„Also haben Sie das schon gedacht? Was Sie für eine Beobachtungsgabe haben, weiß Gott! Ich könnte wetten, daß es in dem Augenblick war, als ich von der Gans erzählte. Gerade da schien es mir, daß Sie mich tief deswegen verachteten, weil ich mich anscheinend beeilte, mich als tapferen Burschen aufzuspielen. Und ich haßte Sie sogar deswegen. Und später, das war vorhin hier im Flur, als ich sagte: ‚Wenn es Gott nicht gäbe, so müßte man ihn sich ausdenken,‘ schien es mir wieder, daß Sie mich verachteten, weil ich mich schon gar zu sehr beeilte, meine Bildung hervorzukehren, – und um so mehr noch, als ich diese Phrase in einem Buch gelesen habe. Aber ich schwöre Ihnen, ich beeilte mich damit nicht aus Ruhmsucht, sondern so, ich weiß nicht warum, aus Freude vielleicht, ja, bei Gott, es war, als wenn es aus Freude geschah ... obgleich es doch ein tiefbeschämender Zug ist, wenn ein Mensch vor lauter Freude anderen auf den Hals kriecht. Das weiß ich selbst sehr gut. Dafür aber bin ich jetzt überzeugt, daß Sie mich nicht verachten, daß diese Befürchtung nur eine Marotte von mir war. Oh, Karamasoff, ich bin tief unglücklich! Ich stelle mir zuweilen – weiß Gott was alles vor: daß alle über mich lachen, die ganze Welt, und dann bin ich ... dann bin ich bereit, die ganze Ordnung der Dinge zu vernichten.“

„Und quälen dabei Ihre Nächsten,“ warf Aljoscha lächelnd ein.

„Und quäle meine Nächsten, ganz recht, besonders meine Mutter. Karamasoff, sagen Sie, bin ich jetzt sehr lächerlich?“

„Aber so denken Sie doch nicht immer daran, denken Sie überhaupt nicht daran! Und was heißt das ‚lächerlich‘? Als ob der Mensch selten lächerlich ist oder scheint! Heutzutage fürchten sich fast alle begabten Menschen am meisten vor der Lächerlichkeit, und sie quälen sich deswegen und sind unglücklich. Mich wundert nur, daß Sie dasselbe schon in so jungen Jahren empfinden ... obgleich ... ich es auch schon an anderen Ihresgleichen bemerkt habe. Jetzt leiden ja schon viele, die fast noch Kinder sind, unter derselben Angst. Das ist beinahe wie ein Wahnsinn. In diese Eigenliebe hat sich der Teufel verkörpert und ist dergestalt in die ganze Generation hineingekrochen, niemand anderes als der Teufel,“ fügte Aljoscha nochmals hinzu, ohne aber dabei im geringsten zu lächeln, wie es Koljä, der ihn groß ansah, eigentlich erwartete. „Sie, Koljä, sind wie alle,“ fügte er noch hinzu, „das heißt, wie sehr viele, nur soll man nicht so sein, wie alle sind, das ist es!“

„Selbst wenn alle so sind?“

„Ja, selbst wenn alle so sind. Es ist schon viel, wenn Sie allein nicht so sind. Im Grunde sind Sie ja auch gar nicht so einer, wie alle: haben Sie sich doch soeben nicht geschämt, etwas Schlechtes und sogar Lächerliches von sich einzugestehen. Wer aber tut das heutzutage? Niemand. Man sieht ja nicht einmal mehr eine Notwendigkeit in der Selbstverurteilung. Werden Sie nicht so einer wie alle; und wenn Sie auch nur als einziger anders bleiben, so seien Sie trotzdem nicht so.“

„Großartig! Ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht. Sie sind fähig, einen zu trösten! Sie wissen ja gar nicht, wie es mich zu Ihnen gedrängt hat, Karamasoff, wie lange ich schon eine Begegnung mit Ihnen herbeigewünscht habe! Ist es wirklich wahr, daß auch Sie an mich gedacht haben? Vorhin sagten Sie es.“

„Ja, ich hatte von Ihnen gehört und habe daher auch über Sie nachgedacht ... und wenn Sie auch jetzt teilweise aus Eigenliebe fragen, so tut das nichts.“

„Wissen Sie, Karamasoff, unsere Auseinandersetzungen gleichen ja beinahe einer Liebeserklärung,“ sagte Koljä, mit etwas leiserer, gleichsam geschwächter und verschämter Stimme. „Ist das nicht lächerlich, was meinen Sie?“

„Durchaus nicht lächerlich, und wenn es auch lächerlich wäre, so tut es nichts, denn es ist gut,“ sagte Aljoscha mit hellem Lächeln.