„Nie in meinem Leben habe ich dem unglücklichen Dmitrij Fedorowitsch Karamasoff (ich sage unglücklich, denn das ist er jetzt) dreitausend Rubel geliehen, weder heute, noch sonst wann, niemals! Das beschwöre ich bei allem, was es Heiliges auf unserer Welt gibt.
Katerina Chochlakowa.“
„Hier! Da haben Sie es!“ Und sie überreichte es Perchotin. „Aber jetzt gehen Sie, retten Sie. Das ist eine große Tat von Ihnen.“
Und sie machte dreimal das Zeichen des Kreuzes über ihm. Darauf begleitete sie ihn noch bis zum Vorzimmer.
„Ich bin Ihnen so dankbar! Sie werden es mir nicht glauben, wie dankbar ich Ihnen dafür bin, daß Sie ganz zuerst zu mir gekommen sind. Wie kommt es, daß wir uns früher noch nicht begegnet sind? Es wird mich sehr freuen, Sie auch fernerhin in meinem Hause zu empfangen. Wie angenehm es ist, daß Sie als Beamter gerade hier Ihre Anstellung haben ... und so geschickt sind Sie in solchen Dingen ... Seien Sie überzeugt, daß ich alles, was in meiner Macht steht, für Sie tun werde ... Eine so tüchtige Kraft muß man zu schätzen wissen, und man wird es auch, man wird es auch, seien Sie überzeugt! Oh, ich protegiere immer die Jugend, ich habe ein Faible für Jugend! Unsere Jugend ist doch das Fundament unseres ganzen, jetzt so schwer niedergedrückten Vaterlandes, sie ist doch die ganze Hoffnung unseres Rußland ... Oh, gehen Sie, gehen Sie ...“
Perchotin eilte bereits fort, sonst hätte sie ihn vielleicht noch nicht so bald entlassen. Übrigens hatte sie auf ihn einen ganz sympathischen Eindruck gemacht, sogar einen so sympathischen, daß dieser Eindruck teilweise selbst seinen Ärger über diese fremde Angelegenheit, in die er sich dummerweise hineingezogen sah, milderte. Der Geschmack der Menschen ist bekanntlich sehr verschieden. So dachte denn auch Perchotin, angenehm berührt, daß Frau Chochlakoff „keineswegs so bejahrt“ sein könne: „Im Gegenteil, ich hätte sie für ihre Tochter gehalten.“
Und was wiederum Frau Chochlakoff betrifft, so war sie geradezu bezaubert durch den jungen Mann. „Wieviel Verständnis für alles Ernste, wieviel Korrektheit, und das in einem so jungen Mann unserer Zeit, und noch dazu bei solchen Manieren und solchem Äußern! Da wird nun geredet von den heutigen jungen Leuten, sie verständen nichts! Da habt ihr ein Beispiel“ usw. So kam es, daß sie das „schreckliche“ Ereignis selbst ganz vergaß. Erst als sie zu Bett ging, fiel ihr wieder ein, wie nah sie dem Tode gewesen war! „Entsetzlich, entsetzlich, wenn man daran denkt!“ flüsterte sie. Das hinderte aber nicht, daß sie alsbald in festen süßen Schlaf sank. Ich hätte mich übrigens nie entschlossen, hier von so nebensächlichen Einzelheiten zu erzählen, wenn die soeben geschilderte Begegnung Perchotins mit der jugendlichen Witwe nicht das Sprungbrett zu der ganzen Laufbahn dieses umsichtigen und korrekten jungen Beamten geworden wäre. Noch jetzt erinnert man sich seiner kopfschüttelnd und bewunderungsvoll in unserem Städtchen, und auch ich werde vielleicht noch einiges über ihn zu sagen haben, bevor ich meine lange Erzählung von den Brüdern Karamasoff abschließe.
II.
Der Alarm
Unser Kreispolizeichef Michail Makarowitsch Makaroff, ein verabschiedeter Oberstleutnant, war Witwer und ein guter Mensch. Er war vor kaum drei Jahren in unser Städtchen versetzt worden, doch hatte er bereits fertig gebracht, sich die allgemeine Sympathie zu erwerben, und zwar vor allen Dingen dadurch, daß er verstand, die Gesellschaft zu vereinigen. Er hatte immer Gäste im Hause, und es schien, daß er ohne sie überhaupt nicht leben konnte. Irgend jemand mußte unbedingt mit ihm speisen, wenn es auch nur ein einziger Gast war – ohne Gäste setzte man sich bei ihm nie zu Tisch. Er gab natürlich auch große Diners aus sehr verschiedenen, häufig etwas wunderlichen Anlässen. Wurden auch keine ausgesuchten Delikatessen geboten, so war doch die Tafel immer reich besetzt, und die Fischpasteten und alle Nationalpirogen großartig gebacken, und die Weine bestachen, wenn nicht durch die Qualität, so doch durch die Quantität. Das Billardzimmer war sogar sehr anständig ausgestattet, d. h. an den Wänden hingen in schwarzen Rahmen Bilder von englischen Rennpferden, was bekanntlich die obligatorische Billardzimmerdekoration in der Wohnung jedes unverheirateten Herrn ist. Jeden Abend wurde Karten gespielt, wenn auch nur an einem einzigen Tisch. Sehr oft jedoch versammelte sich bei ihm die ganze höhere Gesellschaft unserer Stadt mit Müttern und Töchtern zu Tanzabenden. Michail Makarowitsch war, wie gesagt, Witwer. Gleichwohl lebte er als „Familienvater“ in seinem Hause, da er seine verwitwete Tochter mit deren beiden Töchtern, also seinen Enkelinnen, zu sich genommen hatte. Diese Enkelinnen waren erwachsene junge Damen, die ihre Erziehung schon überstanden hatten. Sie waren beide von angenehmem Äußeren, waren beide heiter und unterhaltend, und so zogen sie – obwohl alle wußten, daß sie keine „Partien“ waren, da sie nichts mitbekommen sollten – doch unsere männliche Jugend der besseren Gesellschaft in das Haus ihres Großpapas.