„Ich habe daran gedacht,“ antwortete Aljoscha leise. Selbst Rakitin wurde etwas verlegen.
„Was du sagst? Also auch du hast schon daran gedacht?“ rief er erstaunt.
„Ich ... ich ... nicht gerade, daß ich gedacht habe,“ murmelte Aljoscha, „als du aber jetzt anfingst, so sonderbar darüber zu sprechen, da schien es mir, daß ich selbst daran gedacht habe.“
„Siehst du, und wie deutlich du das ausdrückst! Also heute hast du beim Anblick deines Papachen und deines Brüderleins Mitjenka an ein Verbrechen gedacht? Also täusche ich mich doch nicht?“
„Aber wart, wart doch,“ unterbrach ihn erregt Aljoscha, „woraus schließt du das alles? ... Und vor allen Dingen: Warum beschäftigt dich das so?“
„Zwei verschiedene Fragen auf einmal, doch sind sie beide verständlich. Ich werde jede einzeln beantworten. Woraus ich das schließe? Nichts würde ich hieraus schließen, wenn ich deinen Bruder Dmitrij Fedorowitsch heute nicht ganz erkannt hätte, ganz plötzlich, und ganz und gar durchschaut hätte. An so einem einzigen Zuge begriff ich mit einem Schlage den ganzen Menschen. Bei diesem allerehrlichsten, doch wollüstigen Menschen gibt es eine Grenze, die man nicht überschreiten darf, oder er spießt mit seinem Messer selbst das Papachen auf. Papachen aber ist ein stets besoffener und zügelloser Wüstling, niemals und in nichts wird er maßzuhalten verstehen, wie er es nie verstanden hat – sie werden sich beide nicht beherrschen und plumps, beide in den Graben purzeln ...“
„Nein, Mischa, nein, wenn es nur das ist, so ... so hast du mich beruhigt. Dazu wird es nicht kommen.“
„Warum aber zitterst du am ganzen Körper? Weißt du was? Mag er auch ein ehrlicher Mensch sein, der Mitjenka – er ist dumm, aber ehrlich; aber, aber er ist ein Wollüstling. Das ist die richtige Bezeichnung für sein ganzes inneres Wesen. Und das hat er vom Vater, der hat ihm seine gemeine Lüsternheit vermacht. Ich muß mich immer nur über dich wundern, Aljoscha: Wie bist du noch so ganz Knabe? Du bist doch auch ein Karamasoff! Ist doch in eurer Familie die Sinnlichkeit bis zur chronischen Entzündung gesteigert. Nun, und diese drei Wollüstlinge beobachten jetzt einer den anderen ... mit Messern in den Stiefelschäften. Drei sind mit den Köpfen aneinandergestoßen, du aber bist vielleicht der vierte.“
„Aber in ihr täuschst du dich. Dmitrij ... verachtet sie,“ sagte Aljoscha fast zusammenzuckend.
„Wen, Gruschenka etwa? Nein, mein Lieber, die verachtet er nicht! Wenn er sogar seine Braut gegen sie eingetauscht hat, so verachtet er sie nicht. Hier ... hier, weißt du, ist etwas, was du noch nicht verstehen kannst. Wenn sich der Mensch in irgendeine Schönheit, in den weiblichen Körper oder selbst nur in einen Teil des weiblichen Körpers verliebt – ein Wollüstling kann das wohl verstehen –, so gibt er für ihn seine eigenen Kinder hin, verkauft Vater und Mutter, Rußland und das Vaterland. Ist er ehrlich, so wird er stehlen gehen; ist er sanftmütig, so wird er morden; ist er treu – verraten. Puschkin, der Sänger der Weiberfüßchen, hat diese Füßchen in Gedichten besungen, andere besingen sie nicht, können aber auf diese Füßchen nicht ohne Erregung blicken. Und nicht nur auf die Füßchen ... Hier, mein Lieber, hilft keine Verachtung – selbst wenn er Gruschenka verachtete. Oder gut, er verachtet sie, kann sich aber doch nicht losreißen.“