„Meine Theorie, Karamasoff, ist klar, und einfach,“ fuhr er wieder aufgeräumt fort. „Ich glaube an das Volk und bin immer bereit, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ohne es dabei im geringsten zu beschönigen, das ist sine qua ... Ja, richtig, ich erzählte ja von der Gans. Ich wende mich also an diesen Dummkopf und antworte ihm: ‚Ich denke darüber nach, was die Gans sich jetzt wohl denken mag.‘ Er sieht mich völlig blödsinnig an. ‚Was kann sich denn eine Gans denken?‘ fragt er. – ‚Nun, sieh mal,‘ sage ich, ‚dort steht eine Fuhre mit Hafer. Aus dem einen Sack fallen die Haferkörner heraus, und die Gans streckt den Hals genau vor dem Rade, ganz unten, nach den Körnern aus – siehst du sie?‘ – ‚Jawohl,‘ sagt er. – ‚Nun also,‘ sage ich, ‚wenn man nun den Wagen ein ganz klein wenig vorrückte – wird dann das Rad der Gans den Hals abschneiden oder nicht?‘ – ‚Selbstverständlich wird es ihn abschneiden,‘ sagt er und grinst übers ganze Maul, zerschmilzt einfach vor Wonne. – ‚Nun, dann los, Junge!‘ sage ich. – ‚Los!‘ sagt er. Wir brauchen uns nicht viel anzustrengen; er stellte sich ganz unauffällig an den Pferdekopf, ich zur Seite, um die Gans richtig hinzusteuern. Der Bauer aber gähnte und sprach mit einem anderen, so daß ich schließlich nichts zu dirigieren hatte: Die Gans streckte ganz von selbst den Hals wieder nach den Haferkörnern aus, genau vor dem Rade. Ich zwinkerte dem Burschen zu, er zog unmerklich ein wenig den Zaum und – kr – rack, fährt das Rad der Gans über den Hals. Natürlich mitten durch. Und da mußte es der Zufall gerade so fügen, daß im selben Augenblick alle auf uns sahen. Da war denn das Geschrei groß: ‚Das hat er absichtlich so gemacht!‘ – ‚Nein, ich habe es nicht absichtlich getan!‘ sagt der Bursch. Nun, versteht sich: ‚Zum Friedensrichter!‘ schreien sie. Auch ich wurde gepackt. – ‚Auch du warst dabei,‘ heißt es, ‚du bist der Anstifter, dich kennt ja schon der ganze Markt!‘ Mich kennt nämlich tatsächlich der ganze Markt,“ fügte Koljä selbstgefällig hinzu. „So pilgerten wir denn, alle Mann hoch, zum Friedensrichter. Auch der Leichnam unseres Opfers, die Gans, wurde mitgeschleppt. Meinem Burschen aber fiel mittlerweile das Herz in die Hosen. Er weint – weint wie ein altes Weib. Wir kamen also richtig beim Friedensrichter an. Der Viehhändler schreit: ‚Auf diese Weise kann man sie – d. h. die Gänse – ja alle um einen Kopf kürzer machen!‘ Nun, versteht sich, zuerst das Zeugenverhör. Der Friedensrichter erledigte die Sache sofort: Für die Gans dem Viehhändler einen Rubel zu zahlen, die Gans aber mag der Bursche behalten. Und daß man hinfort sich solche Scherze nicht mehr erlaube! Der Bursche aber weint immer noch wie ein altes Weib und jammert: ‚Das war nicht ich, ich bin ganz unschuldig, er hat mich dazu verleitet!‘ und will die ganze Schuld auf mich abwälzen. Ich antwortete mit voller Kaltblütigkeit, daß ich ihn zu nichts verleitet habe, daß ich nur den Grundgedanken gegeben und es bloß so als Plan ausgeheckt habe. Der Friedensrichter Nefedoff lächelte und ärgerte sich natürlich sofort darüber, daß er gelächelt hatte. ‚Ich werde Sie,‘ sagt er zu mir, ‚sofort bei Ihrem Schuldirektor anzeigen, damit es Sie weiterhin nicht mehr gelüstet, ähnliche Pläne zu machen, statt hinter den Schulbüchern zu sitzen.‘ Das hat er nun nicht getan, aber die Geschichte hat sich doch allmählich verbreitet und ist dann auf diese Weise unserer Schulobrigkeit zu Ohren gekommen – man hat dort bekanntlich sehr lange Ohren! Am meisten hat sich unser ‚Klassiker‘ Kolbassnikoff darüber empört, aber Dardaneloff ist wiederum für mich eingetreten. Dafür ist nun Kolbassnikoff wütend wie ein grüner Esel. Du, Iljuscha, du weißt doch schon, daß er sich verheiratet hat? Er hat von Michailoffs tausend Rubel Mitgift bekommen, die Braut aber hat einen Rüssel, sage ich dir, na, prima Qualität und in höchster Potenz. Die Quintaner haben denn auch sofort ein Epigramm verfaßt:

Es ging die Nachricht von Mund zu Mund:

‚Kolbassnikoff hat sich verlobt!‘

Ganz Quinta ward aber sprachlos zur Stund ...

und so weiter, – furchtbar komisch! Ich werde es dir einmal bringen. Gegen Dardaneloff aber habe ich nichts: Es ist ein Mensch mit Kenntnissen, mit reellen Kenntnissen. Solche Leute achte ich ... Das hat natürlich nichts damit zu tun, daß er mich verteidigt hat ...“

„Aber du hast ihm doch mit der Frage, wer Troja gegründet habe, ein Bein gestellt!“ bemerkte plötzlich Ssmuroff, der in diesem Augenblick auf seinen „Freund Krassotkin“ ungemein stolz war. Die Gänsegeschichte hatte ihm gar zu sehr gefallen.

„Wirklich? So ist es also wahr?“ griff sofort der Hauptmann dieses Thema auf. „Mit der Frage, wer Troja gegründet hat? Auch ich habe schon davon gehört, wie Sie ihm damit ein Bein gestellt haben. Iljuscha hat es mir damals erzählt ...“

„Er weiß alles, Papa, er weiß am meisten von uns allen!“ fiel nun auch Iljuscha stolz und freudig ein, „er tut nur so, als ob er so einer wäre, aber er ist doch bei uns in allen Fächern der erste ...“

Iljuscha blickte Koljä in grenzenlosem Glück selig lächelnd an.

„Ach, das von Troja ist doch nur Unsinn, nur ein Scherz. Ich halte diese Frage selbst für müßig,“ meinte Koljä mit stolzer Bescheidenheit.