Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter blickten sich flüchtig an.
„Überhaupt ... wie wäre es, wenn Sie Ihre Erzählung mit der systematischen Wiedergabe alles dessen, was Sie gestern seit dem Morgen getan haben, beginnen würden? Erlauben Sie, daß ich Sie zum Beispiel frage: warum verließen Sie die Stadt, wann sind Sie fortgefahren und wann zurückgekehrt ... und alle diese Tatsachen ...“
„Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt?“ fragte Mitjä laut auflachend. „Ja, genau genommen, muß man nicht mit dem gestrigen, sondern mit dem vorgestrigen Tage beginnen, vom frühen Morgen an, dann erst werden Sie verstehen können, wie und warum ich ging und fuhr. Ich ging, meine Herren, vorgestern am Vormittag zum hiesigen Großkaufmann Ssamssonoff, um von ihm unter der besten Sicherstellung dreitausend Rubel zu borgen – ich hatte mich plötzlich zu diesem Äußersten entschlossen, meine Herren ...“
„Gestatten Sie, daß ich Sie auf einen Augenblick unterbreche,“ hielt ihn höflich der Staatsanwalt auf, „wozu hatten Sie plötzlich diese Summe nötig, und warum gerade so viel, gerade dreitausend Rubel?“
„Ach, meine Herren, es wäre wirklich besser, es ginge ohne Nebensächlichkeiten! Wie, wann und warum, und warum genau so viel und nicht so viel, und dieses ganze Drum und Dran ... man könnte es nicht einmal in drei Bänden erzählen, es wäre noch ein Epilog erforderlich!“
Mitjä sagte dies mit der gutmütigen, doch ungeduldigen Familiarität eines Menschen, der die ganze Wahrheit sagen will und die besten Absichten hegt.
„Meine Herren,“ rief er sofort, gleichsam sich besinnend, „verzeihen Sie mir die Unhöflichkeit. Ich bitte Sie nochmals, mir zu glauben, daß ich die vollste Ehrerbietung empfinde und sehr gut die gegenwärtige Situation verstehe. Glauben Sie nicht, daß ich betrunken bin. Ich bin bereits ganz nüchtern geworden. Und schließlich, was wäre denn auch dabei, das würde ja weiter nicht stören, denn bei mir ist es doch:
Ist er nüchtern, so ist er klug, d. h. dumm,
Ist er trunken, so ist er dumm, d. h. klug.
Ha – ha! Übrigens, ich sehe, meine Herren, daß mir vorläufig noch nicht zusteht, zu scherzen, – vorläufig, das heißt, bis wir ins reine gekommen sind. Erlauben Sie, daß ich die nötige Würde bewahre. Ich begreife doch, was für ein Unterschied augenblicklich zwischen uns besteht: ich sitze ja vor Ihnen als Verbrecher, bin also alles andere, nur nicht auf gleicher Gesellschaftsstufe mit Ihnen, und Ihre Pflicht ist, mich jetzt zu verhören und zu beobachten. Sie werden mir doch für die Verletzung Grigorijs nicht wie einem braven Jungen noch obendrein das Köpfchen streicheln. Es ist ja wahr! Man kann doch nicht alten Männern ungestraft den Schädel einschlagen. Sie werden mich seinetwegen, nun, sagen wir auf ein halbes Jahr, nun, auf ein Jahr ins Zuchthaus einsperren, ich weiß nicht, wie man da bei Ihnen verurteilt wird, – aber doch ohne Verlust meiner Rechte, nicht wahr, Herr Staatsanwalt? Also wie gesagt, meine Herren, ich begreife vollkommen den Unterschied ... Aber Sie müssen mir auch zugeben, daß Sie mit solchen Fragen selbst Gott den Herrn aus dem Konzept bringen könnten: wo bist du gegangen, wie bist du gegangen, wann bist du gegangen, warum bist du gegangen, und so weiter? Ich kann doch dabei nur konfus werden, und Sie fassen dann alles, was ich sage, buchstäblich als Wahrheit auf und nehmen es natürlich sofort zu Protokoll – was kommt dabei schließlich heraus? Nichts kommt dabei heraus! ... Ach, nun, hol’s der Teufel, habe ich einmal angefangen zu schwatzen, so muß ich mich auch aussprechen, und Sie, meine Herren, verzeihen Sie mir bitte, als Menschen höherer Bildung und Ehrenmänner, die Sie sind. Ich will mit der Bitte schließen: versuchen Sie doch, meine Herren, diese abgedroschenen Verhörsvorschriften in diesem Falle einmal zu vergessen. Da heißt es denn, zuerst mußt du etwas ganz Unwichtiges fragen: wie er aufgestanden ist, was er gegessen hat, wie er gespuckt, und wohin er gespuckt hat, ‚und nachdem auf diese Weise die Aufmerksamkeit des Verbrechers eingeschläfert ist‘, – ihn plötzlich mit der wichtigsten Frage verblüffen: ‚Wie hast du erschlagen, wie bestohlen?‘ Haha! Das ist doch der ganze Bürogeist, der da drinsteckt, das sind doch Ihre Regeln und Formeln, dahinter versteckt sich ja Ihre ganze Schlauheit! Aber mit solchen Kniffen können Sie höchstens Bauern fangen, – nicht mich. Ich kenne doch die Sache, ich bin doch selbst Offizier gewesen und weiß daher, wie es in den Büros hergeht. Hahaha! Ärgern Sie sich nicht, meine Herren, Sie verzeihen mir doch den Ausfall gegen die Pedanten in Ihrem Fach?“ rief er lachend und blickte sie mit einer fast wundernehmenden Gutmütigkeit an. „Das hat doch Mitjä Karamasoff gesagt, folglich kann man es verzeihen, denn einem klugen Menschen kann man es nicht verzeihen, dem Mitjä aber selbstverständlich! Haha!“