„Nein, nicht deswegen.“

„Also begreifst du es selbst, weswegen. Den anderen mag so etwas gleichgültig sein, uns aber, uns ‚Milchbärten‘, ist es nicht einerlei, wovon wir reden. Wir müssen vor allen anderen Dingen, die aus der Ewigkeit in die Ewigkeit reichenden Probleme lösen, das ist unsere Sorge. Ganz Jung-Rußland tut doch heutzutage nichts anderes, als über die ewigen Fragen philosophieren. Gerade heutzutage, gerade jetzt, wo alle Alten sich plötzlich an die praktischen Fragen gemacht haben. Warum hast du mich in diesen drei Monaten so erwartungsvoll angesehen? Um mich zu befragen: ‚Woran glaubst du, oder glaubst du überhaupt nicht‘, – das war es doch, was Ihre Blicke fragten, Alexei Fedorowitsch, oder war es das mit nichten?“

„Nun ja, meinetwegen war es das,“ sagte Aljoscha lächelnd. „Du machst dich doch nicht lustig über mich, Bruder?“

„Ich mich lustig machen? Ich werde doch mein kleines Brüderchen, das mich drei Monate lang so erwartungsvoll angeblickt hat, nicht betrüben wollen. Aljoscha, sieh mich einmal ganz offen an: Sieh, ich bin doch genau solch ein kleiner Knabe wie du, nur mit dem einen Unterschiede, daß ich kein Novize bin. Wie pflegen denn unsere russischen Knaben bis jetzt zu handeln? Die meisten, meine ich. Nun, hier haben wir zum Beispiel das nach Speisedüften riechende Lokal, und da kommen sie denn zusammen und setzen sich in eine Ecke. Haben sich bis dahin zeitlebens nicht gekannt, und wenn sie das Gasthaus verlassen, werden sie sich wieder vierzig Jahre lang nicht kennen. Wovon werden sie nun sprechen, wenn sie diesen einen Augenblick in der Gasthausecke erhascht haben? Selbstverständlich von den Weltfragen: Gibt es einen Gott? gibt es Unsterblichkeit? Diejenigen aber von ihnen, welche an Gott nicht glauben, nun, die sprechen über Sozialismus und Anarchismus, über die Umgestaltung der ganzen Menschheit durch einen neuen Staat, so daß es schließlich auf den reinen Teufel hinauskommt, – das sind doch alles dieselben Fragen, nur vom anderen Ende. Und welch eine unglaubliche Menge der originellsten russischen Jungen tut heutzutage nichts anderes, als über diese ewigen Fragen reden! Habe ich nicht recht?“

„Ja, für die echten Russen sind die Fragen, ob es einen Gott und ob es Unsterblichkeit gibt oder, wie du soeben sagtest, die Fragen vom anderen Ende, natürlich die wichtigsten Fragen, die allem anderen vorangehen, – so muß es auch sein,“ sagte Aljoscha, der seinen Bruder immer noch mit demselben stillen, forschenden Lächeln betrachtete.

„Sieh, Aljoscha, ein russischer Mensch zu sein, ist zuweilen gar nicht klug, doch etwas Dümmeres als das, womit sich jetzt die russischen Knaben beschäftigen, kann man sich nicht einmal vorstellen. Nur einen russischen Knaben, den Aljoscha, den liebe ich trotzdem über alles.“

„Wie nett du das eingefädelt hast,“ sagte Aljoscha auflachend.

„Nun, sag also, womit wir beginnen sollen? Es soll geschehen, wie du befiehlst. – Mit Gott? – Ob Gott existiert, nicht?“

„Womit du willst, damit beginne, meinetwegen auch ‚vom anderen Ende‘. Du erklärtest doch gestern beim Vater, daß es Gott nicht gäbe,“ sagte Aljoscha mit plötzlich forschendem Blick in die Augen des Bruders.

„Gestern bei Tisch neckte ich dich absichtlich damit – um den Alten war es mir nicht zu tun – und ich sah es wohl, wie deine Augen aufblitzten. Doch jetzt bin ich gar nicht abgeneigt, nochmals mit dir auf dieses Thema einzugehen. Ich meine das vollkommen im Ernst. Ich möchte gern, daß wir uns nähertreten, Aljoscha, denn ich habe keinen Freund. Ich will es einmal versuchen. Nun, stelle es dir mal vor, vielleicht erkenne auch ich Gott an,“ sagte Iwan lachend. „Das hattest du wohl nicht erwartet, was?“