„Nun ja, zugegeben, daß das ein gewisser Unterschied ist,“ sagte mit kaltem Lächeln der Staatsanwalt, „so ist doch sonderbar, daß Sie darin einen dermaßen verhängnisvollen Unterschied sehen.“

„Ja, ich sehe darin einen dermaßen verhängnisvollen Unterschied! Ein Schuft kann jeder sein, und das ist auch, genau genommen, ein jeder. Ein Dieb aber kann nicht jeder sein, sondern nur ein Erzschuft. Ach, nun, ich verstehe nicht, mich da, wie es sich gehört, mit allen Feinheiten auszudrücken ... Ich meine, ein Dieb ist gemeiner als ein Schuft, ja, das ist meine Überzeugung. So hören Sie denn: Ich trage das Geld einen ganzen Monat mit mir herum, morgen aber kann ich mich entschließen, es abzugeben, und dann bin ich kein Schuft mehr ... und da kann ich mich nun nicht dazu entschließen, obwohl ich mir jeden Tag sage: ‚Entschließe dich, entschließe dich, Schuft‘, und so kann ich mich einen ganzen Monat lang nicht entschließen! Ist das nun schön, ist das, Ihrer Meinung nach, nun etwa schön?“

„Nun ja, das ist allerdings nicht gerade schön, das begreife ich sehr wohl, aber darüber streite ich auch nicht,“ sagte der Staatsanwalt, diesmal wieder zurückhaltend. „Und überhaupt wollen wir jede Erörterung über diese Feinheiten und Unterschiede vorläufig beiseite lassen, und, wenn es Ihnen gefällig ist, zum Sachlichen übergehen. Das aber wäre, wenn Sie uns jetzt erklären wollten, was Sie noch nicht getan haben, obgleich von uns die Frage schon gestellt worden ist: Warum teilten Sie zuerst das Geld, das heißt, warum wollten Sie die eine Hälfte der ganzen Summe aufbewahren, wenn Sie die andere hier verzettelten? Wozu, speziell zu welchem Zweck gedachten Sie diese anderen Anderthalbtausend zu verwenden? Ich bestehe ganz besonders auf dieser Frage, Dmitrij Fedorowitsch.“

„Ach, ja, in der Tat!“ rief Mitjä und schlug sich vor die Stirn. „Verzeihen Sie, ich erschwere Ihnen nur das Verständnis und vergesse ganz das Hauptsächliche zu erklären, sonst hätten Sie ja auch sofort begriffen, denn in diesem Zweck, in diesem Zweck liegt ja gerade die Schmach! Sehen Sie, hier kam immer der Alte dazwischen, der Verstorbene, und belästigte immer Agrafena Alexandrowna, und ich war eifersüchtig, da ich glaubte, daß sie zwischen mir und ihm schwankte. Und so dachte ich denn jeden Tag: Was aber dann, wenn sie sich plötzlich entscheidet, wenn sie müde wird, mich zu quälen und mir plötzlich sagt: ‚Dich liebe ich und nicht ihn, bring mich sofort ans Ende der Welt,‘ und ich habe dann nur zwei Zwanziger in der Tasche, was soll ich dann tun, womit sie fortbringen? – Dann wäre ich doch verloren gewesen! Ich kannte sie doch damals noch nicht und verstand sie auch nicht, ich glaubte, daß sie nur Geld haben wollte, und daß sie mir meine Armut nicht verzeihen würde. Und da zähle ich denn tückisch die Hälfte von den Dreitausend ab und nähe sie kaltblütig mit der Nadel ein, nähe sie mit Berechnung ein, nähe sie bei völliger Nüchternheit ein, und erst darauf, nachdem ich sie eingenäht habe, fahre ich hinaus, um nun die andere Hälfte zu verprassen! Das, meine Herren, das ist eine Gemeinheit! Haben Sie es jetzt begriffen?“

Der Staatsanwalt lachte schallend auf und der Untersuchungsrichter gleichfalls.

„Meiner Meinung nach ist das sogar sehr vernünftig und sittlich, daß Sie sich gemäßigt und nicht alles durchgebracht haben,“ meinte immer noch lachend der Untersuchungsrichter, „denn was ist denn schließlich dabei?“

„Das ist dabei, daß ich gestohlen habe, begreifen Sie das doch endlich! O Gott, Sie entsetzen mich durch Ihren Mangel an Verständnis! Die ganze Zeit, während der ich diese Tausendfünfhundert auf meiner Brust eingenäht trug, sagte ich mir an jedem Tage und in jeder Stunde: ‚Du bist ein Dieb, du bist ein Dieb!‘ Deswegen wütete ich doch den ganzen Monat, deswegen suchte ich doch Händel im Gasthaus, deswegen verprügelte ich doch meinen Vater, weil ich mich als Dieb fühlte! Selbst dem Aljoscha, meinem jüngsten Bruder, konnte ich mich nicht entschließen, von diesen Tausendfünfhundert etwas zu sagen: dermaßen fühlte ich, daß ich ein Schuft und ein Taschendieb war! Aber wissen Sie, meine Herren, daß ich trotzdem die ganze Zeit, während der ich das Geld auf meiner Brust trug, an jedem Tage und in jeder Stunde mir noch sagen konnte: ‚Nein, Dmitrij Karamasoff, du bist vielleicht doch kein Dieb.‘ Und warum nicht? – ‚Weil du morgen hingehen und Katjä die Tausendfünfhundert zurückgeben kannst!‘ Und erst gestern entschloß ich mich, dieses eingenähte Geld von meinem Halse zu reißen, als ich von Fenjä zu Perchotin ging, bis dahin hatte ich es nicht fertig gebracht. In demselben Augenblick erst, in dem ich das tat, wurde ich endgültig ein unbestreitbarer Dieb, fürs ganze Leben ein Dieb und ein ehrloser Mensch. Warum? Weil ich zusammen mit diesem Zeuge, in dem das Geld eingenäht war, auch meinen Vorsatz zerriß, zu Katjä zu gehen und ihr zu sagen: ‚Ich bin ein leichtsinniger Schuft, aber kein Dieb!‘ Begreifen Sie es jetzt, begreifen Sie es?“

„Warum entschlossen Sie sich denn gerade gestern abend dazu?“ fragte der Untersuchungsrichter.

„Warum? Lächerlich, das noch zu fragen! – Weil ich mich zum Tode verurteilt hatte, weil ich beschlossen hatte, mich um fünf Uhr morgens hier in Mokroje bei Sonnenaufgang zu erschießen. ‚Es ist doch einerlei,‘ dachte ich, ‚ob ich als Schuft oder als Ehrenmann sterbe!‘ Aber nein, das ist doch nicht einerlei, wie sich erwiesen hat! Werden Sie mir glauben, meine Herren, nicht das quälte mich heute nacht am meisten, daß ich den alten Diener erschlagen hatte und mir Sibirien drohte – und noch dazu wann? in demselben Augenblick, nachdem sie mir gesagt hatte, daß sie mich liebe, nachdem sich der Himmel wieder über mir aufgetan! Oh, das quälte wohl auch, aber doch nicht so ... doch nicht so, wie dieses verfluchte Bewußtsein, daß ich von meinem Halse doch dieses verfluchte Geld abgerissen und verschleudert hatte, daß ich – endgültig ein Dieb war! Oh, meine Herren, ich sage es Ihnen nochmals mit meinem Herzblut: Viel habe ich in dieser Nacht erkannt! Ich erkannte, daß als Schuft nicht nur zu leben unmöglich ist, sondern daß man als Schuft nicht einmal sterben kann ... Nein, meine Herren, sterben muß man ehrenhaft! ...“

Mitjä war sehr bleich. Er sah erschöpft und gemartert aus, obschon er aufs äußerste erregt war.