„Wirst du dich nicht ärgern?“ fragte Aljoscha gleichfalls lachend.

„Nun?“

„Einfach, daß du ganz genau so ein junger Junge bist wie alle anderen dreiundzwanzigjährigen Jungen, ein ebenso junger, jugendlicher, frischer und prächtiger Junge, ein ... ein ... nun, ein milchbärtiger kleiner Knabe! Was, hab ich dich jetzt sehr gekränkt?“

„Im Gegenteil, du hast mich durch die Richtigkeit deiner Bemerkung sogar frappiert!“ sagte sofort heiter und offenherzig Iwan. „Wirst du mir glauben, daß ich heute, seitdem ich sie verlassen habe – nach dem Gespräch bei ihr – die ganze Zeit nur an diese meine dreiundzwanzigjährige ‚Milchbärtigkeit‘, wie du sagst, gedacht habe! Und nun beginnst du gerade damit, als ob du’s erraten hättest. Ich saß hier ganz allein am Fenster, und weißt du, was ich mir sagte? Nehmen wir an, ich hörte auf, an das Leben zu glauben, an den Menschen, den ich liebgewonnen habe, an die Ordnung der Dinge, nehmen wir an, ich überzeugte mich sogar, daß alles ein gesetzloses, verfluchtes und vielleicht vom Teufel beherrschtes Chaos ist, und daß mich alle Schrecken der menschlichen Verzweiflung überfallen, – so würde ich doch leben wollen, leben! Und da meine Lippen einmal diesen Becher berührt haben, so – das weiß ich! – werde ich mich nicht früher von ihm losreißen, als bis ich ihn ganz, bis auf die Neige geleert habe! Übrigens, wenn mein dreißigstes Jahr kommt, werde ich den Becher bestimmt von mir werfen, selbst wenn ich ihn nicht bis auf die Neige geleert haben sollte, und fortgehen ... ich weiß nicht wohin. Doch bis zu meinem dreißigsten Jahre, das weiß ich unerschütterlich, wird meine Jugend alles besiegen, – jede Enttäuschung, jede Verzweiflung, jeden Widerwillen vor dem Leben. Ich habe mich oftmals gefragt: Gibt es wohl in der Welt eine Verzweiflung, die diesen rasenden, wütenden und vielleicht unanständigen Lebensdurst in mir besiegen könnte? – und ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß es wahrscheinlich keine solche Verzweiflung gibt, das heißt wiederum nur bis zu meinem dreißigsten Jahre, dann werde ich selbst nicht mehr wollen ... so scheint es mir wenigstens. Dieser Lebensdurst, dieses Lechzen nach Leben wird von vielen schwindsüchtigen, hungrigen Moralisten und besonders von holden Dichtern niedrig genannt. Er ist allerdings ein echt Karamasoffscher Zug, das ist wahr, und auch in dir steckt dieser Lebensdurst, aber warum soll er denn gemein sein? Es steckt noch so ungeheuer viel Zentripetalkraft in unserem Planeten. Leben will man, Aljoscha, und ich lebe, wenn auch wider die Logik. Mag ich auch an die Ordnung der Dinge nicht glauben, so sind sie mir doch teuer, die klebrigen hellen Blättchen, die sich im Frühling an feuchten Ästen lösen, teuer ist mir der hohe blaue Himmel, teuer gar mancher Mensch, den man gar manches Mal, wirst du’s mir glauben, ohne zu wissen, warum, liebhat. Teuer ist mir manch eine Menschentat, an die zu glauben man vielleicht schon längst aufgehört hat, die aber das Herz in alter Erinnerung immer noch hoch und heilig hält ... Da kommt deine Fischsuppe. Nun, laß sie dir gut schmecken, sie wird hier vorzüglich zubereitet ... Ich will nach Europa fahren, Aljoscha, ich werde von hier aus geradenwegs hinfahren. Ich weiß es ja, daß ich nur auf einen Friedhof fahre, doch auf den teuersten, allerteuersten Friedhof, das weiß ich auch! Teure Tote liegen dort begraben, jeder Stein über ihnen redet von einem so heißen vergangenen Leben, von so leidenschaftlichem Glauben an die vollbrachten eigenen Taten, an die eigene Wahrheit, an den eigenen Kampf und die eigene Erkenntnis, daß ich, ich weiß es im voraus, zur Erde niederfallen, diese Steine küssen und über ihnen weinen werde – wenn auch mit der vollen Überzeugung im Herzen, daß das alles schon längst ein Friedhof ist, und in keinem Fall mehr als das. Und nicht aus Verzweiflung werde ich weinen, sondern einfach aus dem einen Grunde, weil mir meine Tränen Glück sein werden. Ich werde mich an der eigenen Empfindung berauschen. Die kleinen, klebrigen Frühlingsblätter, den hohen blauen Himmel liebe ich! Hier handelt es sich nicht um Verstand, nicht um Logik, hier liebt man mit dem ganzen Innern, mit dem ganzen Eingeweide, mit dem ganzen Leibe, seine ersten jungen Kräfte liebt man! ... Aljoschka, begreifst du etwas von meinem Gerede, oder ist dir alles unverständlich?“ fragte Iwan plötzlich auflachend.

„O, ich verstehe nur zu gut: Mit dem Innersten, mit dem ganzen Eingeweide will man lieben, – das hast du wundervoll gesagt, und es freut mich furchtbar, daß du so leben willst,“ sagte Aljoscha freudig. „Ich glaube, alle müssen in der Welt zuerst das Leben lieben lernen.“

„Und das Leben mehr lieben als den Sinn des Lebens?“

„Unbedingt. Vor der Logik muß man das Leben lieb gewinnen, wie du sagst, unbedingt muß es vor der Logik geschehen, nur dann werde ich auch den Sinn des Lebens begreifen. Das habe ich schon lange geahnt. Die Hälfte deiner Arbeit ist bereits getan, und die eine Hälfte deines Lebens ist erworben, Iwan: Du liebst das Leben. Jetzt mußt du dich um deine zweite Hälfte bemühen, und du bist gerettet.“

„Du bist schon beim Retten, aber ich gehe ja vielleicht überhaupt nicht unter! Und worin besteht sie denn – diese zweite Hälfte?“

„Darin, daß du deine Toten auferweckst, die – vielleicht niemals gestorben sind. Reich mir bitte den Tee. Oh, es freut mich so, Iwan, daß wir miteinander reden.“

„Aber Aljoscha, du bist ja, wie ich sehe, geradezu begeistert. Nun ich liebe ganz außerordentlich solche professions de foi, wie die unsrigen, gerade von solchen ... Novizen. Ein fester Mensch bist du, Alexei. Ist es wahr, daß du das Kloster verlassen willst?“