„Aha, damit meint er das Paket mit den Dreitausend,“ dachte Mitjä.

„Aber wo bist Du nur? ... Oder ist sie bei der Tür? Warte, ich werde sofort aufmachen ...“

Und der Alte kroch fast aus dem Fenster, um durch die Dunkelheit besser nach rechts zur Tür sehen zu können. Noch eine Sekunde – und er wäre unbedingt zur Tür gelaufen, um sie für Gruschenka aufzumachen, ohne ihre Antwort abzuwarten. Mitjä betrachtete ihn von der Seite und rührte sich nicht. Das ganze ihm so verhaßte Profil des Alten, das herabhängende Doppelkinn, die Hakennase, die fleischigen, in süßer Erwartung lächelnden Lippen, alles das war von links aus dem Zimmer grell durch die Lampe beleuchtet. Eine unbändige, sinnlose Wut raste plötzlich in Mitjäs Herzen auf: „Da ist er, mein Nebenbuhler, mein Peiniger, der Quälgeist meines Lebens!“ Wie eine heiße Welle überkam ihn plötzlich diese sinnlose Wut, von der er vor vier Tagen in der Laube, wahrscheinlich in einem Augenblick der Vorahnung, zu Aljoscha gesprochen hatte, als Antwort auf dessen Fragen: „Wie kannst du nur sagen, daß du den Vater erschlagen wirst?“

„Ich weiß es ja nicht, ich weiß es nicht,“ hatte er damals gesagt, „vielleicht werde ich ihn auch nicht erschlagen, vielleicht aber doch. Ich fürchte, daß mir sein Gesicht in dem Augenblick gar zu widerlich sein wird. Ich hasse sein Doppelkinn, seine Nase, seine Augen, seinen schamlosen Spott. Mich überkommt dann ein unerträglicher persönlicher Ekel. Das ist es, was ich fürchte, denn in dem Augenblick werde ich mich nicht beherrschen können.“

Und der persönliche Ekel wurde von Sekunde zu Sekunde unerträglicher, als er so stand und das Profil des Alten betrachtete. Er war seiner Sinne nicht mehr mächtig, und plötzlich riß er die messingne Mörserkeule aus der Tasche hervor ...


„Gott jedoch beschützte mich,“ sagte Mitjä später. Kurz vorher war der Kranke Grigorij Wassiljewitsch erwacht. Am Abend war an ihm das bewußte Heilmittel, von dem Ssmerdjäkoff Iwan Fedorowitsch erzählt hatte, angewandt worden, d. h. Marfa Ignatjewna hatte ihm mit jenem starken geheimnisvollen Kräuteraufguß eine halbe Stunde lang den Rücken gerieben und ihm dann mit einem bestimmten Gebet das Übriggebliebene zu trinken gegeben, worauf er eingeschlafen war. Marfa Ignatjewna aber hatte dann noch den Rest ausgetrunken und war, da sie sonst nie Spirituosen trank, von diesem einen Schluck Branntwein wie eine Tote eingeschlafen. Nun aber war Grigorij ganz unerwarteterweise wieder aufgewacht. Er besann sich zuerst ein wenig und setzte sich im Bett auf, fühlte aber sofort einen heftigen Schmerz im Kreuz. Darauf dachte er wieder etwas nach, stand aber dann auf und kleidete sich schnell an. Vielleicht fühlte er Gewissensbisse, weil er geschlafen hatte, während doch das Haus „in einer so gefährlichen Zeit“ unbewacht war. Denn Ssmerdjäkoff lag, vom Anfall völlig entkräftet, regungslos im Nebenzimmer. Marfa Ignatjewna rührte sich gleichfalls nicht. „Ist schwach geworden,“ dachte Grigorij und ging ächzend hinaus auf die Treppe. Eigentlich wollte er nur „ein wenig sehn“, da er nicht imstande war, zu gehen, die Schmerzen im Kreuz und im rechten Bein wurden gar zu heftig. Da aber fiel ihm ein, daß er das Pförtchen, das vom Hof in den Garten führte, nicht verschlossen hatte. Grigorij war der genaueste und pünktlichste Mensch, der nur einmal eingeführte Ordnung und langjährige Gewohnheit kannte. Hinkend und schmerzgekrümmt stieg er die Treppe hinab und ging zur Gartenpforte. Richtig, sie war weit offen. Er trat in den Garten ein: vielleicht hatte er irgendeinen Verdacht geschöpft oder einen Laut gehört ... als er aber nach links blickte, sah er den Lichtschein aus dem Zimmer des Herrn und das offene, leere Fenster, – es blickte niemand mehr hinaus.

„Warum ist es offen? Jetzt ist nicht mehr Sommer,“ dachte Grigorij. Und plötzlich, gerade im selben Augenblick, huschte etwas Sonderbares im Garten vorbei. Ungefähr vierzig Schritt vor ihm schien in der Dunkelheit ein Mensch vorüberzulaufen, wie ein Schatten huschte er durch den Garten.

„Herrgott!“ stammelte Grigorij, und dann stürzte er besinnungslos, alle Kreuzschmerzen vergessend, dem gespenstischen Schatten nach. Er nahm aber einen kürzeren Weg zum Zaun, der Garten war ihm offenbar bekannter als dem Flüchtling, der zuerst die Richtung nach dem Badehäuschen einschlug, dann um das Häuschen herumlief und zum Zaun stürzte ... Grigorij verfolgte ihn, ohne ihn aus dem Auge zu lassen, und lief, was er laufen konnte. Er erreichte den Zaun in dem Augenblick, als der Flüchtling schon hinüberkletterte. Außer sich schrie Grigorij auf, stürzte zum Zaun und klammerte sich mit beiden Händen an den Fuß des auf dem Zaune Sitzenden.

Da! Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen! Er erkannte ihn, das war er, „der Unmensch, der Vatermörder!“