„Ach, mein Gott, das ist ja wahr! Aber was sollen wir denn jetzt tun? Was meinen Sie, was wir tun müssen?“
Inzwischen hatten sie beide Platz genommen. Perchotin setzte ihr in kurzen Worten, doch ziemlich deutlich den ganzen Tatbestand auseinander, oder wenigstens das, was er miterlebt hatte, erzählte ihr auch noch von seinem Gespräch mit Fenjä, und daß Mitjä die Mörserkeule mitgenommen hatte. Alle diese Einzelheiten regten die nervöse Dame in einer Weise auf, wie es stärker nicht gut möglich gewesen wäre. Sie zitterte und hielt die Hände an die Schläfen ...
„Stellen Sie sich vor, ich habe das vorausgefühlt! Ich besitze diese Fähigkeit – alles, was ich mir vorstelle, geht in Erfüllung. Und wieviel, wievielmal habe ich diesen schrecklichen Menschen angesehen und jedesmal dabei gedacht: Dieser Mensch wird mich erschlagen. Und so ist es jetzt auch gekommen ... Das heißt, wenn er jetzt auch nicht mich erschlagen hat, sondern seinen Vater, so ist das doch bestimmt nur deswegen geschehen, weil Gottes sichtbarer Finger ihn von mir abgelenkt hat. Und außerdem wird er sich geschämt haben, das zu tun, denn ich habe ihm mit diesen Händen ein kleines Heiligenbild umgehängt, hier, auf dieser Stelle, ein kleines Medaillon mit Reliquien von der heiligen Warwara ... Mein Gott, wie nah ich dem Tode in diesem Augenblick war, ohne es zu ahnen! Ich trat ganz dicht an ihn heran, und er neigte den Kopf, damit ich es ihm bequemer um den Hals legen konnte! Wissen Sie, Pjotr Iljitsch ... verzeihen Sie, ich glaube, Sie sagten, daß Sie so hießen – wissen Sie, ich glaube nicht an Wunder, aber dieses Heiligenbild und diese auf der Hand liegende wunderbare Rettung – das erschüttert mich dermaßen, daß ich wieder an alles mögliche zu glauben anfange. Haben Sie vom Staretz Sossima gehört? ... Ach, ich weiß nicht, wovon ich wieder rede ... Aber stellen Sie sich vor, dann hat er mich trotz dieses Heiligenbildes am Halse beinahe angespien ... Natürlich ist das kein Totschlag, aber immerhin ... und jetzt ist er ins Dorf gefahren! Aber wohin sollen wir jetzt, was sollen wir tun, was meinen Sie?“
Perchotin erhob sich und erklärte, daß er geradeswegs zum Polizeichef gehen und ihm alles erzählen werde, der könne dann tun, was er für gut befinde.
„Ach, das ist ein prächtiger, ein ganz prächtiger Mensch, ich kenne Michail Makarowitsch persönlich. Ja, gehen Sie unbedingt zu ihm. Wie findig Sie sind, wie gut Sie sich das ausgedacht haben. Wissen Sie, ich wäre an Ihrer Stelle bestimmt nicht darauf verfallen!“
„Aber ich bitte Sie, es ist doch ganz natürlich ... Ich bin selbst ein guter Bekannter Michail Makarowitschs,“ bemerkte Perchotin, der immer noch stand, und nicht wußte, wie er sich von der liebenswürdigen Dame schneller verabschieden sollte.
„Und wissen Sie, wissen Sie,“ unterbrach sie ihn, „Sie müssen mich unbedingt benachrichtigen von allem, was Sie dort sehen und erfahren ... und was schließlich an den Tag kommt ... und wie man ihn verurteilt, und wohin man ihn verschickt ... Sagen Sie, bei uns gibt es doch keine Todesstrafe? Aber kommen Sie, unbedingt, um mich von dem Ergebnis Ihres Gesprächs zu benachrichtigen, wenn auch um drei Uhr nachts, wenn nicht anders, auch um vier, oder gar um halb fünf ... Befehlen Sie, mich aufzuwecken, unbedingt, was es auch koste ... O mein Gott, ich werde ja überhaupt nicht einschlafen können. Oder sollte ich nicht selbst mit Ihnen fahren? ...“
„N – nein, gnädige Frau, doch wenn Sie vielleicht so freundlich wären, ein paar Zeilen zu schreiben, auf alle Fälle, daß Sie Herrn Karamasoff kein Geld gegeben haben, so wäre das vielleicht nicht überflüssig ... ich meine, auf alle Fälle ...“
„Unbedingt!“ Frau Chochlakoff eilte zu ihrem Schreibtisch. „Sie erschüttern mich einfach durch Ihre Umsicht in solchen Dingen, vraiment! ... Sie sind ein hiesiger Beamter? Das freut mich, daß Sie hier angestellt sind ...“
Und noch während sie das sprach, schrieb sie mit ihrer großen Handschrift auf einen Bogen Postpapier diese Zeilen: