Wieder der Sarg, das geöffnete Fenster und das leise, würdige, gleichmäßige Lesen der Evangelien. Aljoscha hörte nicht mehr, was gelesen wurde. Sonderbar, er war auf den Knien eingeschlafen, und auf den Füßen stehend erwachte er, und plötzlich, als wenn es ihn von der Stelle gerissen hätte, trat er mit drei festen, schnellen Schritten an den Sarg heran. Er berührte sogar die Schulter Pater Paissijs, doch merkte er es nicht einmal. Der erhob seinen Blick vom Buch und richtete ihn auf Aljoscha, senkte ihn aber sofort wieder, denn er begriff, daß mit dem Jüngling etwas Sonderbares vorging. Aljoscha sah wohl eine halbe Minute lang auf den Sarg, auf den bedeckten, unbeweglich im Sarge ausgestreckten Leichnam, mit dem Heiligenbild auf der Brust und der Kapuze mit dem achtarmigen Kreuze auf dem Haupte. Soeben hatte er seine Stimme gehört, und sie tönte noch fort in seinen Ohren. Er horchte noch hin, er erwartete noch einen Laut ... Doch plötzlich wandte Aljoscha sich um und verließ die Zelle.
Er blieb nicht auf der Treppe stehen, sondern eilte hinunter auf den Rasen. Seine von Jubel erfüllte Seele dürstete nach Freiheit, nach Raum und Weite. Über ihm wölbte sich weit, breit und unabsehbar die Himmelskuppel, übersät mit stillen, flimmernden Sternen. Vom Zenit bis zum Horizont zog sich noch, undeutlich schimmernd, der neblige Streifen der Milchstraße. Eine kühle und bis zur Unbeweglichkeit stille Nacht umfing die Erde. Die weißen Türme und goldenen Kuppeln der Kathedrale hoben sich mattleuchtend vom saphirblauen Nachthimmel ab; die schönen Herbstblumen im Garten der Einsiedelei schliefen noch dem Morgen entgegen. Es war, als wenn die irdische Stille mit der Stille des Himmels zusammenflösse und das Geheimnis der Erde sich mit dem der Gestirne berühre ... Aljoscha stand und schaute empor ... und plötzlich, als hätte ihn ein wuchtiger Schlag getroffen, warf er sich zur Erde nieder.
Er wußte nicht, warum er sie umfing. Er wollte auch nicht darüber nachdenken, warum es ihn so unwiderstehlich verlangte, sie zu küssen: und er küßte sie weinend, schluchzend, und tränkte sie mit seinen Tränen, und wie außer sich schwur er, wie verzückt, sie zu lieben, zu lieben bis in alle Ewigkeit! „Tränke die Erde mit deinen Freudentränen und liebe diese deine Tränen,“ hallte es in seiner Seele wider. Warum weinte er? Oh, er weinte in seiner Begeisterung sogar über die Sterne, die aus dem unendlichen Raume zu ihm herniederblickten, und „er schämte sich seiner Verzückung nicht.“ Ihm war, als träfen von all diesen zahllosen Welten Gottes unsichtbare Fäden in ihm zusammen, und seine ganze Seele erbebte „in der Berührung mit anderen Welten“. Er wollte allen alles vergeben und um Verzeihung bitten, oh! nicht für sich, sondern für alle, für alles und jedes! „Für mich werden andere bitten,“ erklang es in seiner Seele. Und mit jedem Augenblick fühlte er immer deutlicher, wurde es ihm immer mehr bewußt, daß etwas Festes und Unerschütterliches, wie dieses Himmelsgewölbe, in seine Seele einzog, – wie eine Idee sich seines Verstandes bemächtigte, und zwar für sein ganzes Leben und bis in alle Ewigkeit. Als schwacher Jüngling war er noch zur Erde niedergefallen, als ein fürs ganze Leben gewappneter Kämpfer erhob er sich wieder – das fühlte er, und dessen wurde er sich plötzlich bewußt in diesem Augenblick seiner großen Begeisterung.
Sein ganzes Leben lang, niemals, niemals konnte Aljoscha diesen Augenblick vergessen ... „Jemand hat in dieser Stunde meine Seele heimgesucht,“ sagte er in festem Glauben an seine Worte ...
Nach drei Tagen verließ er das Kloster, gehorsam den Worten seines verstorbenen Staretz, der ihm befohlen hatte, „in der Welt zu leben“.
Achtes Buch.
Mitjä
I.
Kusjma Ssamssonoff
Dmitrij Fedorowitsch, dem Gruschenka „vor ihrem Flug ins neue Leben“ als letzten Gruß zu überbringen befohlen hatte, daß er „ewig dieses Stündchens ihrer Liebe“ gedenken solle, war zur selben Zeit, ohne von ihrem Vorhaben etwas zu ahnen, gleichfalls in großer Unruhe und Sorge. In den zwei letzten Tagen hatte er sich in einem unbeschreiblichen Zustande befunden, so daß es tatsächlich zu der „Gehirnentzündung“ hätte kommen können, an die er in manchen Augenblicken schon fest glaubte. Am Tage vorher hatte Aljoscha ihn vergeblich gesucht, und auch Iwan hatte ihn vergeblich im Gasthaus erwartet. Mitjäs Hauswirte verheimlichten auf seinen Befehl alles, was sich auf ihn bezog. Er aber trieb sich in diesen zwei Tagen überall herum. Er „kämpfte mit seinem Schicksal, um sich zu retten“, wie er sich später ausdrückte. Er verließ in einer dringenden Angelegenheit sogar die Stadt, obgleich es ihm schrecklich war, Gruschenka auch nur eine Stunde außer Aufsicht lassen zu müssen. Ich will nur die notwendigsten Tatsachen aus der Geschichte dieser Tage angeben; es waren dies die beiden letzten Tage vor jener furchtbaren Katastrophe, die so entscheidend in sein Leben eingreifen sollte.
Wenn es auch wahr ist, daß Gruschenka ihn ein Stündchen lang aufrichtig geliebt hatte, so hatte sie ihn doch zu gleicher Zeit wahrhaft grausam und schonungslos gequält; die größte Qual bestand aber für ihn darin, daß er ihre Absichten nicht erraten konnte. Sie im Guten oder mit Gewalt zu etwas zu bewegen, war gleichfalls unmöglich: sie hätte sich ihm auf diese Weise niemals ergeben, und sich, vielleicht auf immer erzürnt, ganz von ihm abgewandt, – das begriff er damals nur zu gut. Dabei fühlte er ganz richtig, daß sie sich selbst in einem Kampf, in einer seltsamen Unentschlossenheit befand, daß sie sich zu etwas entschließen wollte und doch nicht konnte – und darum ahnte er ganz mit Recht, und sein Herz stand ihm still bei diesem Gedanken, daß Gruschenka in manchen Augenblicken ihn und seine Leidenschaft geradezu hassen mußte. So war es denn auch. Warum jedoch Gruschenka trauerte, das konnte er nicht verstehen. Er glaubte, es handele sich für sie nur um die Frage, für wen sie sich entschließen sollte: für ihn, Mitjä, oder für Fedor Pawlowitsch. Hier muß noch auf eine auffallende Tatsache hingewiesen werden: Mitjä war fest überzeugt, daß Fedor Pawlowitsch durchaus Gruschenka eine rechtmäßige Ehe antragen werde (wenn er es nicht schon getan hatte), und glaubte keine Minute daran, daß der alte Wollüstling im Ernst nur mit dreitausend Rubeln davonzukommen hoffte. Darum konnte ihm aber auch zuzeiten scheinen, daß alle Qual Gruschenkas und ihre ganze Unentschlossenheit nur davon herrühre, daß sie nicht wußte, wen von beiden sie wählen sollte, und wer von ihnen für sie vorteilhafter sei. Sonderbar war nur, daß er die bevorstehende Rückkehr „des Offiziers“, jenes in Gruschenkas Leben so bedeutungsvollen Menschen, den sie mit solcher Aufregung und Furcht erwartete, überhaupt nicht beachtete und in diesen Tagen nicht einmal an ihn dachte. Auch Gruschenka hatte in den letzten Tagen ganz darüber geschwiegen. Indessen wußte er davon: Gruschenka selbst hatte ihm vor einem Monat von diesem Brief erzählt, und zum Teil war ihm sogar der Inhalt des Schreibens bekannt. Damals hatte Gruschenka in einem Augenblick gereizter Bosheit Mitjä diesen Brief gezeigt. Doch zu ihrer Verwunderung hatte diese Nachricht schon damals auf ihn fast überhaupt keinen Eindruck gemacht. Warum sie es nicht tat, ist sehr schwer zu erklären: vielleicht einfach darum nicht, weil Mitjä, der durch den schrecklichen Kampf mit seinem leiblichen Vater um dieses Weib niedergedrückt war, sich nichts Gefährlicheres und Schrecklicheres, als was er bereits vor Augen hatte, mehr vorstellen konnte. An einen Bräutigam, der plötzlich nach fünfjähriger Abwesenheit wieder auftauchte, konnte er einfach nicht glauben, und besonders daran nicht, daß der Betreffende nun bald tatsächlich erscheinen sollte. Außerdem war im ersten Brief dieses „Offiziers“, den Gruschenka Mitjä gezeigt hatte, die Ankunft desselben nur ganz unbestimmt angedeutet gewesen. Der Brief war sehr unklar, sehr hochtrabend verfaßt, und hatte eigentlich nichts anderes enthalten, als verschnörkelte Redewendungen. Ich muß dazu bemerken, daß Gruschenka die letzten Zeilen des Briefes, in denen etwas Bestimmteres über seine Wiederkehr gesagt war, verheimlicht hatte. Außerdem erinnerte sich Mitjä noch später, daß auf Gruschenkas Gesicht sich unwillkürlich stolze Verachtung ob dieser Nachricht aus Sibirien ausgedrückt hatte – wenigstens glaubte er so etwas damals bemerkt zu haben. Auch hatte ihm Gruschenka von ihren näheren Beziehungen zu diesem neuen Nebenbuhler nichts mitgeteilt. Auf diese Weise vergaß er denn den Offizier allmählich vollständig. Er dachte nur daran, daß es, wie die Sache sich auch wenden sollte, doch unvermeidlich, und zwar sehr bald, zu einem entscheidenden Zusammenstoß zwischen Fedor Pawlowitsch und ihm kommen werde, und da von diesem Zusammenstoß zweifellos Gruschenkas Entscheidung abhing, so ersehnte er ihn ebenso ungeduldig, wie er ihn fürchtete. So erwartete er denn in unerträglicher Qual jeden Augenblick den Entschluß Gruschenkas, und glaubte immer noch, daß er ganz plötzlich und in höherer Eingebung erfolgen werde. – Vielleicht würde sie ihm plötzlich sagen: „Nimm mich, ich gehöre dir auf ewig,“ und alles hätte dann ein Ende. Er würde sie dann nehmen und sofort ans andere Ende der Welt bringen. Oh, so weit, so weit als möglich würde er sie fortbringen, wenn auch nicht ans Ende der Welt, so doch mindestens ans andere Ende Rußlands. Er würde sich dort unverzüglich mit ihr trauen lassen und sich ungekannt und ungenannt ansiedeln, so daß niemand etwas von ihnen wußte, weder hier, noch dort, noch sonstwo. Dann, oh, dann, beginnt sofort ein neues Leben! Von diesem anderen, erneuten und unbedingt „tugendhaften“ Leben („durchaus, durchaus tugendhaft!“) träumte er ununterbrochen und wie in Verzückung. Er sehnte sich nach solcher Auferstehung und nach jenem neuen Leben. In diesem „unreinen Pfuhl“, in den er durch seinen eigenen Willen geraten war, ekelte es ihn dermaßen, daß er, wie sehr viele in solchen Fällen, mit der Veränderung des Wohnortes alles zu verändern glaubte. Nur nicht diese Menschen, nur nicht diese Verhältnisse, nur fort von diesem verfluchten Ort und – alles wird wiedergeboren werden, alles wird von neuem beginnen! Daran glaubte er unerschütterlich, und das war es, wonach er sich sehnte.
Aber dies alles war nur im Falle einer glücklichen Lösung des ganzen Gruschenka-Problems möglich. Es konnte aber auch eine andere, eine schreckliche Lösung bevorstehen. Wie, wenn sie ihm plötzlich sagte: „Geh fort, ich habe mich soeben für Fedor Pawlowitsch entschieden, ich werde ihn heiraten, dich habe ich nicht nötig.“ Was dann? ... Mitjä wußte übrigens nicht, was dann sein werde, bis zur letzten Stunde wußte er es nicht, das muß zu seiner Verteidigung gesagt sein. Irgendwelche bestimmte Absichten hatte er nicht, an ein Verbrechen dachte er auch nicht. Er ließ sie nur nicht aus den Augen; er spionierte und quälte sich, oder aber – er bereitete sich auf den glücklichen Ausgang vor. Jeden anderen Gedanken verscheuchte er ganz. Und nun kam für ihn noch eine neue Qual hinzu: es erhob sich eine neue, nebensächlichere, doch gleichfalls verhängnisvolle Sorge.