„Sie werden nicht umkommen, denn diese zweihundert Rubel werden ihnen doch nicht entgehen. Morgen wird er sie nehmen. Morgen wird er sie bestimmt nehmen,“ sagte Aljoscha nachdenklich. „Wissen Sie, Lise,“ sagte er, vor ihr stehen bleibend, „ich habe hierbei einen großen Fehler begangen, doch selbst dieser Fehler ist, wie ich sehe, gut und nützlich gewesen.“
„Was für einen Fehler? Und weshalb soll er gut und nützlich sein?“
„Das werde ich Ihnen sofort erklären. Dieser Hauptmann ist ein ängstlicher Mensch mit einem schwachen Charakter. Er hat ein gequältes, doch nur allzu weiches Herz. Jetzt denke ich so: Was hat ihn denn plötzlich so beleidigt, daß er sogar das Geld zerstampfte, denn ich versichere Sie, er wußte selbst bis zum letzten Augenblick nicht, daß er es zerstampfen werde. Jetzt sehe ich ein, daß ihn vieles kränken konnte – es hätte ja in seiner Lage auch anders gar nicht sein können ... Vor allen Dingen mußte ihn schon das allein kränken, daß er sich in meiner Gegenwart so sehr über das Geld gefreut hatte. Hätte er sich nicht so sehr darüber gefreut, hätte er seine Freude nicht so offen gezeigt, hätte er sich verstellt, sich geziert, so wie andere es tun, nun dann hätte er es vielleicht noch ertragen und das Geld angenommen. So aber hatte er sich nun einmal gar zu unverhohlen gefreut, und das war es, was ihn kränkte. Ach, Lise, er ist ein aufrichtiger und guter Mensch, das ist ja das ganze Unglück in solchen Fällen! Während der ganzen Zeit, da er sprach, war seine Stimme so schwach, so haltlos, und er sprach so schnell, so schnell, er schien gleichsam zu kichern, oder vielleicht weinte er auch schon ... ja, er weinte, dermaßen groß war sein Glück ... Und auch von seinen Töchtern erzählte er ... und auch von der Anstellung, die man ihm in einer anderen Stadt versprochen haben soll ... Und kaum hatte er sein ganzes Herz ausgeschüttet, als er sich plötzlich dessen schämte – daß er mir so seine ganze Seele gezeigt hatte. Und da mag er mich denn geradezu gehaßt haben. Er gehört zu den übermäßig verschämten Armen. Am meisten aber kränkte ihn, daß er mich so schnell zu seinem Freunde gemacht, sich mir so schnell ergeben hatte. Zuerst hatte er mich stolz angefahren, wie aber dann das Geld kam, war er mir fast um den Hals gefallen. Ja, das war es, was ihn kränkte, geradeso mußte er seine Erniedrigung empfinden, und da mußte ich dann auch noch meinen Fehler begehen. Ich sagte ihm plötzlich, er werde noch mehr Geld bekommen, wenn das zur Reise nicht reichen sollte, und auch ich würde ihm von meinem Gelde so viel geben, wie er wolle. Das aber machte ihn sofort stutzig: Warum, fragte er sich wohl, warum kommt denn nun auch er noch mit seinem Gelde? Wissen Sie, Lise, es ist überaus kränkend für einen erniedrigten Menschen, wenn sich plötzlich alle als seine Wohltäter aufspielen ... habe ich sagen gehört. Der Staretz hat es einmal bemerkt. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, aber auch mir ist es schon aufgefallen. Ich selbst fühle ja gleichfalls so. Sehen Sie, wenn er auch bis zum letzten Augenblick nicht wußte, daß er die Scheine zurückweisen werde, so ahnte er es doch schon die ganze Zeit über, davon bin ich überzeugt. Darum war ja sein Entzücken auch so groß, weil er das alles ahnte ... Und wenn das alles auch sehr traurig ist, so ist es doch gut so. Ich glaube sogar, daß es besser überhaupt nicht hätte kommen können ...“
„Warum hätte es denn besser überhaupt nicht kommen können?“ fragte Lise, die Aljoscha äußerst verwundert anblickte.
„Darum, Lise, weil er sonst, wenn er das Geld genommen und nicht zurückgeschleudert hätte, zu Hause vielleicht bereits nach einer Stunde über seine Erniedrigung in Tränen ausgebrochen wäre. Das würde er sogar bestimmt getan haben. Er würde geweint haben und wäre am nächsten Tage, womöglich schon vor Sonnenaufgang, eilends zu mir gekommen, um das Geld wie vorhin zurückzuschleudern. Jetzt aber ist er stolz und triumphierend fortgegangen, wenn er auch weiß, daß er sich ‚ins Verderben gestürzt hat‘. Gerade deshalb ist aber jetzt nichts leichter, als ihn, wenn möglich morgen schon, zu überreden, dieselben zweihundert Rubel anzunehmen, denn nun hat er doch seine Ehre bewiesen, hat das Geld uns Reichen vor die Füße geworfen! Er konnte doch nicht wissen, als er die Scheine in die Erde stampfte, daß ich sie ihm morgen wiederbringen werde. Und doch hatte er dieses Geld so maßlos nötig. Wenn er jetzt auch stolz ist, so wird ihm doch heute noch bewußt werden, welch eine Hilfe er zurückgewiesen hat. In der Nacht wird er noch mehr daran denken, ihm wird davon träumen, und am nächsten Morgen wird er womöglich am liebsten mich um Verzeihung bitten wollen. Da aber komme ich wieder zu ihm ... Ich kann ihm sagen: Sie sind ein stolzer Mensch, Sie haben es bewiesen, aber jetzt nehmen Sie das Geld und verzeihen Sie uns. Und dann wird er freudig annehmen!“
Aljoscha schloß ganz begeistert, und Lise klatschte vor Freude in die Hände.
„Ach, das ist wahr, jetzt begreife ich es! Ach, Aljoscha, woher wissen Sie nur das alles? So jung sind Sie, und doch wissen Sie schon, was in der Seele vorgeht ... Ich hätte das alles nie so ausgedacht ...“
„Vor allen Dingen muß man ihn jetzt überzeugen, daß er mit uns allen auf gleichem Fuße steht, wenn er auch von uns Geld annimmt,“ fuhr Aljoscha in seiner Begeisterung fort, „und nicht nur auf gleichem Fuß mit uns, sondern sogar auf höherem Fuß ...“
„‚Auf höherem Fuß‘! – Sie drücken sich prachtvoll aus, Alexei Fedorowitsch, aber fahren Sie fort, reden Sie nur ruhig weiter.“
„Ich ... ich habe es vielleicht nicht ganz richtig gesagt, ich meinte, auf ... auf gleicher Stufe ... aber das hat nichts zu sagen, denn ...“