Dieses ruhige und schnelle Einverständnis kam so unerwartet für Rakitin, daß er fast zurückschrak.
„Nun ja, warum auch nicht!“ meinte er verdutzt, griff aber plötzlich Aljoscha unter den Arm und zog ihn schnell mit sich fort, in großer Angst, daß dieser seinen Entschluß ändern könnte. Sie gingen schweigend zur Stadt. Rakitin fürchtete sich sogar, zu sprechen.
„Froh wird sie sein, riesig froh ...“ murmelte er, doch verstummte er wieder.
Doch nicht nur, um Gruschenka eine Freude zu bereiten, führte er Aljoscha zu ihr. Er war ein „gediegener“ Mensch, – ohne ein für ihn vorteilhaftes Ziel unternahm er nichts. Hierbei verfolgte er nun einen doppelten Zweck: erstens, sich zu rächen, – das heißt „die Schande des Gerechten“ und „den Fall“ Aljoschas „vom Heiligen zum Sünder“ zu erleben, worüber er sich schon im voraus freute. Und zweitens verfolgte er ein für sich sehr vorteilhaftes, materielles Ziel, wovon später noch die Rede sein wird.
„Also, solch ein Augenblick ist das,“ dachte er bei sich boshaft frohlockend, „wollen wir ihn am Schopf fassen, diesen Augenblick, denn er wird uns sehr gelegen kommen.“
III.
Das Zwiebelchen
Gruschenka wohnte in der belebtesten Gegend der Stadt, in der Nähe der Kathedrale. Sie hatte bei einer Frau Morosoff, einer Kaufmannswitwe, auf dem Hof ein kleineres hölzernes Nebenhaus gemietet. Das Haus, in dem Frau Morosoff selbst wohnte, war ein großes zweistöckiges Steingebäude und sah von außen eigentlich recht unschön aus. In ihm lebten, außer der alten Besitzerin, noch deren zwei Nichten, die gleichfalls schon alte, ledige Damen waren. Frau Morosoff hatte es nicht nötig, ihr Haus auf dem Hofe zu vermieten, aber alle wußten, daß sie Gruschenka nur darum als Mieterin aufgenommen hatte, um ihrem Verwandten, dem Kaufmann Ssamssonoff – dem offiziellen Protektor Gruschenkas – einen Gefallen zu erweisen. Man sagte damals, daß der eifersüchtige Alte seine „Favoritin“ nur aus dem einen Grunde bei der Morosowa untergebracht hätte, weil er vor allem auf die scharfen Augen der Alten, die auf die Aufführung der neuen Mieterin achtgeben sollten, gerechnet habe. Alsbald aber sah er ein, daß die scharfen Augen ganz überflüssig waren, und auch die Morosowa gab schließlich auf, Gruschenka mit einer Aufsicht zu belästigen. Ja, es waren schon vier Jahre seit der Zeit vergangen, als der Alte das schüchterne, bescheidene, bleiche und magere achtzehnjährige Mädchen, das immer nachdenklich und traurig war, aus der Gouvernementshauptstadt in dieses Haus gebracht hatte. Die Lebensgeschichte des jungen Mädchens kannte man übrigens in unserer Stadt nur wenig und ganz ungenau; in der letzten Zeit, und selbst dann, als sich viele für diese „Schönheit“, zu der sich Agrafena Alexandrowna in den vier Jahren entwickelt hatte, zu interessieren begannen, konnte man noch immer nichts Genaues über sie erfahren. Es verbreitete sich nur das Gerücht, daß das siebzehnjährige Mädchen, wie es hieß, von irgendeinem Offizier verführt und sofort verlassen worden sei. Der Offizier wäre fortgefahren und hätte darauf irgendwo eine andere geheiratet. Kurz, Gruschenka war in Armut und Schande zurückgeblieben. Auch sprach man darüber, daß Gruschenka vom Alten zwar aus armen Verhältnissen gezogen wäre, trotzdem aber aus einer achtbaren Familie stamme. Ihr Vater sei ein Diakon oder etwas in der Art gewesen. In diesen vier Jahren war aus der empfindsamen, beleidigten und mageren kleinen Waise eine stolze, prächtige russische Schönheit geworden, eine Frau mit kühnem und entschlossenem, vielleicht frechem, doch jedenfalls stolzem Charakter, ein Weib, das in Geldsachen sehr bewandert, dabei geizig und vorsichtig war, und das verstanden hatte, rechtmäßig oder unrechtmäßig – wie viele von ihr behaupteten –, ein kleines Kapital für sich zusammenzuscharren. In einem aber stimmten alle überein: daß es sehr schwierig war, sich Gruschenka zu nähern, und daß sich außer ihrem Protektor, dem Alten, in diesen vier Jahren niemand rühmen konnte, ihre Geneigtheit errungen zu haben. Das war Tatsache, denn diese Geneigtheit zu erwerben, danach strebten nicht wenig Liebhaber, besonders in den zwei letzten Jahren. Doch alle Versuche schlugen fehl, und einige von den Unternehmungslustigen waren gezwungen, sich lächerlich und schimpflich zurückzuziehen, infolge des unbesieglichen und hohnvollen Widerstandes der charakterfesten jungen Person. Man wußte auch, daß diese junge Person, besonders im letzten Jahr, sich auf das eingelassen hatte, was man allgemein „Geschäfte“ nennt, und darin außerordentliche Fähigkeiten bewies, so daß zu guter Letzt viele sie eine wahre Jüdin nannten. Nicht nur, daß sie etwa Geld auf Prozente verliehen hätte, man erzählte sich sogar, daß sie zum Beispiel in Gemeinschaft mit Fedor Pawlowitsch Karamasoff seit einiger Zeit Wechsel zu Spottpreisen aufkaufte, zu zehn für hundert, und dann beim Verkauf einen Rubel auf zehn Kopeken verdiente. Der kranke Ssamssonoff, der im letzten Jahr des Gebrauches seiner geschwollenen Beine gänzlich beraubt war – Witwer und Tyrann seiner erwachsenen Söhne –, und der sicher einige hunderttausend Rubel besaß, ein unerbittlicher und geiziger Mensch, verfiel vollständig dem Einfluß seiner Schutzbefohlenen, die er anfangs „auf Fastenöl“, das heißt ganz knapp, hatte halten wollen, wie die Spötter meinten. Doch Gruschenka hatte verstanden, sich seiner Bevormundung zu entziehen, indem sie dem Alten unbedingtes Vertrauen auf ihre Treue einflößte. Dieser Alte (jetzt ist er schon lange tot) war ein großer Geschäftsmann und gleichfalls ein bemerkenswerter Charakter. Er war geizig und hartherzig wie ein Kieselstein, und obgleich Gruschenka auf ihn einen großen Einfluß ausübte, so daß er ohne sie kaum noch leben konnte (was besonders in den zwei letzten Jahren der Fall war), so ließ er ihr doch nicht ein größeres Kapital zuschreiben, und selbst wenn sie ihm gedroht hätte, ihn zu verlassen, so wäre er unerbittlich geblieben. Dafür hatte er ihr aber ein kleines Kapital angewiesen, über dessen geringe Höhe man später sehr erstaunt war. „Du bist ein Weib, das nicht auf den Kopf gefallen ist,“ soll er zu ihr gesagt haben, nachdem er ihr an achttausend Rubel geschenkt hatte, „verdiene selbst damit, doch wisse, daß du außer deinem jährlichen Unterhalt bis zu meinem Tode nichts mehr bekommst, auch in meinem Testament werde ich dir nichts vermachen.“ So hielt er denn sein Wort. Als er starb, hinterließ er alles seinen Söhnen, die er sein ganzes Leben lang mit Weib und Kind auf einer Stufe mit den Dienstboten bei sich gehalten hatte; Gruschenka war nicht einmal im Testament erwähnt. Alles das wurde erst in der Folge bekannt. Mit Ratschlägen dagegen, wie Gruschenka mit ihrem Kapital zu verfahren habe, kargte er nicht, und er half ihr sogar bei den „Geschäften“. Als Fedor Pawlowitsch Karamasoff, der anfangs nur aus Gründen eines gelegentlichen „Geschäfts“ mit Gruschenka zusammengetroffen war, sich sterblich in sie verliebte und ihretwegen fast kindisch wurde, da lachte der alte Ssamssonoff, der sich schon in den letzten Lebensstadien befand, herzlich darüber. Bemerkenswert ist noch, daß Gruschenka zu ihrem Alten während der ganzen Dauer ihres Verhältnisses vollkommen und von ganzem Herzen aufrichtig war, und zwar war sie das auf der ganzen Welt nur ihm gegenüber. Als aber in der letzten Zeit auch Dimitrij Fedorowitsch mit seiner Liebe auftauchte, da lachte der Alte nicht mehr. Im Gegenteil, er riet Gruschenka ernst und streng: „Wenn du einen von beiden wählst, so wähle den Alten, aber nur mit der Bedingung, daß der alte Schuft dich unfehlbar heiratet und dir im voraus einiges Kapital verschreibt. Doch mit dem Leutnant lasse dich nicht ein, daraus wird nichts.“ Das war der Rat, den der alte Wollüstling Gruschenka gegeben hatte. Er fühlte schon damals seinen nahen Tod voraus, und ein paar Monate nach diesem Gespräch starb er denn auch. Ich will hier noch bemerken, daß bei uns in der Stadt damals viele von der ungeheuerlichen Nebenbuhlerschaft der Karamasoffs, Vater und Sohn, wußten, deren Gegenstand Gruschenka war, aber ihre wirkliche Beziehung zu beiden, zum Vater wie zum Sohne, verstand wohl kaum jemand. Sogar die beiden Dienstmädchen Gruschenkas sagten später (nach der Katastrophe, von der weiterhin die Rede sein wird) vor Gericht aus, daß Agrafena Alexandrowna Dimitrij Fedorowitsch nur aus Furcht empfangen habe, weil er ihr gedroht hätte, sie zu töten. Sie hielt zwei Dienstmädchen: eine alte, kranke und harthörige Köchin, die bereits bei ihren Eltern gedient hatte, und deren Enkelin, ein munteres Mädchen von zwanzig Jahren, das ihr Stubenmädchen war. Gruschenka lebte sehr sparsam, und auch ihre Wohnung war durchaus nicht reich ausgestattet. Sie bewohnte nur drei Zimmer, die von der Hausbesitzerin mit alten Möbeln, Fasson der zwanziger Jahre, eingerichtet waren.
Als Rakitin und Aljoscha bei ihr eintraten, war es draußen schon fast dunkel, doch war trotzdem in den Zimmern noch nicht Licht gemacht. Gruschenka lag in ihrem Empfangszimmer auf einem großen, plumpen Diwan, der mit bereits abgenutztem und hier und da durchlöchertem Leder überzogen war. Unter ihrem Kopf hatte sie zwei weiße Daunenkissen, die sie von ihrem Bett genommen haben mochte. Sie lag auf dem Rücken und hatte beide Hände unter den Kopf geschoben. Gekleidet war sie, als wenn sie Besuch erwartet hätte: sie trug ein schwarzes Seidenkleid, im Haar hatte sie einen duftigen Spitzentuff, der ihr vorzüglich stand, und um die Schultern hatte sie sich einen kostbaren Spitzenschal geschlungen, der vorne mit einer schweren Goldbrosche zugesteckt war. Mit bleichem Gesicht und heißen Lippen lag sie da und schien ungeduldig jemanden zu erwarten; ihre rechte Fußspitze klopfte nervös an die Seitenlehne des Diwans. Rakitins und Aljoschas Eintritt rief im Hause eine kleine Aufregung hervor: Sie hörten schon im Vorzimmer, wie Gruschenka schnell vom Diwan aufsprang und erschrocken laut fragte: „Wer ist da?“ Das Stubenmädchen empfing die Gäste und rief sofort ihrer Herrin zu:
„Nichts, nichts! Das ist nicht er, das sind andere!“
„Was ist mit ihr?“ murmelte Rakitin und führte Aljoscha an der Hand ins Gastzimmer.