„Kannst du mir nicht einen Dienst erweisen, Mitrij? Geh’ zu meinem Vater, zu Fedor Pawlowitsch Karamasoff, und sage ihm, daß ich nicht nach Tschermaschnjä gefahren bin. Kannst du das tun?“

„Warum denn nicht? Kenne den Herrn Fedor Pawlowitsch schon lange.“

„Hier hast du ein Trinkgeld, denn er könnte dir vielleicht keines geben,“ sagte Iwan Fedorowitsch gut gelaunt und lachte.

„Das ist schon wahr, er würde wohl nichts geben,“ sagte Mitrij gleichfalls lachend. „Danke, Herr, werde gehen, werde bestimmt hingehen ...“

Um sieben Uhr abends stieg Iwan Fedorowitsch in den Zug ein, der ihn nach Moskau brachte.

„Fort mit allem Gewesenen, Strich drunter, jetzt ist es abgeschlossen, das frühere Leben und die frühere Welt, in der ich gelebt habe, und daß kein Ruf, kein Echo mehr aus ihr zu mir herüberklinge! Hinein in die neue Welt, in das neue Leben und ohne jemals zurückzuschauen!“

Doch an Stelle des frohen Jubels erhob sich in seinem Herzen so großes Weh, wie er es in seinem Leben noch nie empfunden hatte. Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen: Gedanken jagten Gedanken; der Waggon flog ratternd dahin, und erst beim Morgengrauen, kurz vor der Einfahrt in Moskau, war es ihm, als ob er plötzlich erwachte.

„Ich bin ein Schuft!“ murmelte er vor sich hin.

Fedor Pawlowitsch dagegen blieb sehr zufrieden zurück, als das Söhnchen abgefahren war. Ganze zwei Stunden lang fühlte er sich beinahe glücklich und kippte von Zeit zu Zeit einen Kognak. Doch plötzlich geschah etwas sehr Ärgerliches und für alle Hausbewohner Unangenehmes, was Fedor Pawlowitsch sofort in große Unruhe versetzte: Ssmerdjäkoff war nämlich aus irgendeinem Grunde in den Keller gegangen und von der Treppe hinuntergefallen. Es war noch ein Glück, daß Marfa Ignatjewna sich gerade auf dem Hof befand und es rechtzeitig hörte. Den Fall hatte sie zwar nicht gesehen, dafür aber hatte sie den Schrei gehört, den Schrei eines Epileptikers, der im Anfall hinstürzt. Ob ihn nun der Anfall beim Hinabsteigen getroffen hatte und er dann bewußtlos die Treppe hinuntergestürzt war, oder ob der Anfall durch den Sturz und die Erschütterung verursacht worden war, – das ließ sich natürlich nicht feststellen, doch fand man ihn schon auf dem Boden des Kellers in Krämpfen liegen, Schaum vor dem Munde. Man glaubte zuerst, er müsse sich wenigstens ein Glied, einen Arm oder ein Bein gebrochen oder beschädigt haben, doch siehe: „Gott hatte ihn beschützt,“ wie Marfa Ignatjewna sagte; er hatte sich nicht den geringsten Schaden zugefügt, nur war es schwer, ihn aus dem Keller in Gottes freie Natur hinaufzuschaffen. Man bat aber die Nachbarn um Hilfe und brachte ihn dann, so gut es ging, nach oben. Fedor Pawlowitsch wohnte persönlich dieser ganzen umständlichen Prozedur bei und half sogar eigenhändig; jedenfalls war er nicht wenig erschrocken und sehr besorgt. Der Kranke kam nicht sobald zur Besinnung. Die Anfälle hörten wohl zeitweilig auf, doch kamen sie immer wieder, und so meinten schließlich alle, daß der Anfall ebenso lange andauern werde wie im vorigen Jahre, als er vom Hausboden herabgefallen war. Man erinnerte sich, daß er damals Eisumschläge auf die Stirn und den Scheitel bekommen hatte, und beschloß daher, jetzt dasselbe Mittel anzuwenden. Eis fand sich noch im Keller, und Marfa Ignatjewna machte ihm die Umschläge. Fedor Pawlowitsch aber schickte zu Herzenstube, der auch sofort kam. Nachdem er den Kranken sorgfältig untersucht hatte (er war der sorgfältigste und aufmerksamste Arzt im ganzen Gouvernement), erklärte er, daß der Anfall ein „außerordentlicher“ sei und „Gefahr drohen könne“, daß er, Herzenstube, vorläufig noch nicht alles begreife, daß er aber morgen früh, falls diese Mittel nicht helfen sollten, sich entschließen werde, andere anzuwenden. Der Kranke wurde in sein Zimmer gebracht und zu Bett gelegt. Grigorijs und Marfas Schlafstube war nur durch eine dünne Wand von Ssmerdjäkoffs Zimmer getrennt, so daß Marfa Ignatjewna sofort hören konnte, wenn es dem Kranken vielleicht schlecht gehen sollte. Der arme Fedor Pawlowitsch aber hatte an diesem Tage ein Unglück nach dem anderen zu ertragen: das Essen hatte Marfa Ignatjewna zubereitet, und so fand Fedor Pawlowitsch, daß die Suppe im Vergleich zu Ssmerdjäkoffs Meisterwerken „das reine Spülwasser“ sei, und das Huhn erwies sich als dermaßen vertrocknet, daß für ihn ganz ausgeschlossen war, es durchzukauen. Marfa Ignatjewna aber entgegnete auf die bitteren, wenn auch gerechten Vorwürfe des Herrn, daß das Huhn sowieso sehr alt gewesen sei und sie das Kochen nicht bei Professoren gelernt habe. Und am Abend kam dann noch ein neues Unglück hinzu: Fedor Pawlowitsch wurde gemeldet, daß Grigorij, der sich vor zwei Tagen erkältet hätte, völlig kreuzlahm zu Bett liege. Fedor Pawlowitsch trank daher seinen Abendtee möglichst früh und schloß sich dann allein im Hause ein. Er war durch die fieberhafte Erwartung ungewöhnlich erregt. Er war nämlich überzeugt, daß Gruschenka an diesem Abend ganz bestimmt kommen werde, da ihm Ssmerdjäkoff schon am Morgen gesagt hatte, sie hätte versprochen, „unfehlbar heute zu kommen“. Das Herz des unruhigen Alten schlug erwartungsvoll; er ging erregt in seinen großen einsamen Räumen umher und blieb immer wieder lauschend und aufhorchend mit klopfendem Herzen stehen. Er mußte auf der Hut sein; konnte doch Dmitrij Fedorowitsch irgendwo in der Nähe ihr auflauern, und so hieß es, wenn sie ans Fenster klopfte (Ssmerdjäkoff hatte ihm schon vor drei Tagen versichert, daß er ihr ausführlich gesagt hätte, wo und wie sie klopfen sollte), so hieß es dann sofort, die Tür öffnen und sie keine Sekunde lang warten lassen, damit sie nur um Gotteswillen nicht vor irgend etwas Angst bekäme und fortliefe. Besorgt und unruhig wartete Fedor Pawlowitsch. Noch nie hatte sein Herz in so süßer Hoffnung geschwelgt: es war doch so gut wie sicher und bestimmt, daß sie diesmal kommen werde! ...

Sechstes Buch.
Ein russischer Mönch