„Ein schrecklicher Vers,“ sagte er. „Wahrlich, Sie haben ihn gut ausgesucht!“ Er erhob sich vom Stuhl: „Nun,“ sagte er, „leben Sie wohl, vielleicht werde ich nicht mehr zu Ihnen kommen – im Paradiese werden wir uns wiedersehen. Schon vierzehn Jahre sind es also, daß ich in die Hände des lebendigen Gottes gefallen bin, das kann ich wahrlich von diesen vierzehn Jahren sagen! Morgen werde ich diese Hände bitten, daß sie mich freigeben.“
Ich wollte ihn umarmen und küssen, aber ich wagte es nicht, so verzerrt war sein Gesicht; es wurde mir schwer, ihn anzusehen. Er ging hinaus. „Mein Gott,“ dachte ich, „wohin geht dieser Mensch!“ Ich warf mich auf die Knie hin vor das Muttergottesbild und betete. Es verging wohl eine halbe Stunde, als ich mich endlich mit Tränen in den Augen vom Gebet erhob; es war schon spät abends, gegen Mitternacht. Plötzlich sah ich, wie die Tür sich wieder öffnete und er eintrat. Ich war erstaunt.
„Wo sind Sie gewesen?“ fragte ich ihn.
„Ich,“ sagte er, „... ich habe, glaube ich, etwas vergessen ... mein Taschentuch, glaube ich. Nun, und wenn ich auch nichts vergessen habe, erlauben Sie mir, mich zu setzen ...“
Er setzte sich. Ich stand vor ihm. „Setzen Sie sich gleichfalls.“ Ich setzte mich. So saßen wir etwa drei Minuten, er sah mich starr fixierend an, und plötzlich lächelte er, stand auf, umarmte mich und küßte mich.
„Behalte es im Gedächtnis,“ sagte er, „wie ich zum zweitenmal zu dir gekommen bin. Hörst du, behalte es!“
Zum erstenmal nannte er mich du. Er ging fort. „Morgen,“ dachte ich.
Und so war es auch. Ich aber wußte an jenem Abend nicht, daß er den Tag darauf seinen Geburtstag feierte. In der letzten Zeit war ich gar nicht ausgegangen und hatte es von niemandem erfahren können. An diesem Tage pflegte sich die ganze Stadt bei ihm zu versammeln. Auch dieses Mal gab es eine große Gesellschaft. Und siehe, nach dem großen Festessen, stellte er sich in die Mitte des Zimmers, in den Händen hält er ein Papier – die formelle Anzeige an die Obrigkeit. Da aber alle hohen Gerichtspersonen bei ihm versammelt waren, so las er den Bericht den Anwesenden laut vor, – die ganze Beschreibung seines Verbrechens bis in alle Einzelheiten! „Als einen Auswurf des Menschengeschlechts scheide ich mich selbst aus der Mitte der Menschen, Gott hat mich heimgesucht,“ – damit schloß er seine Anschuldigung. – „Ich will dafür leiden.“ Darauf breitete er die gestohlenen Gegenstände auf dem Tisch aus, die Beweise seines Verbrechens, die er vierzehn Jahre lang bei sich aufbewahrt hatte. Die Goldsachen der Erschlagenen, mit denen er den Verdacht von sich abgelenkt hatte, das Medaillon und das Kreuz, die er ihr vom Halse genommen – im Medaillon das Bild ihres Verlobten; ferner ihr Notizbuch und zwei Briefe: der Brief ihres Verlobten an sie, mit der Nachricht seiner baldigen Rückkehr, und ein Brief von ihr, den sie angefangen, aber nicht beendigt hatte, und der auf dem Schreibtisch liegen geblieben war, um am nächsten Tage abgesandt zu werden. Beide Briefe hatte er an sich genommen – weshalb? Und weshalb hatte er sie vierzehn Jahre lang aufbewahrt, statt sie als Beweisstücke zu vernichten? Und was geschah darauf? Alle gerieten in Verwunderung und in Schrecken, und niemand wollte es glauben, obgleich sie ihm alle mit großer Aufmerksamkeit und Neugier zugehört hatten, wenn auch mehr wie einem Kranken. Nach einigen Tagen wurde denn auch von allen behauptet, daß der unglückliche Mensch seinen Verstand verloren habe. Die Obrigkeit und das Gericht mußten die Sache, ob sie wollten oder nicht, aufnehmen, aber auch sie zögerten: denn obwohl die vorgewiesenen Sachen und die Briefe zu denken gaben, kam man doch zu dem Schluß, daß, wenn die Dokumente sich auch als richtig erweisen sollten, man ihn schließlich nicht nur auf Grund dieser Dokumente verurteilen konnte. Denn die Sachen hätte er ebensogut als ihr Bekannter und Vertrauensmann von ihr erhalten können. Übrigens hörte ich später, daß die Sachen von vielen Bekannten und Verwandten der Ermordeten erkannt worden wären. Aber wieder war es auch dieses Mal der Sache nicht bestimmt, zu einem Abschluß zu kommen. – Fünf Tage nachher erfuhren wir alle, daß er erkrankt war, und man meinte allgemein, es sei ein Herzleiden; auch wurde bekannt, daß seine Frau alle Doktoren zusammenberufen hatte, damit sie ihn auf seinen Geisteszustand hin untersuchten. Deren Urteil aber lautete – Geistesstörung. Ich sagte niemandem etwas von dem, was ich wußte, obgleich man mich über ihn ausfragen wollte; als ich ihn aber zu besuchen wünschte, da überhäufte man mich mit Vorwürfen, besonders seine Gemahlin tat es: „Sie sind es, der ihn so erschüttert hat, wenn er auch schon früher immer finster war, so ist doch allen seine ungewöhnliche Erregung, sein sonderbares Benehmen in jüngster Zeit aufgefallen. Sie haben ihn ins Verderben gestürzt, haben ihn beeinflußt, er hat den ganzen Monat nur bei Ihnen gesessen.“ Und nicht nur seine Frau, nein, alle in der Stadt stürzten sich auf mich und beschuldigten mich. „Das alles haben Sie getan.“ Ich schwieg, und in meinem Herzen freute ich mich; ich erkannte die Gnade Gottes gegen ihn, der sich aus eigener Kraft aufgerichtet hatte. An eine Geistesstörung glaubte ich selbstverständlich nicht. Schließlich ließ man mich zu ihm: er hatte darauf bestanden – um sich von mir zu verabschieden. Ich trat zu ihm ins Zimmer und bemerkte sofort, daß nicht nur seine Tage, sondern seine Stunden gezählt waren. Er war schwach, gelb, und seine Hände zitterten; er atmete schwer, doch sein Blick war freudig und gerührt.
„Es ist vollbracht! lange schon habe ich mich danach gesehnt mit dir zu sprechen, warum kamst du nicht?“
Ich sagte ihm nicht, daß man mich nicht vorgelassen hatte.