Gruschenka stand mitten im Zimmer und sprach erregt; in ihrer Stimme klang schon eine hysterische Note.
„Schweig, Rakitka, du verstehst nichts von uns! und wage es nicht, mich Du zu nennen, ich erlaube es dir nicht, – seit wann hast du dir diese Frechheit überhaupt herausgenommen? Sitz in der Ecke und schweige, du bist mein Lakai! Aber dir, Aljoscha, werde ich jetzt über mich die lautere Wahrheit sagen, damit du weißt, was für ein niedriges Geschöpf ich bin! Nicht Rakitka, sondern dir werde ich es sagen. Ich wollte dich verderben, Aljoscha, das ist die ganze Wahrheit; so sehr wollte ich es, daß ich Rakitka mit Geld bestach, damit er dich herbrächte. Und weißt du, warum ich das so sehr wollte? Du, Aljoscha, wußtest nichts davon, du wandtest dich von mir ab oder senktest die Augen, wenn du an mir vorübergingst, ich aber schaute dir nach und fing an, alle über dich auszufragen. Dein Gesicht aber behielt ich in meinem Herzen: ‚Er verachtet mich, er will mich nicht einmal ansehen,‘ dachte ich. Und es überkam mich zuletzt ein Gefühl, über das ich mich selbst wunderte. Warum fürchtete ich so einen kleinen Knaben? Ach was, ich werde ihn einfach – verschlingen und ihn dann nachher auslachen. Ich wurde zuletzt ganz wütend. Glaubst du, niemand hier wagt zu sagen, daß man Agrafena Alexandrowna mit schlechten Absichten kommen darf; ich habe dort meinen Alten, an ihn bin ich auf ewig gebunden und verkauft; der Satan hat uns getraut, aber sonst – niemand! Als ich dich aber sah, entschloß ich mich – dich zu verschlingen. Und so verschlinge ich dich denn und werde dich hinterher auslachen. Siehst du, was für ein wildes Tier ich bin, ich, die du deine Schwester genannt hast! Siehst du, und jetzt ist mein Verführer gekommen, der mich entehrt hat; ich sitze jetzt hier und erwarte von ihm eine Nachricht. Weißt du aber auch, was jener für mich bedeutet? Fünf Jahre sind jetzt vergangen, vor fünf Jahren brachte mich Kusjma her, – und so lebte ich denn hier und versteckte mich vor allen Leuten, damit sie mich nicht sahen und nichts von mir hörten; ein mageres, dummes Kleines war ich! Da saß ich nun und weinte, und schlief die Nächte nicht und dachte: Wo mag er jetzt sein, mein Verführer? Er lacht jetzt vielleicht mit der anderen über mich! Wenn ich ihn doch nur einmal sehen, ihm begegnen könnte! Dann würde ich es ihm aber heimzahlen, ja, dann würde ich es ihm bezahlen! In der Nacht, in der Dunkelheit schluchzte ich in meine Kissen hinein und dachte unablässig daran, zerriß mein Herz und tränkte es mit verzweifelter Wut: ‚Ich werde es ihm bezahlen, ich werde es ihm schon bezahlen!‘ So war es, so schrie ich in die Nacht hinein. Ja, wenn ich mir das plötzlich vorstellte, daß ich ihm nichts würde antun können, und daß er jetzt vielleicht über mich lacht oder aber überhaupt nicht mehr an mich denkt und mich ganz vergessen hat, so warf ich mich aus dem Bett auf den Fußboden und schüttelte mich und wälzte mich vor ohnmächtiger Wut und vor ohnmächtigen Tränen! Am nächsten Morgen stehe ich auf wie ein wütendes Tier; ich wäre froh gewesen, die ganze Welt verschlingen zu können. Darauf, was denkst du wohl, habe ich angefangen mir ein Kapital zusammen zu scharren, ich wurde unbarmherzig und gleichgültig gegen alles, mein Körper nahm zu und wurde schön – glaubst du aber, daß ich auch an Vernunft zunahm? Haha! Niemand auf der ganzen Welt weiß oder sieht was von mir! Und wenn die nächtliche Dunkelheit wieder anbricht, so liege ich, wie dasselbe kleine, dumme Mädchen vor fünf Jahren, auf meinem Bett und knirsche mit meinen Zähnen und weine die ganze Nacht: ‚Ich werde ihn schon, ich werde ihn schon ...!‘ denke ich dann wieder. Hast du jetzt alles gehört? Nun, wirst du mich aber jetzt verstehen, wenn ich dir sage, daß mir, als ich vor einem Monat plötzlich von ihm einen Brief erhielt, mit der Nachricht, daß er kommt, daß er Witwer ist und mich wiedersehen möchte –, daß mir da der Atem stehen blieb! Herrgott, denke ich da plötzlich: also er kommt und pfeift mir zu, ruft mich, und ich krieche wieder zu ihm wie ein geschlagenes Hündchen, das sich schuldig fühlt! So denke ich bei mir und traue mir selbst nicht: ‚Bin ich niedrig, oder bin ich nicht so niedrig, werde ich zu ihm laufen, oder werde ich nicht zu ihm laufen?‘ Und es packte mich eine Wut auf mich selbst, die mich den ganzen Monat nicht verließ, schlimmer noch als vor fünf Jahren. Siehst du jetzt, Aljoscha, was ich für eine Wütende, Rasende bin?! Die ganze Wahrheit habe ich dir soeben gesagt. Mit Mitjä habe ich mich amüsiert, um nicht an jenen zu denken. Schweig, Rakitka, du hast nicht über mich zu urteilen, dir habe ich es nicht erzählt. Ich lag jetzt hier, bevor ihr kamt, wartete und dachte – und beschloß mein Schicksal, und niemals werdet ihr erfahren, was in meinem Herzen vorging. Nein, Aljoscha, sage deinem Fräulein, daß sie mir wegen vorgestern nicht böse sein soll! ... Niemand auf der ganzen Welt weiß, was in mir jetzt vorgeht, und wer soll es denn auch wissen! ... Vielleicht nehme ich ein Messer mit, wer kann es wissen ...“
Als Gruschenka das ausgesprochen hatte, konnte sie nicht mehr an sich halten: sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, warf sich auf den Diwan in die Kissen und weinte wie ein kleines Kind. Aljoscha erhob sich von seinem Platz und ging zu Rakitin.
„Mischa,“ sagte er, „sei nicht böse. Du bist von ihr beleidigt worden, sei aber nicht böse. Hast du gehört, was sie gesagt hat? Man kann von der Seele des Menschen nicht zu viel verlangen, man muß barmherziger sein.“
Aljoscha kamen diese Worte ganz von selbst über die Lippen. Er mußte seinem Herzen Luft machen, und darum wandte er sich an Rakitin. Wenn Rakitin auch nicht dagewesen wäre, so hätte er sie trotzdem ausgerufen. Rakitin sah ihn aber spöttisch an, und Aljoscha verstummte.
„Du bist heute mit deinem Staretz geladen, und jetzt schießest du ihn auf mich ab, du Gottesknecht Aljoschetschka!“ sagte Rakitin mit haßerfülltem Lächeln.
„Spotte nicht, Rakitin, lache nicht so und sprich nicht vom Verstorbenen: Er war höher als alle auf der Welt!“ rief Aljoscha mit unsicherer Stimme. „Ich habe nicht als Richter zu dir gesprochen, sondern als der erste, der gerichtet werden muß. Was bin ich vor ihr? Ich kam hierher, um ins Verderben zu gehen, und sagte mir: ‚Meinetwegen, meinetwegen, mir soll’s recht sein!‘ so kleinmütig war ich. Sie aber hat nach fünf Jahren Qual, nur weil irgend jemand kam und ihr ein aufrichtiges Wort sagte – alles verziehen, alles vergessen, und weint! Ihr Beleidiger ist zurückgekehrt und ruft sie, und sie verzeiht ihm alles, eilt freudig zu ihm und wird das Messer nicht mitnehmen, nein, wird es nicht mitnehmen! Ich bin nicht so. Ich weiß nicht, ob du auch so bist, Mischa, aber ich bin nicht so. Ich habe soeben eine Lehre von ihr erhalten ... Sie ist in ihrer Liebe größer als wir ... Hast du auch früher schon dasselbe von ihr gehört, was sie soeben gesagt hat? Nein, du hast es nicht gehört; wenn du es gehört hättest, so hättest du schon längst alles verstanden ... auch die andere Beleidigte würde ihr vergeben. Und sie wird ihr vergeben, sobald sie es nur erfährt ... und sie wird es erfahren ... Diese Seele ist noch nicht zur Ruhe gekommen ... man muß sie schonen ... in ihrer Seele könnte ein Schatz ...“
Aljoscha verstummte, atemlos. Rakitin sah ihn trotz seiner Wut verwundert an. Niemals hätte er von dem stillen Aljoscha eine solche Rede erwartet.
„Du entpuppst dich ja als großer Advokat! Hast dich wohl in sie verliebt, wie? Agrafena Alexandrowna, unser Faster hat sich direktement in dich verliebt, du hast ihn besiegt!“ schrie er mit frechem Lachen.
Gruschenka erhob ihren Kopf aus den Kissen und sah Aljoscha mit einem gerührten Lächeln an, das ihr tränengeschwollenes Gesicht erhellte.