„Aber das ist ja vorzüglich! das ist ja buchstäblich so!“ Koljä lachte fröhlich auf. „Das ist ja superbissimo! Bravo, Deutscher! Aber dem Tschúchna[25] ist dabei doch die gute Seite der Sache entgangen, was meinen Sie? Eigendünkel – schön, meinetwegen, das kommt von der Jugend, das vergeht, wenn es nötig ist, dafür aber haben sie den unabhängigen Geist von Kindesbeinen an, dafür haben sie die Kühnheit der Gedanken und Überzeugungen, an Stelle ihrer spießerhaften, knechtischen Andacht vor den Autoritäten ... Aber der Deutsche hat das doch gut gesagt! Bravo, Deutscher! Aber trotzdem muß man den Deutschen den Hals umdrehen. Gut, mögen sie da in ihren Wissenschaften so stark sein, wie sie wollen, aber man muß sie doch unterkriegen ...“
„Warum?“ fragte Aljoscha mit feinem Lächeln.
„Nun, ich hab’s nur so gesagt, vielleicht auch nicht. Ich bin zuweilen ein furchtbares Kind, und wenn ich mich über etwas freue, so kann ich mich nicht mehr beherrschen und schwatze womöglich den größten Unsinn zusammen. Aber hören Sie, wir reden hier beide Dummheiten, während der Doktor dort ... warum sitzt der Kerl so lange bei Iljuscha? Vielleicht untersucht er noch das ‚Mamachen‘ und die Ninotschka? Wissen Sie, diese Ninotschka hat mir sehr gefallen. Sie raunte mir plötzlich zu, als ich beim Hinausgehen an ihr vorüber kam: ‚Warum sind Sie nicht früher gekommen?‘ Und mit so einer Stimme, wissen Sie, mit so tiefem Vorwurf! Ich glaube, sie ist ein furchtbar gutes, armes Geschöpf.“
„Ja, ja! Wenn Sie öfter kommen, werden Sie sehen, was das für ein Wesen ist. Es wird Ihnen sehr gut tun, wenn Sie solche Menschen kennen lernen. Das müssen Sie, um noch vieles andere schätzen zu können, ... das werden Sie im Verkehr mit diesem Mädchen lernen,“ sagte Aljoscha warm. „Das wird Sie besser als alles andere erziehen.“
„Oh, wie ich es bedauere und wie ich mich dafür strafen möchte, daß ich nicht früher gekommen bin!“ sagte Koljä erregt.
„Ja, das ist sehr schade. Sie haben jetzt gesehen, was das für eine Freude für den armen Knaben war, und wie hat er sich gequält, während er Sie vergeblich erwartete!“
„Sprechen Sie nicht mehr davon! Sie zerreißen mir das Herz! Aber es geschieht mir jetzt ganz recht: aus Eigenliebe bin ich nicht früher gekommen, ja aus dummer Eigenliebe und gemeiner Selbstsucht, von der ich mich in meinem ganzen Leben nicht werde befreien können, obgleich ich mich seit einer Ewigkeit darum mühe. Das sehe ich jetzt deutlich. Ich bin in vielem ein Schuft, Karamasoff.“
„Nein, Sie sind eine prächtige Natur, wenn Sie auch schon früh verdorben worden sind. Ich verstehe nur zu gut, warum Sie einen so großen Einfluß auf Iljuscha haben konnten. Er ist ein krankhaft empfängliches Kind.“
„Und das sagen Sie mir?“ fragte Koljä ganz verdutzt. „Und ich, stellen Sie sich vor, ich dachte heute schon mehr als einmal, daß Sie mich verachten! Wenn Sie nur wüßten, wie teuer mir Ihre Meinung ist!“
„Sind Sie denn wirklich so argwöhnisch? So jung! Wie sonderbar: als ich Sie dort im Zimmer beobachtete, während Sie erzählten, kam mir derselbe Gedanke – ich meine: daß Sie sehr argwöhnisch sein müssen.“