„Ja, was bedeutet denn das eigentlich?“ fuhr Miussoff sofort auf, als ob er sich plötzlich nicht mehr zurückhalten wollte. „Der Staat wird auf der Erde beseitigt, die Kirche aber wird zum Staate erhoben! Das ist ja nicht mehr Ultramontanismus, das ist einfach Erz-Ultramontanismus! Das hat sich selbst Papst Gregor der Siebente nicht einmal träumen lassen!“
„Verzeihung, Sie haben es gerade umgekehrt aufgefaßt!“ sagte streng Pater Paissij. „Nicht die Kirche verwandelt sich in Staat, beachten Sie das wohl. Das ist Rom und sein Ideal. Das ist die dritte Versuchung des Teufels! Sondern im Gegenteil: Der Staat verwandelt sich in Kirche, erhebt sich bis zur Kirche und wird Kirche auf der ganzen Erde, – was dem Ultramontanismus Roms und Ihrer Auffassung vollkommen entgegengesetzt und nur die große Bestimmung der Rechtgläubigkeit auf Erden ist. Von Osten her kommt das Licht.“
Miussoff schwieg bedeutsam. Seine ganze Gestalt drückte ungewöhnliche persönliche Würde aus. Ein ungemein herablassendes Lächeln erschien auf seinen Lippen. Aljoscha hatte alles mit stark klopfendem Herzen verfolgt. Dieses ganze Gespräch regte ihn bis in die Grundtiefen auf; zufällig blickte er zu Rakitin hinüber: der stand unbeweglich auf seinem alten Platz an der Tür und beobachtete und hörte aufmerksam zu, obgleich er den Blick gesenkt hielt. Doch an der lebhaften Farbe seines Gesichts erriet Aljoscha, daß auch Rakitin vielleicht nicht weniger als er selbst erregt war; Aljoscha wußte, was ihn erregte.
„Gestatten Sie mir, meine Herren, Ihnen eine kleine Geschichte zu erzählen,“ sagte plötzlich eindringlich und mit gewissermaßen besonders würdevoller Miene Miussoff. „Es war vor etlichen Jahren in Paris, kurz nach der Dezemberrevolution, da traf ich einmal, als ich im Hause eines sehr hochstehenden Mannes – er war damals einer von der Regierung – meine Aufwartung machte, da traf ich, wie gesagt, dort in seinen Empfangsräumen einen ungemein interessanten Herrn. Dieses Individuum war nicht gerade Detektiv, aber doch so etwas in der Art eines Direktors, sagen wir, eines ganzen Kommandos politischer Detektivs – in seiner Art ein ganz einflußreicher Mann. Nun, ich knüpfte mit ihm ein Gespräch an, da er mich ungemein interessierte, und da er nicht als Bekannter, sondern als untergebener Beamter mit einer gewissen Art von Rapporten gekommen war, so teilte er mir, da er sah, wie ich bei seinem Vorgesetzten empfangen wurde, seinerseits einige Amtsgeheimnisse mit – nun, versteht sich, nur bis zu einem gewissen Grade, das heißt, er war eher nur höflich als gerade aufrichtig, so wie die Franzosen höflich zu sein verstehen, um so mehr, als er in mir einen Ausländer erkannte. Doch ich begriff ihn sehr gut. Das Gespräch drehte sich um die sozialistischen Revolutionäre, die damals verfolgt wurden. Ich übergehe die Hauptpunkte des Gesprächs; ich will nur eine sehr interessante Bemerkung, die er plötzlich fallen ließ, wiedergeben: ‚Diese Sozialisten, Anarchisten, Atheisten und Revolutionäre fürchten wir nicht sonderlich,‘ sagte er, ‚wir beobachten sie nur, und im übrigen sind uns alle ihre Schachzüge bekannt. Unter ihnen aber gibt es, wenn auch nicht viele, so doch einige besondere Leute: das sind Christen, die an Gott glauben, zu gleicher Zeit aber auch Sozialisten sind. Sehen Sie, die sind es, die wir am meisten fürchten; das ist ein gefährliches Volk! Der christliche Sozialist ist viel gefährlicher als der atheistische Sozialist.‘ Diese Worte frappierten mich auch damals schon; jetzt aber, hier bei Ihnen, meine Herren, sind sie mir wieder eingefallen ...“
„Das heißt, daß Sie sie auf uns anwenden und auch in uns Sozialisten sehen?“ fragte gerade heraus, ohne alle Umschweife Pater Paissij.
Doch bevor noch Miussoff an eine Antwort denken konnte, öffnete sich die Tür, und Dmitrij Fedorowitsch, der sich so unverzeihlich verspätet hatte, trat ein. Man hatte ihn, wie es schien, ganz vergessen, und sein plötzliches Erscheinen rief im ersten Augenblick sogar ein gewisses Erstaunen hervor.
VI.
Wozu lebt solch ein Mensch?
Dmitrij Fedorowitsch, mittelgroß, mit einem sympathischen Gesicht, war erst achtundzwanzig Jahre alt, sah jedoch weit älter aus. Er war muskulös, und man konnte ihm eine bedeutende körperliche Kraft ansehen, doch drückte sich in seinem Gesicht zugleich etwas Krankhaftes aus. Er war mager, die Wangen waren eingefallen, und er hatte eine sonderbare, ungesunde, bleiche Farbe. Seine ziemlich großen, dunklen, etwas hervorstehenden Augen blickten scheinbar in fester Beharrlichkeit und doch gewissermaßen unbestimmt. Selbst wenn er erregt war oder gereizt sprach, gehorchte sein Blick, wie es schien, nicht seiner inneren Stimmung und drückte etwas anderes aus, zuweilen sogar etwas, was seinen Worten oder der Situation gar nicht entsprach. „Es ist schwer zu sagen, woran er eigentlich denkt,“ äußerten sich zuweilen Menschen, die mit ihm gesprochen hatten. Andere wiederum, die in seinen Augen etwas Nachdenkliches, Trauriges sahen, waren erstaunt, ihn ganz plötzlich lachen zu hören, was von seinen heiteren, spielerischen Gedanken in dem Moment zeugte, als seine Augen noch so düster und trübe geblickt hatten. Übrigens war sein etwas krankhaftes Aussehen noch aus einem besonderen Grunde begreiflich: man sprach ja allgemein von dem ungewöhnlich unruhigen und flotten Leben, dem er sich gerade in der letzten Zeit bei uns ergeben hatte. Man sprach auch von den unglaublichen Zornausbrüchen, zu denen er sich in den Streitigkeiten mit seinem Vater wegen des ihm vorenthaltenen Geldes hatte hinreißen lassen; in der Stadt liefen darüber sogar mehrere Anekdoten um. Es ist wahr, daß er auch schon von Natur reizbar war, „von unregelmäßigem, veränderlichem Gemüt,“ wie sich unser Friedensrichter Ssemjon Iwanowitsch Katschaljnikoff in einer Gesellschaft einmal charakteristisch über ihn äußerte. Er war tadellos und elegant gekleidet: in einem zugeknöpften Gehrock, mit schwarzen Handschuhen, den Zylinder in der Hand, trat er ein. Als Offizier, der erst vor kurzem seinen Abschied genommen hatte, trug er einen Schnurrbart und ein glattrasiertes Kinn. Sein dunkelblondes Haar war kurzgeschoren und an den Schläfen etwas nach vorn gekämmt; er hatte einen energischen Gang, schritt weit aus wie eben ein Frontoffizier. Er blieb auf der Schwelle stehen und, nachdem sein Blick alle Anwesenden überflogen hatte, schritt er entschlossen auf den Staretz zu, in dem er sofort die Hauptperson erraten hatte. Er verneigte sich tief vor ihm und bat ihn um seinen Segen. Der Staretz erhob sich und segnete ihn. Dmitrij Fedorowitsch küßte ihm ehrerbietig die Hand und sagte darauf ungewöhnlich erregt, fast gereizt:
„Verzeihen Sie, bitte, daß ich Sie so lange habe warten lassen. Der Diener Ssmerdjäkoff, den mein Vater zu mir geschickt hatte, sagte mir auf meine wiederholte Frage nach der Zeit des Besuches zweimal in der bestimmtesten Weise, daß er zu 1 Uhr angesagt worden sei, und jetzt erfahre ich plötzlich ...“
„Beunruhigen Sie sich nicht,“ unterbrach ihn der Staretz, „Sie haben sich etwas verspätet; aber das hat ja nichts zu sagen ...“