„Ich würde Ihnen raten,“ fuhr Aljoscha fort, „ihn eine Zeitlang überhaupt nicht in die Schule zu schicken, bis er sich beruhigt ... dieser Zorn wird ja vergehen ...“
„Zorn!“ griff der Hauptmann sofort das Wort auf, „Sie haben es richtig benannt. Er ist ein kleines Wesen, aber sein Zorn ist um so größer. Sie kennen noch nicht alles; erlauben Sie, daß ich Ihnen die ganze Geschichte erzähle. Die Sache ist nämlich die, daß ihn seit der Zeit alle Jungen in der Schule ‚Bastwisch‘ zu necken begonnen haben. Kinder sind in der Schule ein unbarmherziges Volk; einzeln sind sie die reinen Engel Gottes, zusammen aber sind sie erbarmungslos. So haben sie ihn denn geneckt, in ihm aber ist der edle Sinn erwacht. Ein gewöhnlicher Knabe ist ein gleichgültiger Sohn – der hätte sich in diesem Falle geduckt, würde sich seines Vaters geschämt haben. Iljuscha dagegen hat sich gegen alle für den Vater erhoben; für den Vater und für die Wahrheit, für die Gerechtigkeit. Denn was er damals, als er Ihrem Bruder die Hand küßte und ihn anflehte: ‚Verzeihen Sie meinem Papa!‘ – was er damals empfunden hat, das weiß nur Gott allein ... und ich. So lernen unsere Kinderchen – das heißt, nicht Ihre, sondern unsere, die Kinder der Verachteten, der anständigen Bettler, ja, so lernen unsere Kinderchen die Wahrheit auf Erden schon mit neun Jahren kennen. Wie sollten das die Reichen! Die kommen zeitlebens nicht bis zu dieser Tiefe! Mein Iljuscha aber hat in demselben Augenblick, als er dort auf dem Platz die Hand küßte, in demselben Augenblick hat er die ganze Wahrheit durchlebt. Diese Wahrheit durchdrang ihn und erfüllte ihn auf ewig!“ sagte erregt und leidenschaftlich der Hauptmann und schlug sich dabei mit der rechten Faust in die linke Hand, als ob er damit zeigen wollte, wie die „Wahrheit“ seinen Iljuscha durchdrungen und erfüllt hatte. „... An jenem Tage hatte er Fieber und phantasierte die ganze Nacht. Er sprach nur wenig mit mir, schwieg endlich ganz, nur bemerkte ich – wie er aus der Ecke auf mich sieht, sieht und sich immer mehr zum Fenster neigt und tut, als lernte er seine Aufgaben, aber ich sehe ja doch, daß er nicht Aufgaben im Sinn hat. Am nächsten Tage trank ich mich an vor Leid, weiß nicht mehr viel von diesem Tage, bin ein sündiger Mensch. Mütterchen hatte auch angefangen zu weinen – Mütterchen habe ich sehr lieb – nun, und so hatte ich mich denn berauscht. Sie, Verehrtester, verachten Sie mich nicht: In Rußland sind die Trinker die besten Menschen. Die allerbesten Menschen sind bei uns die allerbetrunkensten. Ich lag also am zweiten Tage und weiß nicht mehr viel von Iljuscha; gerade an diesem Tage aber hatten die Schüler ihn zu necken begonnen: ‚Bastwisch‘, haben sie ihm zugeschrien, ‚dein Vater ist am Bastwisch auf den Großen Platz hinausgezogen worden, du aber bist nebenhergelaufen und hast um Verzeihung gebeten.‘ Am dritten Tage kam er wieder aus der Schule, nur sehe ich – er ist gar nicht mehr zu erkennen, ganz bleich. Was fehlt dir? frage ich. Er schweigt. Nun, im Zimmer kann man nicht gut reden, da mischen sich gleich Mütterchen und die Mädchen hinein – zudem hatten die Mädchen alles gleich am ersten Tage erfahren. Warwara Nikolajewna begann schon zu brummen: ‚Bajazzo, kann er denn je etwas Vernünftiges tun?‘ – ‚Ganz recht,‘ antwortete ich ihr, ‚können wir denn je etwas Vernünftiges tun?‘ Damit machte ich mich los. In der Dämmerstunde ging ich dann mit dem Jungen spazieren. Sie müssen nämlich wissen, daß wir an jedem Abend so spazieren zu gehen pflegten, denselben Weg, den wir jetzt gehen, von unserer Hoftür bis zu jenem großen, einsamen Stein, der dort so verwaist am Zaune liegt, dort, wo die Stadtweide beginnt: es ist ein einsamer und schöner Platz zum Sitzen. Wir gehen also, Iljuscha und ich, sein Händchen ist in meiner Hand, wie gewöhnlich; solch ein winzig kleines Händchen hat er, so dünne, kalte Fingerchen – hat doch ein so schwaches, kränkliches Brüstchen. ‚Papa,‘ sagt er, ‚Papa!‘ – Was? frage ich, sehe schon, seine Äuglein blitzen. – ‚Papa, wie hat er dich nur ... Papa!‘ – Was ist dabei zu machen, Iljuscha? sage ich. – ‚Versöhne dich nicht mit ihm, Papa, söhne dich nicht mit ihm aus. Die Schüler sagen, er habe dir dafür zehn Rubel gegeben.‘ – Nein, Iljuscha, sage ich, ich werde unter keiner Bedingung von ihm Geld nehmen. Wissen Sie, sein ganzes Körperchen erzitterte; er ergriff mit beiden Händchen meine Hand und küßte sie immer wieder. – ‚Papa,‘ sagte er, ‚Papa, fordere ihn zum Duell; in der Schule sagen sie, du seiest ein Feigling und würdest ihn nicht fordern, vielmehr zehn Rubel von ihm nehmen.‘ – Zum Duell, Iljuscha, kann ich ihn nicht fordern, antwortete ich und erklärte ihm kurz, wie ich es auch Ihnen soeben erklärt habe, warum ich es nicht kann. Er hörte mir aufmerksam zu: ‚Papa,‘ sagte er, ‚Papa, aber trotzdem söhne dich nicht mit ihm aus, ich werde groß werden, ihn dann fordern und totschlagen!‘ Seine Äuglein glänzen und brennen. Nun, ich bin doch sein Vater, muß ihm doch ein Wort der Wahrheit sagen: Es ist Sünde, sage ich, zu töten, und wäre es im Zweikampf. – ‚Papa,‘ sagt er, ‚Papa, ich werde ihn niederwerfen, wenn ich groß bin, ich werde ihm seinen Säbel mit meinem Säbel aus der Hand schlagen, werde mich auf ihn stürzen, ihn niederwerfen, werde meinen Säbel über ihm schwingen und ihm sagen: Könnte dich sofort erschlagen, aber ich verzeihe dir, da hast du’s!‘ – Sehen Sie, sehen Sie, Karamasoff, was in seinem Köpfchen inzwischen vorgegangen war, in diesen zwei Tagen! An diese Rache hat er ja Tag und Nacht gedacht, hat wahrscheinlich auch nur davon phantasiert. Nun kam er verprügelt aus der Schule heim; das erfuhr ich aber erst vor drei Tagen, und Sie haben recht: ich werde ihn nicht mehr in diese Schule schicken. Ich weiß, daß er allein gegen die ganze Klasse kämpft und noch selbst alle herausfordert. Er ist in Zorn geraten, sein Herzchen hat sich entflammt – mir wurde bange um ihn. Darauf gehen wir wieder spazieren. – ‚Papa,‘ sagt er plötzlich, ‚Papa, die Reichen sind doch die Stärksten in der Welt?‘ – Ja, Iljuscha, sage ich, es gibt in der Welt keinen Stärkeren als einen Reichen. – ‚Papa, dann werde ich reich werden, werde Offizier werden und alle niederschlagen; der Zar wird mich belohnen, ich werde dann wiederkommen, und dann wird niemand mehr wagen ...‘ Darauf schwieg er ein wenig, seine Lippen aber zuckten immer noch. – ‚Papa,‘ sagt er plötzlich, ‚wie schlecht doch unsere Stadt ist, Papa!‘ – Ja, sage ich, Iljuschetschka, unsere Stadt ist nicht sehr gut. – ‚Papa, wollen wir in eine andere Stadt fahren, in eine gute,‘ sagt er, ‚wo man uns gar nicht kennt.‘ – Ja, das wollen wir, Iljuscha, laß mich nur erst ein wenig Geld zusammensparen. Ich freute mich über die Gelegenheit, ihn von seinen traurigen Gedanken ablenken zu können, und so begannen wir denn beide, uns auszumalen, wie wir in eine andere Stadt übersiedeln würden, wie wir uns ein Pferdchen und einen Wagen kaufen wollten. Mütterchen und die Schwestern setzen wir hinein und decken sie gut zu, selbst aber gehen wir nebenher: hin und wieder setze ich auch dich hinein, ich aber gehe nebenher, denn man muß doch das eigene Pferdchen schonen, alle können sich doch nicht hineinsetzen, und so ziehen wir dann in eine andere Stadt. Das entzückte ihn förmlich, und besonders, daß es unser eigenes Pferdchen sein würde, mit dem wir fortzogen. Sie wissen doch, daß ein russischer Junge bereits zusammen mit einem Pferdchen geboren wird. Lange schwatzten wir; Gott sei Dank, dachte ich, jetzt habe ich ihn etwas zerstreut und beruhigt. Das war vorgestern abend. Gestern abend aber zeigte sich etwas ganz anderes. Am Morgen war er wieder in die Schule gegangen und so finster zurückgekehrt, gar zu finster. Am Abend nahm ich ihn bei der Hand und brachte ihn hinaus, spazieren: er schweigt, spricht kein Wort. Ein Wind hatte sich erhoben, und die Sonne hatte sich versteckt; ein Herbsttag war’s bereits, und es dunkelte auch schon. Wir gingen, und beiden war uns traurig zumut. – Nun, mein Junge, frage ich, wie werden wir uns denn auf den Weg machen? – wollte ihn auf das Gespräch von unserer Reise in die andere Stadt bringen. Er schweigt. Nur seine Fingerchen waren in meiner Hand zusammengezuckt. Schlimmes Zeichen, denke ich. Und so kamen wir, wie jetzt, zu diesem Stein, ich setze mich auf ihn; am Himmel aber sahen wir Drachen steigen, etwa dreißig an der Zahl, sie summen, und ihre Schwänze klatschen. Jetzt ist doch die Drachenzeit. Sieh mal, Iljuscha, sage ich, es ist auch für uns Zeit, unseren vorjährigen Drachen steigen zu lassen. Ich werde ihn wieder instand setzen; wo hast du ihn nur gelassen? – Mein Junge schweigt, blickt zur Seite, steht schräg von mir abgewandt. Da kam mit einemmal ein Windstoß und wirbelte den Sand auf ... Und plötzlich warf er sich an mich, umklammerte mit seinen Ärmchen meinen Hals und preßte mich an sich. Wissen Sie, wenn kleine Kinder schweigsam und stolz sind und lange ihre Tränen zurückhalten, so sind es ja, wenn das Leid zu groß wird und sie dann einmal in Tränen ausbrechen, so sind es ja nicht mehr Tränen, die sie weinen, nein, wie Bäche strömt es aus ihren Augen. Und so flossen denn seine warmen Tränenströme über mein Gesicht. Er schluchzte wie im Krampf, sein ganzes Körperchen bebte; er preßte mich an sich, ich saß auf dem Stein. ‚Papachen,‘ rief er, ‚Papachen, liebes Papachen, wie hat er dich nur so erniedrigt!‘ Da schluchzte auch ich auf; und wir saßen und schluchzten zusammen. – ‚Papachen,‘ sagt er, ‚Papachen!‘ – Iljuscha, sage ich ihm, mein Iljuschetschka! Niemand hat uns gesehen, nur Gott allein sah uns, vielleicht wird er es in mein Schuldbuch eintragen. Überbringen Sie Ihrem Bruder meinen Dank. Nein, Verehrtester, meinen Jungen werde ich nicht zu Ihrer Genugtuung bestrafen!“
Er schloß wieder in seinem boshaft mokanten Ton. Aljoscha aber fühlte doch, daß der Hauptmann schon Zutrauen zu ihm gefaßt hatte, daß dieser Mensch nicht so geredet hätte, falls er mit einem anderen zusammen gewesen wäre. Das gab Aljoscha, dessen Seele vor heimlichen Tränen bebte, wieder Hoffnung und Mut.
„Ach, ich würde mich so gern mit Ihrem Jungen anfreunden!“ sagte er warm. „Wenn Sie es so machen könnten ...“
Der Hauptmann murmelte etwas vor sich hin.
„Aber jetzt handelt es sich nicht darum, nicht darum, hören Sie mich an,“ fuhr Aljoscha erregt fort, „hören Sie! Ich habe einen Auftrag an Sie: Mein Bruder Dmitrij Fedorowitsch, derselbe, der Sie beleidigt hat, hat auch seine Braut, von der Sie wohl schon gehört haben, beleidigt. Ich habe das Recht, zu Ihnen von dieser Beleidigung zu sprechen; ich muß es sogar tun, denn sie selbst hat mir, nachdem sie von Ihrer Beleidigung und Ihren unglücklichen Verhältnissen erfahren, sie selbst hat mir soeben – vorhin vielmehr – den Auftrag gegeben, Ihnen diese Unterstützung von ihr zu überbringen ... nur von ihr allein, nicht von Dmitrij Fedorowitsch, der sie verlassen hat, nein, nein, und auch nicht von mir, seinem Bruder, oder von sonst jemandem, sondern von ihr, von ihr allein! Sie läßt Sie aufrichtig bitten, von ihr diese Hilfe anzunehmen ... Sie sind beide von ein und demselben Menschen beleidigt ... Sie hat sich auch erst dann Ihrer erinnert, als sie von ihm eine ebenso große Beleidigung erfahren hatte –, von demselben, der auch Sie beleidigt hat ... Sie kommt mit ihrer Hilfe wie eine Schwester zum Bruder ... Sie hat mich beauftragt, Sie zu überreden, von ihr diese zweihundert Rubel anzunehmen ... wie von einer Schwester, die Ihre Not kennt. Niemand wird etwas davon erfahren, Sie brauchen also keine häßlichen Klatschgeschichten zu fürchten ... hier sind die zweihundert Rubel, und ich schwöre es Ihnen, Sie müssen sie annehmen, oder ... oder alle Menschen müssen fortan untereinander Feinde sein! Aber es gibt doch in der Welt auch Brüder ... Sie haben ein edles Herz ... Sie müssen das annehmen, Sie müssen es tun!“
Und Aljoscha hielt ihm die beiden neuen Hundertrubelscheine hin. Sie waren an dem großen, einsamen Stein am Zaun stehen geblieben, ringsum war kein Mensch zu sehen. Die regenbogenfarbenen Scheine machten auf den Hauptmann, wie es schien, einen erschütternden Eindruck: er fuhr zusammen, doch drückte sich auf seinem Gesicht zuerst nur maßloses Erstaunen aus; solch einen Ausgang des Gesprächs hatte er nicht erwartet. Daß ihm von irgend jemand eine Unterstützung, und noch dazu eine so bedeutende, zuteil werden konnte – das hätte er nie für möglich gehalten. Er nahm die beiden Scheine, konnte aber noch nicht antworten; etwas ganz Neues drückte sich in seinem Gesichte aus.
„Das mir? mir? so viel Geld? Zweihundert Rubel! Väterchen! Ich habe doch schon seit vier Jahren nicht mehr soviel Geld gesehen – Herrgott! Und er sagt, als Schwester ... ist das denn wirklich wahr, ist denn das wahr?“
„Ich schwöre Ihnen, daß alles, was ich Ihnen gesagt habe, wahr ist!“ Der Hauptmann errötete.
„Hören Sie mich, mein Liebling, hören Sie, wenn ich das nun annehme, so werde ich doch deswegen kein Schuft sein? In Ihren Augen, Alexei Fedorowitsch, werde ich es doch nicht sein? Nein, Alexei Fedorowitsch, hören Sie mich an,“ stotterte er, sich übereilend, und berührte Aljoscha immer wieder mit beiden Händen. „Sie sagen, sie schickt mir das als ‚Schwester‘, um mich zu überreden; aber bei sich – werden Sie mich nicht verachten, wenn ich es annehme, wie?“