„Leben Sie wohl, Dmitrij Fedorowitsch, leben Sie wohl!“ ertönte plötzlich die Stimme Kalganoffs, der ganz unerwartet von irgendwoher aufgetaucht war.
Er eilte zum Wagen und streckte Mitjä die Hand entgegen. Er war ohne Mütze herausgelaufen. Mitjä gelang es noch, seine Hand zu erfassen und einmal zu drücken.
„Leb wohl, du lieber Mensch, werde dich und deine Großmut nie vergessen!“ rief er ihm heiß zu.
Da zogen aber die Pferde an, und ihre Hände wurden auseinander gerissen. Die Glocken tönten ... – so wurde Mitjä fortgeführt.
Kalganoff aber lief in den Flur, setzte sich dort in eine dunkle Ecke, vergrub das Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. Lange saß er so und weinte, – er weinte, als wäre er noch ein kleiner Knabe und nicht ein zwanzigjähriger junger Mann. Oh, er war fast ganz von Mitjäs Schuld überzeugt! „Was sind denn das für Menschen, wie können denn, danach zu urteilen, die Menschen überhaupt sein!“ rief er innerlich in bitterer Schwermut, wenn nicht gar Verzweiflung. Er verlor allen Lebensmut: „Ich will überhaupt nicht mehr leben,“ sagte er grollend, und „ist denn das Leben das wert, ist es das wert?“ rief der betrübte Jüngling immer wieder aus.
Zehntes Buch.
Die Knaben
I.
Koljä Krassotkin
Anfang November. Die Kälte war bei uns schon auf elf Grad gestiegen, und dazu kam noch Glatteis. Auf die gefrorene Erde war nachts etwas trockener Schnee gefallen, und nun fegte ihn ein kalter, scharfer Wind durch die langweiligen Straßen des Städtchens und besonders über den Marktplatz in unermüdlichen Stößen vor sich her. Der Morgen ist bewölkt, doch der Schneefall hat schon aufgehört.
Nicht weit vom Marktplatz, in der Nähe der Plotnikoffschen Kolonialwarenhandlung, steht das kleine, von außen wie von innen sehr saubere Haus der Witwe des verstorbenen Beamten Krassotkin. Der Gouvernementssekretär Krassotkin war schon vor langer Zeit gestorben, vor etwa vierzehn Jahren; seine Witwe aber, ein etwa dreißigjähriges und noch immer sehr nettes appetitliches Frauchen, lebte in ihrem schmucken Häuschen „vom eigenen Kapital“. Sie lebte sittsam und bescheiden und hatte einen zärtlichen, sanften, im allgemeinen recht heiteren Charakter. Sie war bereits mit achtzehn Jahren Witwe geworden, nachdem sie mit ihrem Mann nur ein Jahr lang zusammengelebt und ihm kurz vor seinem Tode einen Sohn geboren hatte. Seit der Zeit, seit dem Tode ihres Mannes, widmete sie sich ganz der Erziehung dieses ihres einzigen Söhnchens Koljä, und wenn sie ihn auch alle diese vierzehn Jahre geradezu abgöttisch liebte, so machte sie mit ihm, versteht sich, weit mehr Leiden durch, als er ihr Freuden bereitete, da sie jeden Tag für ihn zitterte und fast verging vor Angst, er könnte sich erkalten, erkranken, sich beim Spielen Schaden tun, auf einen Stuhl klettern und herunterfallen usw. usw. Als aber Koljä die Vorschule und späterhin unser Progymnasium zu besuchen begann, da fing sie an, alle Wissenschaften zu studieren, um ihm beim Lernen helfen und mit ihm die Aufgaben durchnehmen zu können. Sie suchte mit seinen Lehrern und deren Frauen bekannt zu werden, lud sie zum Kaffee ein, sie verwöhnte und hätschelte sogar seine Schulkameraden, damit sie ihren Koljä nicht anrührten, nicht verspotteten, oder gar – Gott behüte! – verprügelten. Sie brachte es so weit, daß die Knaben schließlich über ihn lachten und ihn als „das Muttersöhnchen“ neckten. Koljä aber verstand es, sich zu verteidigen. Er war ein mutiger Junge und „furchtbar stark“, wie das Gerücht zu melden wußte, das sich bald in der Klasse verbreitete, war gewandt, charakterfest, kühn und unternehmungslustig. Er lernte gut, und es hieß sogar unter den Kameraden, daß er in der Arithmetik und allgemeinen Geschichte selbst dem Lehrer, Herrn Dardaneloff, ein Bein stellen könne. Wenn nun der Junge auch etwas „von oben herab“ war und das Nasenspitzchen oft gehörig emporreckte, so war er doch ein guter Kamerad, der sich nie überhob. Die Achtung der Mitschüler nahm er übrigens als etwas Selbstverständliches hin. Die Hauptsache war, daß er Maß hielt, daß er sich bei Gelegenheit selbst zurückzuhalten verstand, und daß er in seinem Verhalten zu den Lehrern niemals die letzte, sehr bemerkbare Grenze überschritt, über die hinaus die Streiche nicht mehr verziehen werden können, da sie dann bereits zu „Unordnung, Rebellion und Verletzung der Vorschriften“ führen. Und doch war er nichts weniger als abgeneigt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit wie der ausgelassenste Schulbub ausgelassen zu sein, oder vielmehr nicht so sehr ausgelassen zu sein, als etwas Besonderes anzustiften, einen ganz besonders tollen Streich zu spielen, „Extrafurore“ zu machen, sich einen „Schick“ zu geben, kurz, sich irgendwie auffallend auszuzeichnen. Vor allem war er sehr ehrgeizig. Sogar seine Mama verstand er in ein untergeordnetes Verhältnis zu sich zu bringen, ja, er beherrschte sie fast despotisch. Sie hatte sich ihm widerspruchslos untergeordnet, oh, schon lange war er der Herr im Hause! Nur den einen Gedanken konnte sie nicht ertragen: daß ihr Junge sie „wenig liebe“. Es schien ihr immer, daß ihr Koljä „nichts für sie fühle“, und so kam es denn vor, daß sie, in Tränen aufgelöst, ihm wegen seiner Kälte zu ihr Vorwürfe machte. So etwas liebte der Junge äußerst wenig, und je mehr Herzensergüsse man von ihm verlangte, um so zurückhaltender wurde er. Das geschah aber von ihm nicht absichtlich, wie es schien, sondern ganz unwillkürlich, – so war nun einmal sein Charakter. Doch die Mutter täuschte sich: er liebte seine Mama sogar sehr, nur liebte er keine „Kälberzärtlichkeiten“, wie er sich in seinem Schülerjargon ausdrückte. Sein Vater hatte viele Bücher hinterlassen, die von der Mutter in einem großen Schrank aufbewahrt wurden. Koljä machte sich bald daran, diese Bücher zu lesen. Die Mama beunruhigte das weiter nicht; sie wunderte sich vorläufig nur über ihren Jungen, wie der so ganze Stunden lang am Bücherschrank stehen und lesen konnte. Daher hatte denn Koljä in kurzer Zeit schon manches gelesen, was er in so jungen Jahren gar nicht zu wissen gebraucht hätte.
In der letzten Zeit aber hatte er ein paar Streiche gespielt, die die Mama ernstlich beunruhigten. Es waren das nicht irgendwelche sittlich bedenkliche, bösartige Stückchen, sondern wahrhaft tollkühne, halsbrecherische Wagnisse gewesen. Die Mama hatte nämlich Ende Juli, in der Ferienzeit, mit ihrem Jungen eine Verwandte besucht, deren Mann auf der nächsten Eisenbahnstation, siebzig Werst von unserem Städtchen, angestellt war. (Es war das dieselbe Eisenbahnstation, von der einen Monat darauf Iwan Fedorowitsch Karamasoff nach Moskau reiste.) Das erste, was Koljä bei seinen Verwandten tat, war, daß er sich genau die Lokomotiven besah, sich mit der Maschine gut bekannt machte, alle Räder untersuchte usw., denn er sagte sich, daß er mit diesen Kenntnissen seinen Mitschülern imponieren werde. Es fanden sich noch ein paar andere Knaben dazu, mit denen er sich anfreundete; die einen von ihnen wohnten daselbst auf der Station, die anderen in der Nachbarschaft, – im ganzen hatten sich sechs oder sieben Jungen im Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren zusammengetan, darunter zwei Gymnasiasten aus unserer Stadt. Diese Jungen spielten und tollten zusammen, und siehe da, am vierten oder fünften Tage des Besuchs – Frau Krassotkin und Koljä waren nur auf etwa eine Woche hingefahren – kam es unter ihnen zu einer ganz unglaublichen Wette um zwei Rubel: und zwar handelte es sich um folgendes: