„Aber nein doch, warum sollte ich dies tun? Ich schwöre Ihnen bei meinem Seelenheil, daß ich’s nicht tun werde. Und niemand wird etwas davon erfahren: außer Ihnen nur ich, sie und noch eine Dame, ihre beste Freundin ...“

„Ach was, Dame! Hören Sie, Alexei Fedorowitsch, hören Sie mich zu Ende; jetzt müssen Sie mich aber anhören, denn Sie können sich ja gar nicht denken, was diese zweihundert Rubel für mich bedeuten,“ fuhr der Arme, bebend vor Erregung, fort. Er schien mehr und mehr in eine geradezu wilde Begeisterung zu geraten. Er sprach halb besinnungslos, beeilte sich aber sehr, als ob er gefürchtet hätte, man würde ihn vielleicht nicht alles sagen lassen. „Abgesehen davon, daß es von der so verehrten und heiligen ‚Schwester‘ ehrlich erworben ist, kann ich jetzt, wissen Sie das auch, unser Mütterchen und Ninotschka, meinen verwachsenen Engel, meine Tochter, meine ich, gesund machen! Doktor Herzenstube kam einmal aus reiner Güte zu mir, untersuchte sie beide eine ganze Stunde lang: ‚Davon‘, sagte er, ‚begreife ich nichts‘, aber ein gewisses Mineralwasser, das auch hier in der Apotheke zu haben ist – er hat den Namen aufgeschrieben – würde ihr doch zweifellos Erleichterung bringen, und auch Fußbäder hat er angeordnet. Das Mineralwasser aber kostet dreißig Kopeken, und trinken soll sie ungefähr vierzig Flaschen. So nahm ich denn das Rezept und legte es auf das Regal unter die Heiligenbilder, dort liegt es heute noch. Und Ninotschka, sagte er, sollte man noch in einer gewissen Lösung baden, heiße Bäder und zweimal täglich, morgens und abends. Aber wie sollten wir denn solche Bäder machen, bei uns, in unserem Zimmer, ohne Dienstboten, ohne Hilfe, ohne Geschirr und ohne Wasser? Ninotschka aber ist ganz rheumatisch, das habe ich Ihnen noch gar nicht gesagt; in der Nacht schmerzt ihr die ganze rechte Seite; oh, wie sie sich quält; aber was glauben Sie wohl, sie ist ganz still, unser Engelchen, nimmt alle Kraft zusammen, um nicht zu stöhnen, uns nicht aufzuwecken oder auch nur Sorgen zu machen. Wir essen, was wir gerade haben, was man so zusammenbekommt; sie aber nimmt immer das letzte Stückchen, was man eigentlich nur noch Hunden vorwerfen könnte. Und der Blick, mit dem sie’s tut, sagt noch förmlich: ‚Bin dieses Stückchen nicht wert, ich nehme es euch fort, lebe nur euch zur Last.‘ Sehen Sie, das ist es, was ihr Engelsblick sagen will. Wenn wir sie bedienen, quält es sie: ‚Bin es doch nicht wert, ich bin doch ein unnützer Krüppel, bin doch ganz überflüssig und nur allen im Wege auf der Welt!‘ Sie soll es nicht wert sein, sie, die uns doch durch ihre Engelsgüte von Gott Verzeihung erbittet ... wäre doch ohne sie, ohne ihr sanftes Wort, die Hölle bei uns ... sogar Warjä ist durch sie sanfter geworden. Aber Warwara Nikolajewna verurteilen Sie auch nicht, die ist gleichfalls ein Engel, hat gleichfalls viel erduldet. Sie kam im Sommer her und hatte sich noch sechzehn Rubel erspart, mit Stunden verdient, um damit im September, also jetzt, nach Petersburg zurückfahren zu können. Wir aber haben ihr Geld verlebt, und nun hat sie nichts, womit sie zurückfahren könnte. Und auch abgesehen davon, kann sie nicht fahren, da sie doch wie ein Sträfling für uns arbeiten muß ... haben wir sie doch wie ein Pferd gesattelt, um auf ihr zu reiten: sie wartet allen auf, flickt, wäscht, fegt das Zimmer aus, bringt das Mütterchen zu Bett – Mütterchen aber ist irrsinnig, Verehrtester, Mütterchen weint beständig, Mütterchen ist krank! ... Aber für diese zweihundert Rubel kann ich doch eine Dienstmagd annehmen, begreifen Sie das auch, Alexei Fedorowitsch, kann ich meine Lieben gesund machen, kann ich meine Studentin nach Petersburg schicken, kann ich Rindfleisch kaufen, eine neue Diät einführen ... Herrgott, das ist doch! ...“

Aljoscha war selig, daß er soviel Glück hatte bringen können, und daß der Arme einwilligte, das Geld zu nehmen.

„Halt, Alexei Fedorowitsch, halt!“ Jenem schien plötzlich ein neuer Gedanke zu kommen, und wieder begann er in seiner sich überhastenden, besinnungslosen Weise weiterzusprechen. „Wissen Sie auch, daß wir jetzt, Iljuscha und ich, wirklich unseren Plan ausführen können? Wir werden uns einen verdeckten Wagen und ein Pferdchen kaufen, einen kleinen Rappen, er wollte unbedingt einen Rappen haben, und so ziehen wir denn ab, wie wir vor drei Tagen beschlossen. Ich habe im K-schen Gouvernement einen bekannten Advokaten, einen Jugendfreund, der, hat man mir gesagt, würde mir, wenn ich hinkäme, eine Stelle als Schreiber geben; wer kann’s denn wissen, vielleicht wird er auch wirklich was geben ... Nun, dann setzen wir Mütterchen und Ninotschka hinein, Iljuschetschka laß ich kutschieren, selbst aber gehe ich zu Fuß nebenher, und so würden wir fortziehen ... Herrgott, und wenn man nur noch eine einzige verlorene Schuld hier ausgezahlt bekäme, so würde es vielleicht wirklich dazu reichen!“

„Es wird reichen, es wird reichen!“ versicherte Aljoscha freudig. „Katerina Iwanowna wird Ihnen noch mehr geben, soviel Sie wollen, und auch ich habe Geld, nehmen Sie, soviel Sie brauchen, wie von einem Bruder, einem Freunde; später können Sie es ja wiedergeben ... Sie werden doch reich werden, bestimmt sogar! Und wissen Sie, das ist das Beste, was Sie sich ausgedacht haben, in ein anderes Gouvernement zu fahren! Das ist wirklich eine Rettung für Sie und besonders für Ihren Jungen! Nur sobald als möglich, vor der Kälte noch, vor dem Winter. Dann werden Sie uns von dort schreiben, und wir werden Brüder bleiben ... Nein, das ist kein Traum!“

Aljoscha wollte ihn fast umarmen, dermaßen glücklich war er. Doch da blickte er ihn an und blieb erschrocken stehen: Der Hauptmann stand mit vorgestrecktem Hals, vorgeschobenen Lippen, mit bleichem Gesicht, das plötzlich einen ganz wahnsinnigen Ausdruck hatte, und bewegte die Lippen, als wollte er etwas sagen, es war aber kein Laut zu hören. Er bewegte nur immer noch die Lippen – es war so sonderbar.

„Was haben Sie!“ fragte Aljoscha zusammenfahrend.

„Alexei Fedorowitsch ... ich ... Sie ...“ murmelte stockend der Hauptmann und blickte ihn so seltsam und wild und doch stier an, als ob er sich entschlösse, sich in einen Abgrund zu stürzen, und doch schienen seine Lippen gleichsam zu lächeln. „Ich ... Sie ... Soll ich Ihnen nicht ein kleines Kunststück zeigen!“ stieß er plötzlich in schnellem, entschlossenem Geflüster hervor; seine Worte stockten nicht mehr.

„Was für ein Kunststück?“

„Ein kleines Kunststück, so ein kleines Stückchen,“ fuhr der Hauptmann immer noch flüsternd fort; sein Mund verzog sich auf die linke Seite, das linke Auge kniff sich zusammen, und unverwandt blickte er Aljoscha an, als ob er sich mit seinem Blick in ihn einhaken wolle.