„Ich hatte meine Gründe, die Sie sofort erfahren werden. Jedenfalls freut es mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich habe eigentlich schon lange auf die Gelegenheit gewartet ... ich habe viel von Ihnen gehört ...“ sagte Koljä etwas außer Atem.
„Wir wären ja auch so zusammengekommen; auch ich habe viel von Ihnen gehört; hierher aber sind Sie leider etwas zu spät gekommen.“
„Ja, sagen Sie doch, wie steht es hier?“
„Iljuscha geht es sehr schlecht, er wird nicht mehr lange leben.“
„Was? Wie ist das möglich? Aber da müssen Sie doch zugeben, Karamasoff, daß die Medizin nichts als Quacksalberei ist!“ rief Koljä aufrichtig empört.
„Iljuscha hat oft, sehr oft nach Ihnen gefragt, sogar in der Nacht, wenn er phantasierte, hat er Ihren Namen genannt. Daraus sieht man, wie lieb Sie ihm gewesen sind ... früher ... vor jenem Messerstich Außerdem gibt es noch andere Gründe, die ... Sagen Sie, ist das Ihr Hund?“
„Ja. Mein Pereswonn.“
„Und nicht Shutschka?“ Aljoscha blickte traurig und enttäuscht Koljä in die Augen. „So ist denn Shutschka wirklich ganz und gar verschwunden?“
„Ich weiß, daß Sie alle gern Shutschka wiederfinden wollten, ich habe es gehört,“ sagte Koljä mit rätselhaftem Lächeln. „Hören Sie, Karamasoff, ich werde Ihnen die ganze Sachlage erklären, ich bin ja hauptsächlich nur darum gekommen, und deswegen habe ich Sie auch herausrufen lassen, um Ihnen vorher die ganze Episode zu erzählen, ich meine, bevor wir hineingehen,“ begann Koljä lebhaft. „Sehen Sie, Karamasoff, im Frühling trat Iljuscha in die Vorbereitungsklasse ein. Nun, man weiß doch, wie die ist: Kleine, dumme Jungen, Iljuscha wurde sofort von allen geneckt. Ich beobachtete, da ich doch zwei Klassen höher sitze, alles nur aus der Ferne. Ich sah, es ist ein kleiner, schwächlicher Junge, aber er duckt sich nicht, er prügelt sich mit jedem, der ihn neckt, er ist stolz, die Augen blitzen nur so. Solche Jungen gefallen mir. Sie aber neckten ihn noch mehr. Hauptsächlich taten sie es darum, weil er damals ganz alte Kleider trug. Seine Höschen kletterten an den Beinchen hinauf und die Stiefelspitzen waren entzwei und glichen zwei hungrigen Mäulchen. Darum neckten sie ihn und machten sich über ihn lustig. Nein, das liebe ich nicht. Ich griff sofort ein und gab ihnen gehörig Extrapfeffer. Ich verhaue sie doch, sie aber vergöttern mich trotzdem, wissen Sie das schon, Karamasoff?“ – prahlte Koljä halb unbewußt. „Und überhaupt habe ich Kinder ganz gern. Mir sitzen außerdem noch zu Hause zwei Nestlinge auf dem Halse, heute haben sie mich sogar unverzeihlich lange aufgehalten. So hörten die Jungen denn auf, Iljuscha zu necken oder zu verprügeln, da ich ihn unter meine Protektion genommen hatte. Ich sah sofort, daß er stolz war, sehr stolz, das sage ich Ihnen, aber schließlich unterwarf er sich mir ganz, geradezu sklavisch. Er erfüllte jeden Befehl, den ich gab, gehorchte mir wie einem Gott, und war bald auf dem besten Wege, mich zu imitieren. In den Pausen zwischen den Stunden kam er jedesmal sofort zu mir, und wir spazierten dann zusammen. Sonntags kam er gleichfalls zu mir. Bei uns im Gymnasium lacht man darüber, wenn ein Älterer mit einem von den Kleinen geht und sich dazu noch so kameradschaftlich zu ihm verhält. Aber das ist ja nur ein Vorurteil. Es ist nun einmal mein Einfall, ich will es so, und damit basta, nicht wahr? Ich belehre ihn also, trage viel zu seiner Entwicklung bei, – und warum, sagen Sie doch selbst, warum soll ich das nicht tun, wenn er mir gefällt? Da haben wir doch zum Beispiel Sie, Karamasoff; Sie haben sich ja gleichfalls mit diesen Kindern angefreundet, das bedeutet doch, daß Sie auf die junge Generation einwirken wollen, daß Sie sie entwickeln wollen, kurz, daß Sie nützlich sein wollen, nicht wahr? Und ich muß gestehen, dieser Ihr Charakterzug, von dem ich viel gehört habe, hat mich am meisten interessiert. Übrigens zur Sache: Ich bemerkte also bald, daß in dem Jungen sich eine gewisse Empfindsamkeit, eine gewisse Sentimentalität entwickelte, ich aber, wissen Sie, bin ein ausgesprochener Feind aller Kälberzärtlichkeiten, und zwar schon von Geburt an. Und zudem sind das doch Widersprüche: er ist stolz, mir aber sklavisch ergeben, – sklavisch ergeben, und plötzlich blitzen die Äuglein auf, und er will nicht einmal mehr übereinstimmen mit mir, streitet, kriecht womöglich an der Wand hinauf! Ich habe mitunter Ideen verfochten, er aber fängt plötzlich an mir zu widersprechen, nur sind es, wie ich alsbald einsehe, nicht die Ideen, die er angreift, sondern er empört sich gegen mich persönlich, weil ich seine Zärtlichkeit mit Kaltblütigkeit erwidere. Nun, und um ihn jetzt zu erziehen, werde ich, je zärtlicher er zu mir wird, desto kälter zu ihm. Ich tat es absichtlich. Meiner Überzeugung nach mußte ich es gerade so machen. Mein Ziel war, seinen Charakter zu bilden, auszugleichen, einen Menschen aus ihm zu machen ... nun, und so weiter ... Sie verstehen mich natürlich auch ohne Worte. Plötzlich bemerke ich, er ist niedergeschlagen, den einen Tag, den zweiten, dritten – und diesmal nicht wegen der Zärtlichkeiten oder Nichtzärtlichkeiten, sondern aus einem anderen, gewichtigeren, höheren Grunde. Was ist denn das für eine Tragödie, denke ich. Ich dringe in ihn, bis ich schließlich die ganze Sache erfahre. Er war auf irgendeine Weise mit dem Diener Ihres verstorbenen Vaters, der damals noch lebte, mit dem Ssmerdjäkoff, zusammengekommen, und dieser hatte ihm, dem dummen kleinen Jungen, etwas ganz Blödsinniges gezeigt, das heißt vielmehr etwas wahrhaft tierisch Rohes – nämlich aus Brot, aus weichem, teigartigem Brot, eine Kugel zu kneten, eine Stecknadel hineinzustecken und diesen Brotball dann einem Hofhunde vorzuwerfen – einem von jenen verhungerten, die die Bissen gierig hinunterschlucken –, und dann zuzusehen, was der Hund macht. Und so hatten sie denn beide so eine Kugel fabriziert und diesem selben zottigen Hunde vorgeworfen, dem Shutschka, der dort auf dem Hof, wo er war, überhaupt nichts zu fressen bekam, und nur die ganze Nacht in den Wind hinausheulte. – Lieben Sie dieses dumme Gebell, Karamasoff? Ich kann es nicht ausstehen! – Nun, der verhungerte Hund hatte natürlich sofort zugeschnappt und hinuntergeschluckt, und dann hat er gleich zu heulen und zu winseln angefangen, ja, er hat sich immer winselnd im Kreise herumgedreht und dann plötzlich ist er winselnd und aufheulend fortgelaufen und – verschwunden. So hat es mir Iljuscha selbst erzählt. Er gestand es mir und weinte dabei, umklammerte mich und weinte herzbrechend. ‚Er lief und winselte, lief und winselte,‘ wiederholte er immer wieder, dermaßen hatte ihn dieses Bild gepackt. Das waren also Gewissensbisse bei ihm. Ich nahm es ernst. Ich wollte ihm hauptsächlich wegen des früheren Verhaltens eine Lektion erteilen, und so habe ich denn, ich muß gestehen, etwas Komödie gespielt, mich absichtlich verstellt, als wäre ich in einer Weise empört darüber, wie ich es in Wirklichkeit vielleicht gar nicht war. ‚Du hast eine niedrige, schändliche Tat begangen,‘ sage ich zu ihm, ‚du bist ein Schurke. Ich werde natürlich nicht ausposaunen, was du getan hast, aber vorläufig breche ich jeden Verkehr mit dir ab. Ich werde mir die Sache noch überlegen und dich dann durch Ssmuroff wissen lassen – durch denselben Knaben, mit dem ich heute gekommen bin, der Sie soeben herausgerufen hat, er ist mir immer ergeben gewesen –, ob ich hinfort noch mit dir Umgang pflegen kann, oder ob ich dich als einen erklärten Schuft überhaupt nicht mehr kennen will.‘ Das ging ihm schrecklich nahe. Offen gestanden, ich fühlte schon damals, daß ich vielleicht doch zu streng war, aber was sollte ich tun – das war nun einmal mein Prinzip. Darauf, am nächsten Tage, schicke ich Ssmuroff zu ihm und lasse sagen, daß ich ‚nicht mehr mit ihm sprechen werde‘ – das sagt man so bei uns, wenn zwei Kameraden ihre Freundschaft brechen. Das Geheimnis bestand aber darin, daß ich ihn nur ein paar Tage lang in Acht und Bann halten und ihm dann wieder die Hand reichen wollte, wenn ich seine Reue sehen würde. Das war meine feste Absicht. Aber was glauben Sie wohl, nachdem er Ssmuroff angehört hat, schreit er ihm mit blitzenden Augen zu: ‚Sage Krassotkin, daß ich von jetzt ab allen Hunden solche Brotkugeln mit Stecknadeln vorwerfen werde, allen, allen!‘ – Aha, dachte ich, das Kerlchen rebelliert, ein freier Geist scheint sich eingeschlichen zu haben, nun, den muß man ausräuchern. Und ich begann ihm meine tiefe Verachtung zu zeigen; wenn wir einander begegneten, wandte ich mich von ihm ab, oder ich lächelte ironisch. Da aber kam plötzlich diese Geschichte mit dem Vater dazwischen, Sie wissen doch, mit dem Bastwisch. Jetzt sehen Sie, wie er schon vorbereitet war – zu dieser ganzen Katastrophe mit dem Vater. Als aber die Knaben sahen, daß ich ihn verlassen hatte, da ging es wieder los mit dem Necken: ‚Bastwisch, Bastwisch!‘ Und da begannen denn zwischen ihnen wieder die Schlachten mit Kieselsteinen. Das tut mir jetzt schrecklich leid, denn ich glaube, damals haben sie ihn einmal furchtbar verprügelt. Eines Tages aber warf er sich auf dem Hof gegen die ganze Bande, als wir Älteren gerade nach der letzten Stunde die Schule verließen, und ich blieb etwa zehn Schritt von ihm stehen und sah ihm zu. Auf Ehrenwort, ich erinnere mich nicht mehr, ob ich damals gelächelt habe oder nicht; ich weiß nur noch, daß er mir in dem Augenblick maßlos, nein wirklich, maßlos leid tat. Noch einen Augenblick – und ich hätte mich dazwischen geworfen, um ihn zu verteidigen. Da aber erblickte er mich plötzlich; ich weiß nicht, was er in meinem Blick gesehen hat, – er riß sein Federmesser heraus, stürzte sich auf mich und stach mich in den Schenkel, hier, gerade hier am rechten Bein. Ich rührte mich nicht, ich muß gestehen, ich bin zuweilen recht tapfer, Karamasoff. Ich blickte ihn nur verächtlich an, als wollte ich mit dem Blick sagen: ‚Willst du mich vielleicht noch einmal stechen, zum Dank für meine Freundschaft, so stehe ich zu Diensten.‘ Er aber stach nicht zum zweitenmal, er hielt es nicht aus, er erschrak selbst, warf das Messer fort, weinte laut auf und lief davon. Ich petzte natürlich nicht und befahl auch den anderen, zu schweigen, damit es die Lehrer nicht erführen, und selbst meiner Mutter sagte ich es erst, als alles schon zugeheilt war. Und die Narbe war ja auch ganz unbedeutend, nur so eine etwas tiefere Schramme. Darauf höre ich, daß er am selben Tage noch eine Schlacht geliefert und Sie in den Finger gebissen hat, – aber Sie begreifen doch, in welch einer Verfassung er sich damals befand! Nun, jetzt ist es nicht mehr gutzumachen. Ich war damals sehr dumm: als er darauf erkrankte, ging ich nicht hin, um ihm alles zu verzeihen, ich meine, um mich wieder in aller Freundschaft mit ihm zu versöhnen. Das ist nun die ganze Geschichte ... nur glaube ich, daß ich es dumm gemacht habe ...“
„Ach, wie schade,“ unterbrach ihn Aljoscha erregt, „daß ich nicht früher von diesen Ihren Beziehungen zu ihm erfahren habe, sonst wäre ich schon längst zu Ihnen gekommen und hätte Sie gebeten, mit mir zusammen Iljuscha zu besuchen. Glauben Sie mir, er hat im Fieber fast nur von Ihnen phantasiert. Ich ahnte nicht, wie teuer Sie ihm sein müssen. Und haben Sie denn Shutschka wirklich nicht gesucht und nicht gefunden? Sein Vater und die Knaben haben in der ganzen Stadt nachgefragt. Wissen Sie, er hat dreimal während der Krankheit, in Tränen aufgelöst, gesagt: ‚Ich bin nur davon krank, Papa, daß ich Shutschka damals umgebracht habe, dafür bestraft mich jetzt Gott.‘ Von diesem Gedanken kann man ihn nicht abbringen! Wenn man ihm aber jetzt diesen Hund wiederbringen und ihm zeigen könnte, daß er nicht gestorben ist und lebt, so würde er vielleicht vor Freude noch gesund werden. Wir haben alle auf Sie gehofft.“