„Was? Entkleiden? Pfui Teufel! Untersuchen Sie doch so! Geht es denn nicht auch so?“
„Das ist unmöglich, Dmitrij Fedorowitsch. Sie werden Ihre Kleider ablegen müssen.“
„Wie Sie wollen,“ brummte Mitjä, der sich schließlich mit finsterer Miene fügte, „nur bitte nicht hier, sondern wenigstens hinter dem Vorhange. Wer wird denn die Besichtigung vollziehen?“
„Natürlich hinter dem Vorhange,“ sagte der Untersuchungsrichter und nickte zum Zeichen des Einverständnisses noch mit dem Kopf. Sein junges Gesicht drückte eine ganz besondere Wichtigkeit aus.
VI.
Der Staatsanwalt
Es begann etwas, was Mitjä nie erwartet hätte, und was ihn nicht wenig in Erstaunen setzte. Nie im Leben hätte er gedacht, selbst im letzten Augenblick nicht, daß jemand so mit ihm umgehen könnte, mit Dmitrij Karamasoff! Vor allem lag darin etwas Erniedrigendes für ihn: etwas so „Anmaßendes und Nichtachtendes“ seiner Person. Es wäre weiter nicht schlimm gewesen, hätte er den Rock ausziehen müssen; man ersuchte ihn aber, sich noch weiter zu entkleiden. Und eigentlich ersuchte man ihn nicht einmal darum, sondern man befahl es ihm geradezu – was er nur zu gut fühlte. Aus Stolz und Verachtung unterwarf er sich wortlos. Außer dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt traten hinter den Vorhang, um der Durchsuchung beizuwohnen, auch noch einige Bauern, „natürlich zur Sicherheit,“ dachte Mitjä, „vielleicht aber auch zu einem anderen Zweck“.
„Was, soll ich etwa auch noch das Hemd ausziehen?“ fragte er scharf; doch der Untersuchungsrichter antwortete ihm nicht; er war mit dem Staatsanwalt in die Besichtigung des Rockes, der Beinkleider, der Weste und der Mütze vertieft, und man sah es ihnen an, daß die Untersuchung sie beide ungemein interessierte. „Die genieren sich wahrlich nicht ein bißchen,“ dachte Mitjä, „nicht einmal die nötige Höflichkeit beobachten sie.“
„Ich frage Sie zum zweitenmal: Soll ich das Hemd ausziehen oder nicht?“ fragte er noch schärfer und gereizter.
„Beunruhigen Sie sich nicht, wir werden es Ihnen sagen,“ antwortete der Untersuchungsrichter in etwas obrigkeitlichem Ton. Wenigstens schien dies Mitjä so.
Mittlerweile fand zwischen dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt eine eifrige halblaute Beratung statt. Auf dem linken Rockschoß hatten sie große Blutflecken entdeckt, die bereits ganz trocken und hart waren. Desgleichen fanden sie auch auf den Beinkleidern Blutflecke. Der Untersuchungsrichter befühlte eigenhändig in Gegenwart der Bauernzeugen den Rockkragen, die Aufschläge und alle Nähte der Kleidungsstücke, – offenbar suchte er nach etwas, und das konnte natürlich nur Geld sein. Doch das Kränkendste für Mitjä war, daß sie ihren Verdacht nicht einmal verbargen, den Verdacht, er hätte das Geld in seine Kleider einnähen können. „Sie gehen ja wirklich mit mir um, als hätten sie es mit einem Diebe und nicht mit einem Offizier zu tun,“ dachte er ingrimmig. Und ihre Gedanken teilten sie sich untereinander geradezu verblüffend offen und ungeniert mit. So lenkte zum Beispiel der Schriftführer, der gleichfalls hinter den Vorhang gekommen war, eifrig zuhörte und untersuchen half, die Aufmerksamkeit des Untersuchungsrichters auf die Mütze, die danach nicht minder sorgfältig befühlt wurde. „Wissen Sie noch, wie damals der Schreiber Gridjenka hereinfiel?“ fragte der Schriftführer. „Er fuhr im Sommer hin, um das Gehalt für die Kanzleibeamten in Empfang zu nehmen, und als er zurückkam, sagte er, er hätte das ganze Geld in betrunkenem Zustande unterwegs verloren, – und wo fand man es? Im Mützenrand: Die Hundertrubelscheine waren zu Spiralen zusammengerollt und gerade hier eingenäht.“ Beide Juristen erinnerten sich noch sehr gut des Falles Gridjenka, und so wurde denn beschlossen, Mitjäs Mütze und Kleider zur genaueren Untersuchung zurückzubehalten.