Ich saß da und wußte keine Antwort. Ich murmelte nur ein Gebet vor mich hin.
„Was sagen Sie?“ Er sah mich fragend an.
„Gehen Sie,“ antwortete ich, „und sagen Sie es den Leuten. Alles vergeht, nur die Wahrheit allein bleibt bestehen. Ihre Kinder werden heranwachsen und begreifen, wieviel Hochherzigkeit in Ihrem großen Entschlusse gelegen hat.“
Er verließ mich damals, scheinbar ganz entschlossen. Aber länger als zwei Wochen kam er dann wieder jeden Abend zu mir, und immer noch konnte er sich nicht dazu entschließen. Das ermüdete mein Herz. Eines Abends aber kam er und sagte:
„Ich weiß –, daß für mich sofort das Paradies anbrechen wird, sobald ich es gestanden habe. Vierzehn Jahre habe ich in der Hölle gelebt. Ich will das enden. Ich will das Leiden jetzt freiwillig auf mich nehmen und anfangen zu leben. Mit der Unwahrheit kommt man wohl bis ans Ende der Welt, eine Rückkehr gibt es aber nicht mehr. Jetzt wage ich weder meinen Nächsten, noch selbst meine Kinder zu lieben. Mein Gott, vielleicht werden die Kinder einmal begreifen, was mich dieses Leid gekostet hat, und mich nicht verurteilen! Gott ist nicht in der Macht, sondern in der Wahrheit.“
„Alle werden Ihre Tat begreifen,“ sagte ich zu ihm, „wenn nicht sofort, so doch später, denn Sie haben dann der Wahrheit gedient, der höheren Wahrheit, nicht der irdischen ...“
Und wieder ging er fort, als ob er sich darüber beruhigt hätte, und doch kam er am nächsten Tage bleich und erbittert wieder und sagte spöttisch:
„Jedesmal, wenn ich zu Ihnen komme, sehen Sie mich fragend an: ‚Also wieder nicht?‘ Warten Sie, verachten Sie mich nicht zu sehr. Nicht so leicht ist es, wie es Ihnen scheint. Ich werde es vielleicht überhaupt nicht tun. Sie werden mich doch nicht anzeigen, wie?“
Ich aber, oh, nicht, daß ich gewagt hätte, ihn fragend anzusehen, – ich wagte überhaupt nicht, ihn anzusehen! Ich war bis zur Erschöpfung gequält, und meine Seele war voller Tränen. Die Nächte verbrachte ich schlaflos.
„Ich komme soeben,“ fuhr er fort, „von meiner Frau. Begreifen Sie das, was einem eine Frau ist? Als ich fortging, riefen die Kinder mir nach: ‚Adieu, Papa, komme bald wieder, wir wollen dann zusammen unsere Kinderbücher lesen.‘ Nein, das verstehen Sie nicht! Fremdes Leid macht nicht gescheit.“