„Ich bin Ihnen sehr dankbar und habe auch von Ihrer Güte nicht weniger erwartet.“

Nachdem er dies hervorgestoßen, verbeugte sich Dmitrij Fedorowitsch noch einmal vor ihm, darauf aber wandte er sich zu seinem Vater und machte vor ihm plötzlich eine ehrerbietige und tiefe Verbeugung. Man sah ihm an, daß er sich diese Höflichkeit vorgenommen hatte und sie wirklich aufrichtig meinte, da er es für seine Pflicht hielt, wenigstens auf diese Weise seine Ehrerbietung sowie seine guten Absichten auszudrücken. Fedor Pawlowitsch aber, der zuerst vor Überraschung nicht recht wußte, wie ihm geschah, fand sich nach einem Augenblick doch wieder auf seine Art: Er sprang hastig von seinem Stuhl auf und antwortete seinem Sohne auf die Höflichkeit mit ganz genau solch einer Verbeugung. Sein Gesicht wurde plötzlich wichtig und bedeutsam, was ihm einstweilen ein entschieden böses Aussehen verlieh. Dmitrij Fedorowitsch begrüßte schweigend mit einem kurzen Gruß die übrigen Anwesenden und ging dann mit seinen großen, gleichmäßigen Schritten zum Fenster, wo er sich auf den einzigen freien Stuhl setzte, nicht weit vom Pater Paissij, und sitzend vorgeneigt, sofort dem unterbrochenen Gespräch zuhören zu wollen schien.

Die ganze Unterbrechung hatte nicht mehr als zwei Minuten gedauert, und so war es nur selbstverständlich, daß das Gespräch wieder aufgenommen wurde. Diesmal hielt es Miussoff nicht für nötig, auf die bestimmte und fast gereizte Frage des Paters zu antworten.

„Gestatten Sie, dieses Thema abzubrechen,“ sagte er mit einer gewissen gesellschaftlichen Nachlässigkeit. „Zudem ist dieses Thema doch etwas schwierig; sehen Sie, Iwan Fedorowitsch lächelt über uns: er muß wahrscheinlich etwas besonders Interessantes auf diese Frage zu antworten haben. Fragen Sie daher, bitte, ihn.“

„O, nichts Besonderes, außer der kleinen Bemerkung,“ entgegnete sofort Iwan Fedorowitsch, „daß der europäische Liberalismus, im allgemeinen, und sogar unser russischer liberaler Dilettantismus schon längst und nicht etwa selten die Endresultate des Sozialismus mit denen des Christentums verwechseln. Diese unsinnige Folgerung ist natürlich ein charakteristischer Zug; übrigens verwechseln den Sozialismus mit dem Christentum, wie man sieht, nicht nur die Liberalen und Dilettanten, sondern mit ihnen in vielen Fällen auch noch die Gendarmen, versteht sich, nur die ausländischen. Ihre Pariser Geschichte ist wirklich recht charakteristisch, Pjotr Alexandrowitsch!“

„Im übrigen bitte ich nochmals um die Erlaubnis, dieses Thema abzubrechen,“ wiederholte Miussoff, „dafür aber werde ich Ihnen eine äußerst interessante und charakteristische Geschichte von Iwan Fedorowitsch erzählen. Vor nicht länger als fünf Tagen erklärte er in einer hiesigen vornehmlich aus Damen bestehenden Gesellschaft während eines Disputs feierlichst, daß es auf der ganzen Erde entschieden nichts gäbe, was den Menschen veranlassen könnte, Seinesgleichen zu lieben, daß solch ein Naturgesetz: der Mensch muß die Menschheit lieben – überhaupt nicht vorhanden und, wenn es bis jetzt auf der Erde trotzdem Liebe gäbe, dieses nicht nach dem Naturgesetz, sondern einzig darum so sei, weil die Menschen noch an ihre Unsterblichkeit glaubten. Iwan Fedorowitsch fügte bei der Gelegenheit noch en parenthèse hinzu, daß darin gerade das ganze Naturgesetz bestünde, so daß, wenn man im Menschen den Glauben an seine Unsterblichkeit vernichtete, in ihm nicht nur die Liebe, sondern überhaupt jede lebendige Kraft zur Fortsetzung des irdischen Lebens versiegen würde, und nicht nur das: es würde dann nichts Unsittliches mehr geben, sagte er, alles würde dann erlaubt sein, sogar die Menschenfresserei. Und auch damit war’s noch nicht genug: er schloß mit der Behauptung, daß sich für jede Privatperson, wie hier zum Beispiel ich, die weder an Gott noch an ihre Unsterblichkeit glaubt, das sittliche Gesetz der Natur in das volle Gegenteil des früheren religiösen Gesetzes verwandeln müsse, und daß ein Egoismus sogar bis zum Verbrechen dem Menschen nicht nur erlaubt sein, sondern für ihn als unvermeidlicher, vernünftigster und womöglich gar edelster Ausweg in seiner Lage anerkannt werden müsse. Nach diesem Paradoxon, meine Herren, können Sie auf das übrige schließen, was unser lieber paradoxer Exzentriker, Iwan Fedorowitsch, proklamiert und vielleicht auch noch zu proklamieren beabsichtigt.“

„Erlauben Sie,“ rief plötzlich ganz unerwartet Dmitrij Fedorowitsch dazwischen, „habe ich recht gehört: ‚Das Verbrechen muß nicht nur erlaubt sein, sondern sogar als unvermeidlicher und vernünftigster Ausweg aus der Lage eines jeden Gottlosen anerkannt werden!‘ War es so oder nicht?“

„Genau so,“ sagte Pater Paissij.

„Das werde ich mir merken!“

Und Dmitrij Fedorowitsch verstummte ebenso plötzlich, wie er sich in das Gespräch hineingemischt hatte. Alle blickten ihn neugierig an.