„Ich fange an, Sie zu begreifen, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte langsam, mit weicher, fast mitleidiger Stimme der Staatsanwalt. „Aber alles das, verzeihen Sie, sind meiner Meinung nach nur Nerven ... sind Ihre angegriffenen Nerven und weiter nichts. Warum sind Sie denn, um sich von diesen Qualen zu befreien, und anstatt sich einen ganzen Monat damit weiterzuquälen, mit den tausendfünfhundert Rubeln nicht zu jener Dame gegangen, die sie Ihnen zuerst eingehändigt hatte? um ihr das Geld zurückzugeben und dann, nachdem Sie sich mit ihr ausgesprochen hätten, ihr alles zu erklären? und um schließlich, angesichts Ihrer damaligen Lage, die Sie uns doch so verzweifelt geschildert haben, ein anderes Arrangement zu versuchen, eines, das sich einem ganz von selbst aufdrängt ... nämlich – nach dem edelmütigen Bekenntnis aller Ihrer Fehler ... kurz, warum hätten Sie nicht die Summe, die Sie für Ihre Ausgaben nötig hatten, von ihr erbitten sollen? – eine Summe, die sie angesichts Ihrer Verzweiflung in ihrer großen Herzensgüte Ihnen bestimmt nicht verweigert haben würde, besonders wenn Sie dafür ein Dokument ausgestellt hätten oder sagen wir, selbst wenn Sie jene Rechte auf Ihr Eigentum, die Sie dem Kaufmann Ssamssonoff und Frau Chochlakoff angeboten haben, auf sie übertragen hätten? Sie halten doch diese Rechte noch bis auf den heutigen Tag für so viel wert?“
Mitjä schoß das Blut ins Gesicht.
„Ist das möglich, daß Sie mich wirklich für einen solchen Schuft halten? Sie haben das doch nicht im Ernst gesagt, das kann doch nicht sein!“ rief er empört aus, und er blickte dem Staatsanwalt in die Augen, als könnte er nicht an das glauben, was er von ihm gehört hatte.
„Ich versichere Sie, daß ich es im Ernst gesagt habe ... Warum glauben Sie, daß es nicht im Ernst gemeint sein könnte?“ fragte der Staatsanwalt seinerseits verwundert.
„Oh, wie gemein das gewesen wäre! Meine Herren, wissen Sie auch, wie Sie mich quälen! Aber, es sei drum, ich werde Ihnen alles sagen, ich werde Ihnen meine ganze Gemeinheit eingestehen ... ich tue es, um gerade Sie dadurch zu beschämen, und Sie werden sich selbst wundern, bis zu welch einer Niedrigkeit die menschlichen Gefühle in Ihren Kombinationen sinken können. So hören Sie denn, daß auch ich daran gedacht habe, an genau dasselbe, was Sie soeben aussprachen, Herr Staatsanwalt! Ja, meine Herren, auch ich habe diesen Gedanken gehabt in diesem letzten Monat, so daß ich mich fast schon entschloß, zu Katjä zu gehen, ja, dermaßen gemein war ich! Doch zu ihr zu gehen, ihr meine Untreue einzugestehen und auf Grund dieses Verrates, zur Ausführung dieses Verrates, für die bevorstehenden Ausgaben dieses Verrates, von ihr, ihr selbst, von Katjä, das Geld zu bitten – zu bitten, hören Sie, zu bitten! – und dann sie sofort zu verlassen und mit der anderen fortzufahren, mit ihrer Gegnerin, die sie haßt, und durch die sie beleidigt worden ist, und wie noch beleidigt, – Sie sind verrückt geworden, Herr Staatsanwalt!“
„Verrückt oder nicht verrückt, aber, es ist wahr, ich bedachte im Augenblick nicht ... daß hierbei die weibliche Eifersucht in Frage kam ... wenn wirklich von Eifersucht die Rede sein konnte, wie Sie behaupten ... das heißt, es konnte sich hierbei allerdings um etwas Derartiges handeln,“ meinte der Staatsanwalt lächelnd.
„Das aber wäre doch eine solche Gemeinheit gewesen!“ – Mitjä schlug fast rasend vor Zorn mit der Faust krachend auf den Tisch – „das hätte denn doch dermaßen gestunken, daß, daß ... ich weiß nicht, wie ich das nennen soll! Und wissen Sie auch, daß sie imstande gewesen wäre, mir dieses Geld tatsächlich zu geben, sie hätte es getan, hätte es sogar bestimmt getan, aus Rache hätte sie es gegeben, zur Stillung ihres Rachedurstes, aus Verachtung zu mir hätte sie es gegeben. Denn auch sie ist eine infernale Seele, ein Weib, das mächtigen Zornes fähig ist! Ich aber würde das Geld angenommen haben, oh, ich würde es genommen haben, und dann würde ich mein ganzes Leben lang ... o Gott! Verzeihen Sie, meine Herren, ich schreie ja nur deswegen so, weil ich diesen Gedanken noch vor kurzem tatsächlich gehabt habe, vor drei Tagen noch, als ich mich mit dem Ljägawyj herumplagte, und dann noch gestern, ja, noch gestern, den ganzen Tag gestern, ich weiß noch ganz genau, die ganze Zeit gestern bis zu jenem Vorfall ...“
„Bis zu welchem Vorfall?“ griff der Untersuchungsrichter sofort auf, doch Mitjä überhörte die Frage.
„Ich habe Ihnen ein furchtbares Bekenntnis abgelegt,“ sagte er finster. „So schätzen Sie es doch, meine Herren. Nein, das wäre zu wenig, zu wenig, zu wenig ist es, das nur zu schätzen, – heilig halten sollen Sie es! ... Wenn Sie es aber nicht tun, wenn auch das an Ihren Seelen vorübergeht, ohne sie zu berühren, dann ... dann achten Sie mich ja überhaupt nicht, meine Herren, das sage ich Ihnen, und ich ... ich werde vergehen vor Schande, daß ich es solchen Menschen bekannt habe, wie Sie sind! Oh, ich werde mich erschießen! Ja, ich sehe ja schon, daß Sie mir nicht glauben, ich sehe es, ich sehe es! Wie, auch das wollen Sie niederschreiben?“ rief er plötzlich angstvoll.
„Ja, das, was Sie soeben geäußert haben,“ sagte der Untersuchungsrichter, der ihn verwundert betrachtete, „daß Sie bis zum letzten Augenblick noch daran gedacht haben, zu Fräulein Werchoffzeff zu gehen, um sie um diese Summe zu bitten ... Glauben Sie mir, das ist eine Aussage von großer Wichtigkeit für uns, Dmitrij Fedorowitsch, über diesen ganzen Vorfall ... und besonders für Sie, besonders für Sie.“