Nach der Klosterregel war es sehr spät, als Aljoscha bei der Einsiedelei anlangte; der Pförtner ließ ihn auf einem besonderen Wege ein. Es hatte schon neun Uhr geschlagen, die Stunde der Ruhe und Erholung nach einem für alle so aufregenden Tage. Schüchtern öffnete Aljoscha die Tür und trat in die Zelle des Staretz, wo jetzt sein Sarg stand. Außer Pater Paissij, der einsam am Sarge die Evangelien las, und dem jungen Novizen Porfirij, der, müde von der gestrigen nächtlichen Unterhaltung und von den heutigen Aufregungen, im anderen Zimmer auf dem Fußboden in festem, jugendlichem Schlafe lag, war niemand in der Zelle. Pater Paissij hatte wohl gehört, daß Aljoscha eingetreten war, doch blickte er nicht einmal auf. Aljoscha ging von der Tür rechts in die Ecke, kniete nieder und fing an zu beten. Seine Seele war übervoll, aber es waren nur trübe, unklare Empfindungen in ihm, von denen keine sich klärte, sondern die eine verdrängte die andere, wie in stillem, gleichmäßigem Kreislauf. Im Herzen aber war ihm süß und sonderbar zumute, und er wunderte sich nicht einmal darüber. Wieder sah er vor sich den Sarg, und in ihm seinen teuren Toten. Doch in seiner Seele fühlte er nicht mehr wie am Morgen das quälende, nagende Leid. Gleich beim Eintritt fiel er vor dem Sarge wie vor einem Heiligtum in die Knie, doch Freude, Freude war in seinem Herzen und in seinen Gedanken. Das eine Fenster der Zelle stand offen, und es war eine frische, kalte Luft im Zimmer. „So muß denn der Geruch noch stärker geworden sein, wenn man das Fenster geöffnet hat,“ dachte Aljoscha. Doch dieser Gedanke an den Verwesungsgeruch, der ihm noch vor kurzem so schrecklich und entehrend erschienen war, erweckte in ihm keine Trauer mehr und keinen Unwillen. Er begann, leise zu beten, bald aber fühlte er selbst, daß er nur mechanisch betete. Bruchstücke von Gedanken tauchten in seiner Seele auf, erglühten wie Sternchen und verlöschten wieder und machten anderen Platz. Doch in seiner Seele erhob sich etwas Ganzes, Festes, Tröstendes, und er wurde sich dessen immer mehr bewußt. Von Zeit zu Zeit fing er von neuem leidenschaftlich ein Gebet an, denn er wollte danken und lieben ... Doch kaum hatte er das Gebet begonnen, so gingen seine Gedanken auch schon auf etwas anderes über, er verfiel in Nachdenken, vergaß das Gebet und auch das, was es unterbrochen hatte. Er fing an zuzuhören, was Pater Paissij las, aber den Ermüdeten überkam allmählich der Schlaf.
„Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa,“ las Pater Paissij, „und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren auch auf die Hochzeit geladen ...“
„Hochzeit? Was ist das ... eine Hochzeit ...,“ ging es wie ferner Glockenklang durch Aljoschas Gedanken. „... Auch sie ist voll Glück auf ein Fest gefahren ... Nein, sie nahm nicht das Messer, nein, sie nahm es nicht ... Das war nur ein verzweifeltes Wort ..., solche Worte muß man durchaus verzeihen, durchaus. Sie erleichtern die Seele ... Ohne sie wäre es den Menschen zu schwer, ihr Leid zu tragen ... Rakitin bog in eine Nebenstraße ein. Er wird noch jetzt an die Kränkungen denken ... er wird immer in eine Nebenstraße gehen ... Aber der Weg ... der Weg ist doch groß, gerade und hell, kristallrein, und die Sonne am Ende des Weges ... Wie? ... Was liest er?“
„... Und da es an Wein gebricht, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein ...“ hörte Aljoscha ihn lesen.
„Ach ja, ich habe da etwas überhört, und wollte es doch nicht, ich liebe diese Stelle so. Die Hochzeit zu Kana, das erste Wunder ... Ach, dieses Wunder, dieses herrliche Wunder! Nicht das Leid, nein, die Freude der Menschen suchte Jesus auf, als er sein erstes Wunder vollbrachte, zur Freude verhalf er ihnen. ‚Wer die Menschen liebt, der liebt auch ihre Freude,‘ – das wiederholte der Verstorbene immer, diesen Ausspruch habe ich am häufigsten von ihm gehört ... Ohne Freude kann man nicht leben, sagt Mitjä ... ja, Mitjä ... Alles, was aufrichtig und schön ist, das ist voll von Allverzeihung und Vergebung: das hat auch wieder Er gesagt ...“
„... Jesus spricht zu ihr: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht aber zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut ...“
„Das tut ... Freude, Freude für die armen Menschen ... Selbstverständlich waren sie arm, wenn es ihnen sogar zur Hochzeit an Wein gebrach ... Die Historiker schreiben ja, daß am See Genezareth und an allen jenen Orten die ärmste Bevölkerung gelebt habe, die man sich nur denken kann ... Und noch ein anderes großes Herz eines anderen großen Wesens, das Herz seiner Mutter wußte, daß er nicht nur wegen seiner großen Tat gekommen war, sondern daß seinem Herzen auch die einfältige von Herzen kommende Freude irgendwelcher kleinen, geringen, aber treuherzigen Leute, die ihn freundlich zu ihrer Hochzeit geladen hatten, zugänglich sei. ‚Meine Stunde ist noch nicht gekommen,‘ sagt er mit stillem Lächeln (sicherlich hat er still gelächelt) ... Ja, er ist doch nicht darum auf die Welt gekommen, um auf den Hochzeiten Armer den Wein zu vermehren. Aber er ist doch zu ihrer Hochzeit gegangen und hat es auf ihre Bitte hin getan ... Ach so, er liest wieder ...“
„... Und Jesus spricht zu ihnen: Füllet die Krüge mit Wasser. Und sie füllten sie bis zum Rande.
Und er spricht zu ihnen: Schöpfet nun und bringet es dem Speisemeister. Und sie brachten es.
Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und wußte nicht, von wannen er kam (die Diener aber wußten es, die das Wasser geschöpft hatten), ruft der Speisemeister den Bräutigam.