Rakitin wunderte sich über ihre verzückte Begeisterung und fühlte sich gekränkt, obgleich er sich hätte sagen müssen, daß sich bei beiden alles, was ihre Seelen erschütterte, in dieser Minute zusammenfand, wie das nicht oft im Leben geschieht. Doch Rakitin, der sonst sehr feinfühlig in allem war, was ihn selbst betraf, war sehr roh im Verständnis der Empfindungen und Gefühle seiner Nächsten, teilweise wohl aus jugendlicher Unerfahrenheit, teilweise aber auch aus großem Egoismus.

„Siehst du, Aljoschetschka,“ sagte Gruschenka nervös auflachend, und sie wandte sich wieder zu ihm, „ich prahle vor Rakitka, daß ich ein Zwiebelchen gegeben hätte, vor dir aber werde ich nicht damit prahlen, dir werde ich es aus einem anderen Grunde erzählen. Es ist nur eine Legende, aber eine schöne, ich habe sie bereits als Kind gehört, von meiner Matrjona, die noch jetzt bei mir als Köchin dient. Also: Es lebte einmal ein altes Weib, das war sehr, sehr böse und starb. Diese Alte hatte in ihrem Leben keine einzige gute Tat vollbracht. Da kamen denn die Teufel, ergriffen sie und warfen sie in den Feuersee. Ihr Schutzengel aber stand da und dachte: Kann ich mich denn keiner einzigen guten Tat von ihr erinnern, um sie Gott mitzuteilen? Da fiel ihm etwas ein, und er sagte zu Gott: ‚Sie hat einmal,‘ sagte er, ‚aus ihrem Gemüsegärtchen ein Zwiebelchen herausgerissen, und es einer Bettlerin gegeben.‘ Und Gott antwortete ihm: ‚Nimm,‘ sagte er, ‚dieses selbe Zwiebelchen, und halte es ihr hin in den See, so daß sie die Wurzeln zu ergreifen vermag, und wenn du sie aus dem See herausziehen kannst, so möge sie ins Paradies eingehen, wenn aber das Pflänzchen abreißt, so soll sie bleiben, wo sie ist.‘ Der Engel lief zum Weibe und hielt ihr das Zwiebelchen hin: ‚Nun,‘ sagte er zu ihr, ‚faß an, wir wollen sehen, ob ich dich herausziehen kann.‘ Und er begann vorsichtig zu ziehen – und zog sie beinahe schon ganz heraus; da bemerkten es aber die anderen Sünder im See, und wie sie das sahen, klammerten sie sich alle an sie, damit man auch sie mit ihr zusammen herauszöge. Aber das Weib war böse, sehr böse und stieß sie mit ihren Füßen zurück und schrie: ‚Nur mich allein soll man herausziehen und nicht euch, es ist mein Zwiebelchen und nicht eures.‘ Wie sie aber das ausgesprochen hatte, riß das kleine Pflänzchen entzwei. Und das Weib fiel in den Feuersee zurück und brennt dort noch bis auf den heutigen Tag. Der Engel aber weinte und ging davon. So lautet die Legende, Aljoscha, und ich habe sie Wort für Wort auswendig behalten, weil ich selbst dieses sehr, sehr böse Weib bin. Vor Rakitka prahlte ich, daß ich das Zwiebelchen gegeben hätte, aber dir sage ich etwas anderes: Ich habe in meinem ganzen Leben nur ein Zwiebelchen gegeben, und das ist die einzige gute Tat, die ich vollbracht habe. Lobe mich nicht, Aljoscha, halte mich nicht für gut, ich bin schlecht und sehr, sehr böse, und wenn du mich lobst, muß ich mich schämen. Ach, jetzt bereue ich schon alles! Weißt du, Aljoscha, ich habe dermaßen gewünscht, dich zu mir heranzulocken, daß ich Rakitka keine Ruhe gelassen habe, daß ich ihm fünfundzwanzig Rubel versprochen habe, wenn er dich zu mir brächte. Warte, Rakitka, schweig!“ Sie ging mit raschen Schritten zum Tisch, zog ein Schiebfach heraus, suchte nach ihrer Börse und entnahm ihr dann einen Fünfundzwanzigrubelschein.

„Was fällt dir ein! Bist wohl ganz verrückt geworden!“ Rakitin war nicht wenig verdutzt.

„Nimm nur, Rakitka, das ist meine Schuld, wirst es doch nicht abschlagen, hast ja selbst so viel verlangt!“ Und sie warf ihm den Schein zu.

„Warum denn schließlich abschlagen,“ brummte Rakitin, tapfer bemüht, seine Verlegenheit zu verbergen. „Das kommt mir sogar sehr gelegen. Die Dummköpfe sind ja doch nur zur Ausnutzung für die Klugen da.“

„Aber jetzt schweige, Rakitka, jetzt werde ich etwas erzählen, was nicht für deine Ohren bestimmt ist. Setze dich dorthin in den Winkel und schweige; du liebst uns nicht, das weiß ich, so schweige denn.“

„Wofür sollte ich euch denn lieben?“ schimpfte Rakitin, ohne seine Wut zu verbergen. Den Fünfundzwanzigrubelschein steckte er in die Tasche, schämte sich aber doch sehr vor Aljoscha. Er hatte darauf gerechnet, diesen Lohn nachher zu erhalten, so daß Aljoscha gar nichts davon erfahren hätte. Darum nämlich war er so wütend. Bis dahin hatte er noch für ratsam gefunden, Gruschenka nicht zu sehr zu widersprechen, ungeachtet aller Zurechtweisungen, die sie ihm erteilte, und die nur zu deutlich verrieten, daß sie über ihn eine gewisse Macht hatte. Jetzt aber tat er sich keinen Zwang mehr an.

„Wenn man liebt, so muß man eine Veranlassung dazu haben, was aber habt ihr beide denn für mich getan?“

„Man muß auch für nichts und wieder nichts lieben können, so wie Aljoscha liebt.“

„Wieso liebt er dich denn, und was hat er dir denn getan, daß du damit so prahlst?“