Frau Chochlakoff hatte Aljoscha ungeduldig erwartet und kam ihm daher wieder im Vorzimmer entgegen. Sie hatte es furchtbar eilig, denn es war etwas sehr Wichtiges geschehen: Der hysterische Anfall Katerina Iwanownas hatte mit einer Ohnmacht geendet, darauf war „eine beängstigende, eine unglaubliche Schwäche“ über sie gekommen, sie hatte sich hingelegt, die Augen geschlossen und zu phantasieren begonnen. „Jetzt hat sie Fieber,“ fuhr Frau Chochlakoff eilig fort, „ich habe nach den Tanten und nach Herzenstube geschickt. Die Tanten sind schon hier, aber Herzenstube noch nicht. Sie sitzen alle in ihrem Zimmer und warten. Was daraus noch werden mag! Sie ist besinnungslos! Denken Sie, wenn das nun Nervenfieber wird!“

Frau Chochlakoff sah tatsächlich erschrocken aus. „Das ist aber jetzt ernst, wirklich ernst!“ fügte sie immer wieder hinzu, als ob alles, was mit Katerina Iwanowna früher geschehen war, nicht ernst gewesen wäre. Aljoscha hörte ihr sorgenvoll zu. Er wollte auch von seinem Erlebnis erzählen, doch sie unterbrach ihn bereits nach den ersten zwei Worten: sie habe keine Zeit – und bat ihn daher, zu Lise zu gehen und sie bei ihr zu erwarten.

„Ach, liebster Alexei Fedorowitsch,“ flüsterte sie ihm plötzlich ins Ohr, „Lise hat mich soeben maßlos in Erstaunen gesetzt, aber sie hat mich auch gerührt, und darum verzeiht ihr mein Herz alles. Denken Sie sich nur: Kaum waren Sie fortgegangen, da bereute sie auch schon aufrichtig, sich über Sie gestern und heute, wie sie sagt, lustig gemacht zu haben. Dabei hat sie es ja gar nicht getan, sie hat doch nur gescherzt. Aber sie bereute es so aufrichtig, wirklich, bis zu Tränen, daß ich ganz erstaunt war. Niemals hat sie früher, wenn sie mir gegenüber ungezogen gewesen war, etwas ernstlich bereut; sie hat es immer nur so scherzend getan. Und Sie wissen doch, sie lacht ja fortwährend über mich. Aber nun ist sie plötzlich ernst geworden, ganz, ganz ernst. Sie schätzt Ihre Meinung so hoch, Alexei Fedorowitsch, und wenn Sie können, so seien Sie nicht gekränkt, erheben Sie keine Ansprüche. Ich tue ja auch nichts anderes, als daß ich sie schone, denn sie ist doch solch ein kluges Geschöpfchen, – werden Sie’s mir glauben? Sie sagte soeben, Sie wären von Kindheit an ihr Freund gewesen, – ‚der einzige Freund meiner Kindheit‘, – stellen Sie sich doch so etwas vor, der ‚einzige‘, – und ich? Was bin ich ihr denn gewesen? Sie hat in der Beziehung ganz außerordentlich feine Empfindungen und Erinnerungen, und zuweilen drückt sie sich in einer Weise aus, wie man es nie für möglich halten würde. So sagte sie mir zum Beispiel noch vor kurzem: Bei uns im Garten stand eine große Tanne, – das heißt, vielleicht steht sie auch jetzt noch dort, also ist kein Grund vorhanden, sich in der vergangenen Zeitform auszudrücken. Nun, Tannen sind doch keine Menschen, sie verändern sich nicht so schnell. Und was glauben Sie, Alexei Fedorowitsch, da sagt sie mir plötzlich: ‚Mama, ich habe diese Tanne immer nur als Traum gesehen‘, oder so ungefähr, sie drückte sich anders aus, – die Tanne ist doch nur ein Baum, sie aber drückte sich so aus, daß etwas ganz Besonderes dabei herauskam, und schwatzte mir darüber so befremdlichen Unsinn vor, daß ich lieber gar nicht versuchen will, alles wiederzugeben. Ich habe es auch schon vergessen. Nun, auf Wiedersehen, ich bin einfach erschüttert, ich werde wohl noch bestimmt den Verstand verlieren. Ach, Alexei Fedorowitsch, ich habe ja schon zweimal im Leben den Verstand verloren, und man hat mich dann wieder hergestellt. Gehen Sie zu Lise. Ermuntern Sie sie, wie Sie das immer so vorzüglich verstehen. Lise,“ rief sie, zu Lisas Zimmertür tretend, „ich habe dir Alexei Fedorowitsch, den du so beleidigt hast, wiedergebracht, und ich versichere dir, er ärgert sich nicht im geringsten, im Gegenteil, er wundert sich noch, wie du so etwas von ihm hast denken können!“

„Merci, Mama, treten Sie ein, Alexei Fedorowitsch.“

Aljoscha trat ein. Lise blickte etwas verlegen drein und errötete plötzlich über und über. Sie schien sich irgendeiner Sache zu schämen, und so begann sie denn, wie es in solchen Fällen gewöhnlich geschieht, schnell von etwas ganz Nebensächlichem zu sprechen, als ob sie sich im Augenblick wirklich nur für dieses Nebensächliche interessierte.

„Alexei Fedorowitsch, Mama hat mir inzwischen die ganze Geschichte mit den zweihundert Rubeln und Ihrem Auftrag ... an diesen armen Offizier erzählt, und auch diese schmachvolle Geschichte, wie er beleidigt worden ist: und wissen Sie, wenn Mama auch entsetzlich zerstreut erzählt – sie springt immer von einem aufs andere über – ich habe doch zugehört und geweint. Sagen Sie, wie haben Sie ihm das Geld übergeben, wie hat er es angenommen, und was macht er jetzt, der Arme? ...“

„Das ist es ja, daß er es nicht angenommen hat, hier handelt es sich um eine ganze Tragödie ...“ antwortete Aljoscha, der auch seinerseits tat, als dächte er nur an das Erlebte, nur daran, daß der Hauptmann das Geld nicht angenommen hatte; Lise aber bemerkte nur zu gut, daß auch er zur Seite blickte und sich absichtlich bemühte, von Nebensächlichem zu sprechen. Aljoscha setzte sich also an den Tisch und begann zu erzählen. Da aber verließ ihn seine Verlegenheit, schon nach den ersten Worten, und es gelang ihm, auch Lise mit sich fortzureißen. Er sprach unter dem Einfluß eines echten Gefühls und der erlebten starken Eindrücke, und er erzählte gut und anschaulich. Auch früher, schon in Moskau, war er zu Lise gekommen und hatte ihr, der Kleinen, gern von dem erzählt, was mit ihm geschehen war, oder was er gelesen hatte, oder sie hatten beide von ihren Kindererlebnissen gesprochen. Zuweilen hatten sie sich auch zusammen ganze Geschichten ausgedacht, doch waren das gewöhnlich nur lustige Geschichten gewesen, über die sie dann beide herzlich lachen konnten. So fühlten sie sich denn jetzt gleichsam in jene Zeit zurückversetzt. Lise war sehr ergriffen von seiner Erzählung. Aljoscha hatte es verstanden, mit warmen Worten die Gestalt des kleinen ‚Iljuschetschka‘ zu schildern. Als er alles ausführlich beschrieben hatte, auch das letzte, wie der Unglückliche das Geld mit den Füßen in die Erde gestampft hatte, schlug Lisa die Hände zusammen und unterbrach ihn erregt:

„So hat er das Geld nicht bekommen, so haben Sie ihn einfach fortlaufen lassen! Mein Gott, warum liefen Sie ihm nicht nach, warum holten Sie ihn nicht ein ...“

„Nein, Lise, es ist besser, daß ich ihm nicht nachgelaufen bin,“ sagte Aljoscha, erhob sich und schritt im Zimmer besorgt auf und ab.

„Wieso besser, warum denn besser? Jetzt haben sie nichts zu essen und werden umkommen!“