„Nein, ich habe niemandem etwas davon gesagt.“

„Das ist sonderbar. Und Sie wissen genau, daß Sie es wirklich keinem einzigen Menschen gesagt haben?“

„Keinem einzigen Menschen. Niemandem, niemandem.“

„Aber warum denn dieses Schweigen darüber? Was veranlaßte Sie, das so geheimzuhalten? Ich werde mich deutlicher aussprechen: Sie haben uns also Ihr Geheimnis aufgedeckt, das nach Ihren Worten so schmachvoll sein soll, obgleich im Grunde – natürlich nur relativ gesprochen – diese Handlung, das heißt, die Aneignung fremden Geldes, und dazu noch selbstverständlich nur eine zeitweilige Aneignung, obgleich diese Handlung – wenigstens meines Erachtens – nur eine äußerst leichtsinnige Handlung ist und längst nicht so schmachvoll – wenn man außerdem noch Ihren Charakter in Betracht zieht ... Oder nennen wir sie sogar im höchsten Grade tadelnswert und so weiter, – so ist es deswegen noch nicht eine weiß Gott wie schmachvolle Tat ... Sehen Sie, ich meine das so: Daß diese dreitausend Rubel Fräulein Werchoffzeff gehörten, das hatten in diesem Monat schon viele ohne Ihr Eingeständnis erraten, und auch ich habe schon früher von diesem Gerücht gehört ... Michail Makarowitsch hat es gleichfalls gehört. Kurz, dieses Gerücht war in der letzten Zeit ein bereits allbekannter Stadtklatsch. Und zudem sollen auch Sie, wenn ich mich nicht täusche, einem Herrn eingestanden haben, daß Sie dieses Geld von Fräulein Werchoffzeff erhalten hätten ... Darum nun wundert es mich, daß Sie bis jetzt, das heißt bis zum gegenwärtigen Augenblick, aus dieser – nach Ihren Worten – zurückgelegten Summe von tausendfünfhundert Rubeln ein so großes Geheimnis gemacht haben, und daß Sie die Aufdeckung dieses Geheimnisses vorhin für eine so große Schmach hielten ... Es ist unwahrscheinlich, daß das Eingeständnis dieses Geheimnisses Ihnen so viel Qual bereitet hätte ... Sie sagten doch noch vor einer Minute, daß Sie eher als Zwangsarbeiter nach Sibirien gehen als das Geheimnis aufdecken würden ...“

Der Staatsanwalt verstummte. Er war in Hitze geraten und hatte seinen Ärger, wenn nicht seine Wut zu verbergen vergessen. Es hatte sich zuviel davon in ihm angesammelt, und so hatte er denn auch nicht mehr an schöne Redewendungen gedacht, sondern fast verwirrt gesprochen.

„Nicht in den Anderthalbtausend lag die Schmach, sondern darin, daß ich diese Anderthalbtausend von jenen Dreitausend abgeteilt hatte,“ sagte Mitjä mit fester Überzeugung.

„Aber wie denn,“ fragte der Staatsanwalt gereizt auflachend, „was ist denn dabei so schmachvoll, wenn Sie von bereits tadelnswert oder, wenn Sie wollen, meinetwegen auch schmachvoll angeeigneten Dreitausend die Hälfte nach Ihrem Ermessen abgeteilt haben? Viel wichtiger ist doch, daß Sie sich diese Dreitausend angeeignet haben, als das, was Sie mit ihnen nachher getan haben. Übrigens, warum haben Sie denn diese Hälfte abgeteilt? Wozu, zu welchem Zweck haben Sie das getan – können Sie es uns sagen?“

„Oh, meine Herren, in dem Zweck liegt ja doch die ganze Schmach!“ rief Mitjä. „Aus Berechnung habe ich die Anderthalbtausend abgeteilt, und diese Berechnung ist ja die ganze Gemeinheit ... Und diese Gemeinheit habe ich einen ganzen Monat mit mir herumgetragen!“

„Das begreife ich nicht.“

„Dann wundere ich mich über Sie. Aber es ist wahr, ich werde mich deutlicher erklären müssen; es ist vielleicht wirklich nicht ganz klar. Hören Sie und passen Sie auf: Ich eigne mir dreitausend Rubel an, die mir, die meiner Ehre anvertraut waren, und ich bringe das ganze Geld in einer Nacht durch und komme am nächsten Morgen zu ihr und sage: ‚Katjä, ich bin schuldig, ich habe deine Dreitausend durchgebracht.‘ Nun, was, ist das schön? Nein, das ist nicht schön, – es ist unehrlich und schlecht, ich bin ein Tier oder ein Mensch, der sich sowenig bezwingen kann, daß er tierisch wird, nicht wahr? Aber ich bin doch deswegen noch kein Dieb? Doch kein bewußter Dieb, doch kein Dieb, der aus Berechnung stiehlt, das müssen Sie mir doch zugeben! Ich habe das Geld durchgebracht, aber ich habe es nicht gestohlen! Jetzt nehmen wir den zweiten noch vorteilhafteren Fall. Geben Sie gut acht auf mich, ich könnte womöglich wieder aus dem Konzept kommen. – Der Kopf geht mir irgendwie ganz absonderlich rund. – Also der zweite Fall: ich verprasse hier nur Anderthalbtausend, also die Hälfte. Am folgenden Tage gehe ich zu ihr und bringe ihr die zweite Hälfte zurück: ‚Katjä, nimm diese Hälfte von mir, dem Scheusal und leichtsinnigen Schufte, wieder zurück und schicke sie selbst nach Moskau, denn die eine Hälfte habe ich in dieser Nacht durchgebracht, also würde ich wahrscheinlich auch mit der zweiten Hälfte dasselbe tun; nimm es, um mich davor zu bewahren.‘ Nun, was wäre ich in diesem Falle? Natürlich alles mögliche, ein Tier und ein leichtsinniger Mensch, aber immerhin doch kein Dieb, kein ausgesprochener Dieb, denn wenn ich ein Dieb wäre, so würde ich bestimmt nicht den Rest zurückgebracht, sondern auch ihn mir angeeignet haben. So müßte sie sich doch sagen, daß ich, wenn ich den Rest so bald zurückgebracht habe, dann auch das andere Geld, das durchgebrachte, zurückbringen würde, daß ich mein Leben lang nur darauf bedacht sein würde, dafür arbeiten würde – jedenfalls aber das Geld mir verschaffen und ihr abgeben würde. So bin ich dann wohl ein Schuft, aber kein Dieb, kein Dieb, sagen Sie, was Sie wollen, aber kein Dieb!“