„Ich bin unschuldig! An diesem Blute trage ich keine Schuld! An dem Blute meines Vaters bin ich unschuldig ... Ich wollte ihn erschlagen, aber ich habe es nicht getan! Ich bin unschuldig!“

Doch kaum hatte er das ausgesprochen, als Gruschenka den Vorhang zur Seite riß und sich nach zwei Schritten wie gebrochen dem Polizeichef zu Füßen warf.

„Ich bin es, ich! Ich Sündige, ich trage die Schuld!“ rief sie mit einer Stimme, einer Verzweiflung, die die Seele zerriß. Ihr Gesicht war von Tränen überströmt, und in verzweifelter Selbstanklage erhob sie flehend die Hände. „Meinetwegen hat er gemordet! Ich habe ihn so weit gebracht, ich bin es, die ihn so gemartert hat! Und auch den armen Alten habe ich gequält und so weit gebracht! Ich bin die Schuldige, die Hauptschuld trage ich allein, ich bin die erste Schuldige!“

„Ja, du bist die Schuldige! Du bist die Hauptverbrecherin! Du schamloses, verderbtes Weib, du bist die Hauptschuldige!“ schrie, mit der Faust drohend, der Polizeichef sie an.

Doch er wurde sofort und fast mit Gewalt besänftigt. Der Staatsanwalt umfaßte ihn sogar mit beiden Armen.

„Das geht denn doch nicht, Michail Makarowitsch ... auf diese Weise stören Sie nur die Untersuchung ... und schaden der Sache ...“ redete er ihm zu.

„Maßregeln ergreifen, Maßregeln ergreifen, unbedingt Maßregeln!“ brauste auch Nikolai Parfenowitsch Neljudoff nervös auf, „anders ist es ganz unmöglich, entschieden ganz unmöglich! ...“

„Richtet uns zusammen!“ fuhr Gruschenka außer sich fort, immer noch auf den Knien liegend, „richtet uns zusammen hin, ich gehe mit ihm selbst in den Tod!“

„Gruscha, du! mein Leben du, mein Blut, mein Heiligstes!“ Mitjä stürzte zu ihr nieder und preßte sie in der Umarmung wild und verzweifelt an sich. „Glauben Sie ihr nicht,“ rief er, „an nichts ist sie schuldig, an keinem Blute und an nichts, nichts, nicht die geringste Schuld kann sie treffen!“

Er erinnerte sich später noch dunkel, daß ihn mehrere Männer mit Gewalt von ihr fortrissen, daß sie plötzlich hinausgebracht wurde, und daß er schließlich, schon am Tisch auf einem Stuhl sitzend, wieder zur Besinnung gekommen war. Neben und hinter ihm standen die Leute mit den Blechschildern auf der Brust. An der anderen Seite des Tisches, ihm gegenüber auf dem Sofa, saß Neljudoff, der Untersuchungsrichter, und redete ihm immer wieder zu, aus dem Glase, das vor ihm stand, etwas Wasser zu trinken. „Das wird Sie erfrischen und beruhigen, fürchten Sie sich nicht, beunruhigen Sie sich nicht,“ fügte er immer wieder äußerst höflich hinzu. Später erinnerte sich Mitjä noch, daß die großen Ringe des Sprechers ihn plötzlich lebhaft interessiert hatten, der eine Ring mit einem Amethyst und der andere mit einem hellgelben, klaren Stein von wundervollem Feuer. Und lange noch nachher erinnerte er sich verwundert, wie diese Ringe seinen Blick unwiderstehlich während dieses ganzen schrecklichen Verhörs immer wieder angezogen, und wie er sich aus irgendeinem Grunde weder von ihnen hatte losreißen, noch sie, als für seine Lage doch völlig gleichgültige Gegenstände, hatte vergessen können. Links, seitlich von Mitjä, saß auf dem Platz, wo zu Anfang des Abends Maximoff gesessen hatte, der Staatsanwalt, und rechts von ihm –, auf dem Platz, den Gruschenka eingenommen hatte, saß ein rotwangiger junger Mann in einem abgetragenen Rock, der einer Jägerjoppe glich. Vor ihm befand sich bereits ein Tintenfaß und Papier. Das war der Schriftführer des Untersuchungsrichters, den dieser aus der Stadt mitgenommen hatte. Der Polizeichef stand aber jetzt am Fenster, am anderen Ende des Zimmers neben Kalganoff, der sich dort auf einen Stuhl niedergelassen hatte.