Da schlug es fern von der Turmuhr der Kathedrale halb zwölf. Die Knaben beeilten sich und gingen sehr schnell und fast ohne zu sprechen. Bis zur Wohnung des Hauptmanns Ssnegireff war es noch ziemlich weit. Als sie etwa noch zwanzig Schritt vom Hause entfernt waren, blieb Koljä plötzlich stehen und gab Ssmuroff den Befehl, vorauszugehen und Karamasoff zu ihm herauszuschicken.
„Man muß sich zuerst ein wenig beschnuppern,“ fügte er nur kurz hinzu.
„Aber warum denn das?“ Ssmuroff wollte ihn noch überreden, sofort mitzugehen. „Komm doch so, man wird sich furchtbar freuen. Was hat denn das für einen Witz, hier in der Kälte Bekanntschaft zu machen?“
„Es genügt, wenn ich weiß, wozu es nötig ist, daß ich ihn herausrufen lasse,“ schnitt Koljä geradezu despotisch jede weitere Einwendung ab (ein Verfahren, das er besonders gern im Verkehr mit den „Kleinen“ anzuwenden pflegte), und Ssmuroff lief sofort eilig ins Haus, um dem Befehl nachzukommen.
IV.
Shutschka
Koljä lehnte sich mit wichtiger Miene an den Zaun und erwartete Aljoschas Erscheinen. Eigentlich hatte er sich schon lange auf diesen Augenblick vorbereitet, denn im Grunde wollte er mehr als gern seine Bekanntschaft machen. Viel hatte er von ihm gehört, besonders durch die kleineren Schüler, doch hatte er sich absichtlich immer überlegen-gleichmütig gestellt, wenn man von ihm sprach, hatte sogar Aljoschas Tun „kritisiert“, was jedoch nicht hinderte, daß er aufmerksam zuhörte, wenn man von ihm sprach. Ja, er wollte ungeheuer gern Alexei Karamasoff kennen lernen, denn in allem, was er über ihn gehört hatte, war etwas ungemein Sympathisches und Anziehendes gewesen. So war denn auch dieser Augenblick am Zaun ein sehr wichtiger: vor allen Dingen durfte man sich nicht blamieren, man mußte sich eben vollkommen selbständig zeigen, denn: „Sonst könnte er merken, daß ich dreizehnjährig bin, und mich für einen ebensolchen Knaben halten wie jene Kleinen. Was hat er nur an ihnen? Sollte ich ihn das nicht vielleicht fragen, wenn er kommt? Das Gemeine ist nur, daß ich noch so klein von Wuchs bin. Tusikoff zum Beispiel, ist doch jünger als ich und trotzdem um einen halben Kopf länger. Nur mein Gesicht ist nicht so dumm. Ich bin nicht gerade schön zu nennen, ich weiß, ich habe ein scheußliches Gesicht, aber dafür ist es klug. Auch darf ich nicht gar zu freundlich sein, ich muß mich sogar unbedingt zurückhaltender zeigen, denn wenn man ihn gleich mit offenen Armen empfängt, kann er ja denken ... Pfui, das wäre aber gemein, wenn er dächte, daß ich –! ...“
So regte Koljä sich unnütz auf, während er wartete und sich aus allen Kräften bemühte, eine möglichst ungezwungene Haltung anzunehmen. Am meisten quälte ihn, daß er so klein von Wuchs war, ja, gar nicht so sehr das „scheußliche“ Gesicht, wie gerade der kleine Wuchs quälte ihn. Zu Hause hatte er schon im vorigen Jahre mit der Bleifeder ein Zeichen an der Wand gemacht, das seine Größe an dem und dem Tage angab, und seit der Zeit ging er alle zwei Monate einmal an diese Wand, um zu messen, wieviel er inzwischen gewachsen war. Doch leider wuchs er sehr langsam, was ihn bisweilen fast zur Verzweiflung brachte. Was nun sein Gesicht anbelangt, so war es durchaus nicht „scheußlich“, sondern sogar recht nett: ein weißes, etwas blasses Knabengesicht mit Sommersprossen auf dem Näschen. Seine grauen, nicht großen, doch lebhaften Augen blickten dreist in die Welt, und oftmals wurden sie dunkel von tiefem Gefühl. Die Kinnbacken waren etwas breit, die Lippen klein und ziemlich schmal, dafür aber sehr rot; die Nase war gleichfalls klein, und die Spitze guckte impertinent in die Luft: „Eine ausgesprochene Stumpfnase, das reinste Exemplar von dieser Sorte!“ sagte sich Koljä, wenn er vor dem Spiegel stand und ihm jedesmal tief verstimmt wieder den Rücken kehrte. „Und ist denn das Gesicht auch wirklich klug?“ fragte er sich mitunter, wenn er selbst daran zu zweifeln begann. Übrigens muß man nun nicht denken, daß die Sorge um seinen Wuchs und die Nase seine ganze Seele erfüllte. Nein, das war durchaus nicht der Fall. Wie schwer auch die Minuten vor dem Spiegel zuweilen waren, er vergaß sie doch schnell und auf lange Zeit, indem er sich mit Leib und Seele den „Ideen und dem wirklichen Leben“ hingab, wie er selbst seine Tätigkeit bezeichnete.
Aljoscha erschien sehr bald und trat schnell auf Koljä zu. Dieser hatte sofort bemerkt, daß Aljoscha auffallend freudig aussah. „Sollte er sich wirklich über mich so freuen?“ dachte Koljä, angenehm berührt. Bei der Gelegenheit mag noch erwähnt werden, daß Aljoscha sich in der Zwischenzeit sehr verändert hatte. Er hatte die Kutte ausgezogen und trug einen kurzen, tadellos gearbeiteten Rock, einen runden, weichen Filzhut und kurzgeschorenes Haar. Das alles stand ihm vortrefflich. Er sah geradezu schön aus. Sein anziehendes Gesicht hatte einen heiteren Ausdruck, doch war diese Heiterkeit von einer ganz eigenartigen Stille und Ruhe. Zu Koljäs Verwunderung kam Aljoscha so, wie er im Zimmer gesessen hatte, zu ihm heraus, trotz der scharfen Kälte ohne Überzieher. Augenscheinlich hatte er sich sehr beeilt.
Aljoscha streckte ihm sofort die Hand entgegen.
„Da sind Sie ja endlich! Wie wir Sie erwartet haben!“