Gruschenka stand immer noch ganz erschrocken am Diwan. Eine schwere Flechte ihres dunkelblonden Haares löste sich und fiel auf ihre rechte Schulter herab, aber sie beachtete es nicht und steckte sie auch nicht eher auf, bevor sie sich vergewissert hatte, wer die Gäste waren.
„Ach, das bist du, Rakitka? Wie du mich erschreckt hast. Aber mit wem kommst du denn da? Wer ist das? Herrgott, sieh, wen du da mitgebracht hast!“ rief sie aus, als sie Aljoscha bemerkte.
„Befiehl mal, daß man Licht macht!“ sagte Rakitin in dem nachlässigen Tone eines intimen Bekannten, der sich das Recht herausnehmen kann, im Hause Anordnungen zu treffen.
„Licht ... natürlich, Licht ... Fenjä, bring ihm ein Licht ... Nun, du hast also Zeit gefunden, ihn herzubringen!“ rief sie wieder aus und nickte Aljoscha zu. Darauf wandte sie sich zum Spiegel und brachte schnell mit beiden Händen ihre Haarflechte in Ordnung.
Sie schien aber unzufrieden zu sein.
„Paßt es dir etwa nicht?“ fragte Rakitin sofort beleidigt.
„Du hast mich erschreckt, Rakitka, das ist’s!“ Gruschenka wandte sich sofort mit einem Lächeln zu Aljoscha. „Fürchte dich nicht, Aljoscha, mein Täubchen, ich freue mich furchtbar über dich, mein unerwarteter Gast. Aber du, Rakitka, du hast mich erschreckt: Ich dachte nämlich, Mitjä bräche wieder ein. Ich habe ihn nämlich vorhin betrogen, ich habe ihm das Ehrenwort abgenommen, daß er mir glauben werde, und habe ihn dann doch belogen. Ich sagte ihm, daß ich zu Kusjma Kusjmitsch, zu meinem Alten, gehe, um den ganzen Abend bis in die Nacht hinein mit ihm Geld zu zählen. Ich gehe jede Woche einmal auf einen ganzen Abend zu ihm, um mit ihm seine Rechnungen zu ordnen. Wir schließen uns dann ein: er klappert auf dem Rechenbrett, und ich sitze und trage in die Bücher ein; er hat nur zu mir allein Zutrauen. Mitjä glaubte mir, daß ich dort bleiben werde, ich aber habe mich hier zu Hause eingeschlossen, sitze nun und warte auf eine gewisse Nachricht. Wie hat euch die Fenjä nur hereingelassen! Fenjä, Fenjä! Lauf schnell zur Hofpforte und sieh nach, ob nicht Dmitrij Fedorowitsch in der Nähe ist. Vielleicht hat er sich irgendwo versteckt und lauert mir auf. Wie den Tod fürchte ich ihn!“
„Niemand ist dort, Agrafena Alexandrowna, ich habe mir schon die Augen aus dem Kopf gesehen, ich laufe doch alle Augenblick hinaus, um ein wenig zu lauern. Ich habe selbst solche Angst!“
„Sind die Fensterläden geschlossen, Fenjä? Man muß auch die Vorhänge herunterlassen, so!“ Sie ließ selbst die schweren Vorhänge herab. „Sonst kommt er noch auf das Licht hin sofort herbeigelaufen. Ja, Aljoscha, heute fürchte ich deinen Bruder sogar sehr.“
Gruschenka sprach lauter als sonst, und wenn sie auch unruhig zu sein schien, so war sie doch wie in einem Freudenrausche.