verdienen? Sind mir doch jetzt nur noch diese beiden geblieben, da Ihr Vater Fedor Pawlowitsch Karamasoff mir nicht nur sein Vertrauen entzogen hat, sondern mich aus einem nebensächlichen Grunde, nachdem er sich meine Quittungen gesichert hat, obendrein noch verklagen will. Infolgedessen bin ich denn still geworden, und mein ‚Inneres‘ – haben Sie gesehen. Doch jetzt erlauben Sie zu fragen: Hat er Ihnen wirklich schmerzhaft in den Finger gebissen, Iljuscha meine ich? In seiner Gegenwart konnte ich mich nicht entschließen, auf dieses Gespräch einzugehen.“

„Ja, sehr schmerzhaft, er war aber sehr gereizt. Er hat sich für Sie an mir, als an einem Karamasoff, gerächt, das ist mir jetzt vollkommen klar. Aber wenn Sie gesehen hätten, wie er seine Schulkameraden mit Steinen bewarf, und wie die ihm darauf antworteten! So etwas ist sehr gefährlich; sie können ihn totschlagen, es sind doch dumme Kinder; der Stein fliegt und kann den Kopf treffen.“

„Und hat auch schon getroffen, nur nicht den Kopf, wohl aber die Brust: etwas über dem Herzen hat er einen blauen Fleck. Er kam weinend nach Haus, stöhnte, und jetzt ist er davon krank geworden.“

„Aber er greift sie ja zuerst an, fällt als erster über sie her! Er will sich für Sie rächen. Die Jungen sagten, er habe einen Mitschüler, Krassotkin, mit dem Federmesser in die Seite gestochen ...“

„Ich weiß, die Sache kann gefährlich werden. Krassotkin ist der Sohn eines hiesigen Beamten, da kann man noch Unannehmlichkeiten haben ...“