„Laß ihn, Aljoscha, mein Cherub, siehst du, wie er ist, du hast dich an den Rechten gewandt. Ich, Michail Ossipowitsch,“ sagte sie zu Rakitin, „wollte dich um Verzeihung bitten, weil ich dich gekränkt habe, aber jetzt will ich es nicht mehr tun. Aljoscha, komm zu mir, setz dich neben mich,“ rief sie ihn mit glücklichem Lächeln zu sich. „Sieh, so, setze dich her, sage du mir“ (sie ergriff seine Hand und sah ihm lächelnd ins Gesicht). „Sage du mir: Liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Meinen Beleidiger, meine ich, liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Ich lag hier, bevor ihr kamt, allein in der Dunkelheit und fragte mein Herz: Liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Entscheide du, Aljoscha, jetzt ist es Zeit, wie du bestimmst, so wird es geschehen. Soll ich ihm vergeben, oder soll ich ihm nicht vergeben?“

„Du hast ihm doch schon vergeben,“ sagte Aljoscha lächelnd.

„Ja, sofort habe ich ihm vergeben,“ entgegnete Gruschenka nachdenklich. „Was für ein niedriges Herz! Ich trinke auf mein niedriges Herz!“ Sie ergriff ein Glas, leerte es bis auf den Grund, hob es in die Höh und warf es mit Wucht zu Boden. Die Scherben klirrten. Ihr Lächeln war grausam in diesem Augenblick.

„Vielleicht habe ich ihm aber doch noch nicht vergeben!“ sagte sie drohend wie zu sich selbst, und ihr Blick haftete am Boden. „Vielleicht hat mein Herz erst angefangen zu verzeihen. Ich kämpfe ja noch mit meinem Herzen. Ich, siehst du, Aljoscha, ich habe die Tränen meiner fünfjährigen Qual liebgewonnen ... Vielleicht liebe ich nur mein Leid, meine Kränkung, und liebe ihn überhaupt nicht!“

„Na, ich möchte jetzt nicht in seiner Haut stecken!“ meinte Rakitin.

„Und wirst auch nie in seiner Haut stecken, Rakitka, nie! Du wirst mir die Stiefel putzen, Rakitka, dazu kann ich dich gebrauchen, aber solch eine wie ich wirst du niemals zu sehen bekommen ... Ja, und vielleicht auch er nicht ...“

„Er? Warum hast du dich denn so aufgeputzt?“ neckte schadenfroh Rakitin.

„Wirf mir nicht den Putz vor, Rakitka, du kennst mein Herz noch nicht! Wenn ich will, so zerreiße ich ihn, sofort zerreiße ich ihn, in dieser Minute!“ rief sie laut. „Du weißt noch nicht, wozu diese Toilette dienen soll, Rakitka! Vielleicht nur, um zu ihm zu gehen und ihm zu sagen: ‚Hast du mich schon so gesehen oder noch nicht?‘ Er hat mich doch als siebzehnjähriges, mageres und abgezehrtes Ding verlassen. Da werde ich mich zu ihm setzen, ihn berücken und anfachen: ‚Hast du gesehen, wie ich jetzt bin,‘ werde ich ihm sagen, ‚nun, und dabei bleibt es, mein werter Herr, kannst dir die Lippen lecken, mehr gibt es nicht!‘ siehst du, wozu diese Toilette noch dienen kann, Rakitka,“ schloß Gruschenka mit bösem Lachen. „Ich bin ein wütendes, ein schlechtes Geschöpf, Aljoscha. Wenn ich will, so zerreiße ich meinen Putz in Fetzen, verstümmle ich meine Schönheit, verbrenne mir das Gesicht und zerschneide es mit dem Messer und gehe betteln. Wenn ich will, so gehe ich jetzt nirgendwohin und zu niemandem und schicke morgen Kusjma alles zurück, was er mir geschenkt hat, all sein Geld, und gehe hin, um mein ganzes Leben lang Tagelöhnerin zu sein! ... Du denkst wohl, daß ich es nicht tun würde, Rakitka, nicht wagen würde, das zu tun? Ich werde es tun, werde es tun, sofort werde ich es tun, reizt mich nur nicht ... ihn aber werde ich fortjagen, dem will ich ... der soll mich nicht zu sehen bekommen!“

Die letzten Worte rief sie außer sich. Wieder konnte sie sich nicht beherrschen. Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, warf sich in die Kissen und schüttelte sich vor Schluchzen. Rakitin erhob sich von seinem Platz:

„Es ist Zeit,“ sagte er, „es ist schon spät, man wird uns nicht mehr ins Kloster einlassen.“