„Ist das von den Folgen, die der Verlust des Glaubens der Menschen an die Unsterblichkeit ihrer Seele haben würde, wirklich Ihre Überzeugung?“ fragte plötzlich der Staretz Iwan Fedorowitsch.

„Ich habe das einmal behauptet. Es gäbe keine Tugend, wenn es keine Unsterblichkeit gibt.“

„Selig sind Sie, wenn das Ihr Glaube ist, oder aber maßlos unglücklich!“

„Warum denn unglücklich?“ fragte Iwan Fedorowitsch lächelnd.

„Weil Sie selbst aller Wahrscheinlichkeit nach weder an die Unsterblichkeit Ihrer Seele glauben, noch daran, was Sie von der Kirche und über die Kirchenfrage geschrieben haben.“

„Vielleicht haben Sie recht ... Aber immerhin habe ich doch nicht nur gescherzt ...“ gestand plötzlich sonderbarerweise Iwan Fedorowitsch, wobei er übrigens flüchtig errötete.

„Nicht nur gescherzt, das ist wahr; diese Idee hat sich in Ihrem Herzen noch nicht entschieden, und so quält sie das Herz. Doch auch der Märtyrer liebt es zuweilen, mit seiner Verzweiflung zu spielen, gewissermaßen gleichfalls aus Verzweiflung. Vorläufig spielen auch Sie aus Verzweiflung, wenn Sie Zeitungsartikel schreiben und in Gesellschaften disputieren, ohne dabei selbst an Ihre Dialektik zu glauben, über die sie bei sich mit wehem Herzen lachen ... Dieses Problem ist in Ihnen nicht gelöst, und darin besteht Ihr großes Leid, denn es heischt unerbittlich eine Lösung ...“

„Aber kann es denn in mir überhaupt gelöst werden? Gelöst im positiven Sinne?“ fuhr Iwan Fedorowitsch fort, sonderbar zu fragen, wobei er immer noch mit einem unerklärlichen Lächeln auf den Staretz blickte.

„Wenn es sich nicht im positiven Sinne lösen kann, so wird es sich auch niemals im negativen Sinne lösen, Sie kennen doch selbst diese Eigenschaft Ihres Herzens, darin besteht seine ganze Qual. Danken Sie dem Schöpfer, daß er Ihnen ein höheres Herz gegeben hat, das fähig ist, sich mit dieser furchtbaren Frage zu quälen, ‚trachtend nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist, denn unser Leben ist im Himmelreich‘. Gebe Gott, daß Ihr Herz noch auf Erden seine Lösung finde, und möge Gott Ihre Wege segnen!“

Der Staretz erhob die Hand und wollte schon von seinem Platz aus das Zeichen des Kreuzes über Iwan Fedorowitsch machen. Doch der erhob sich plötzlich, trat zu ihm und empfing den Segen; darauf küßte er ihm die Hand und kehrte stumm zu seinem Platz zurück. Der Ausdruck seines Gesichts war entschlossen und ernst. Diese Handlung, sowie das ganze vorhergegangene sonderbare Gespräch mit dem Staretz, das man von Iwan Fedorowitsch niemals erwartet hätte, schienen alle durch ihre Rätselhaftigkeit und fast Feierlichkeit stutzig zu machen, so daß das Schweigen eine ganze Minute andauerte. Auf Aljoschas Gesicht drückte sich beinahe Schrecken aus. Da aber zuckte Miussoff plötzlich mit den Achseln, und sofort sprang auch der alte Karamasoff auf.