„Ach du!“ – Gruschenka lachte unwillkürlich. „Auf wen war sie denn deinetwegen eifersüchtig?“
„Auf die Stubenmädchen.“
„Ach, schweig, Maximuschka, ich bin heute nicht zum Lachen aufgelegt, mich kann heute eher die Wut packen. Auf die Pastetchen spitz dich lieber nicht, ich erlaube dir jetzt nicht davon zu essen, sie würden dir schlecht bekommen. Und auch Likör bekommst du nicht. Da muß man nun auch noch diesen pflegen! Wirklich, ganz als ob mein Haus eine Armenanstalt wäre,“ sagte sie lachend.
„Ich-ich weiß, daß ich Ihre Wohltaten gar nicht verdient habe, daß ich sie gar nicht wert bin,“ sagte Maximoff mit traurigem Stimmchen. „Sie-Sie sollten lieber Ihre Wohltaten anderen zuteil werden lassen, die es mehr verdient haben, die nötiger sind als ich.“
„Ach, Maximuschka, jeder ist nötig, und woran soll man denn erkennen, wer nötiger ist? ... Wenn es doch diesen Polacken überhaupt nicht geben würde! Jetzt ist es auch ihm eingefallen, krank zu werden. Ich war auch bei ihm, Aljoscha. Jetzt werde ich ihm zum Trotz Pastetchen schicken, ich hätte ihm nichts geschickt, da mir aber Mitjä so ungerechte Vorwürfe gemacht hat, so schicke ich sie ihm jetzt erst recht, zum Trotz! ... Ach, da kommt Fenjä mit einem Brief! Natürlich! Wußt ich’s doch! Wieder von den Polacken, wieder betteln sie um Geld!“
Es war tatsächlich ein Brief von Pan Mussjälowitsch, ein sehr langes und verschnörkeltes Schreiben, in dem er bat, ihm drei Rubel zu leihen. Dem Briefe war noch ein anderer Zettel beigelegt: es war ein Revers mit der Bescheinigung des Empfanges und der Verpflichtung, das Geld in drei Monaten wiederzugeben – von beiden Panen unterschrieben. Solcher Briefe mit Reversen hatte Gruschenka von ihrem „Früheren“ inzwischen eine Menge erhalten. Das hatte gleich nach ihrer Krankheit begonnen, vor etwa zwei Wochen. Sie wußte, daß beide während ihrer Krankheit gekommen waren, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Der erste Brief, den sie von ihm erhalten hatte, war sehr lang gewesen: auf einem Bogen Postpapier größten Formats geschrieben, mit einem riesengroßen Familiensiegel, im Sinn ungemein dunkel gehalten, in ungeheuer hochtrabendem Stil, so daß Gruschenka sich kaum bis zur Mitte des Briefes durchgearbeitet und ihn dann fortgeworfen hatte, ohne von diesem ganzen kunstvollen Wortbau etwas verstanden zu haben. Auch war es ihr doch damals nicht um die Polen zu tun gewesen. Nach diesem ersten Brief war am anderen Tage ein zweiter Brief gefolgt, mit der Bitte Pan Mussjälowitschs, ihm auf eine ganz kurze Frist zweitausend Rubel zu leihen. Gruschenka hatte auch auf diesen Brief nichts geantwortet. Darauf war eine ganze Reihe von Briefen gefolgt, täglich je einer, alle gleich würdig und gedrechselt, nur daß in ihnen die erbetene Summe, die stufenweise herabsank, schließlich bei hundert anlangte, dann bei fünfundzwanzig, fünfzehn, zehn Rubel, und eines Tages erhielt Gruschenka einen Brief, in dem sie um einen einzigen Rubel gebeten wurde – wiederum unter Zusendung eines Reverses, den beide unterschrieben hatten. Da hatten sie ihr leid getan, und sie hatte sich plötzlich in der Dämmerung entschlossen, selbst zu ihnen zu gehen.
Sie hatte beide Polen in der größten Misere vorgefunden, ohne Essen, ohne Holz, ohne Zigaretten und bei der Hauswirtin tief verschuldet. Die zweihundertfünfzig Rubel, die sie in Mokroje gewonnen hatten, waren sehr bald (und unbekannt wofür) draufgegangen. Indessen wurde sie zu ihrer nicht geringen Verwunderung von beiden Panen fabelhaft aufgeblasen und selbstbewußt empfangen, mit der größten Beobachtung der Etikette und mit hochtrabenden Reden. Gruschenka hatte ihnen daraufhin nur ins Gesicht gelacht und ihrem „Früheren“ zehn Rubel gegeben. Und gleich darauf war sie zu Mitjä gegangen, dem sie den ganzen Vorfall lachend erzählt hatte, und dieser hatte gleichfalls darüber gelacht. Doch seit dem Tage ließen die stolzen Pane ihr keine Ruhe: täglich bombardierten sie sie mit Briefen, die alle immer dieselbe verschnörkelte Bitte um Geld enthielten, und sie schickte ihnen jedesmal ein paar Rubel. Und nun plötzlich war es Mitjä eingefallen, deswegen eifersüchtig zu werden.
„Ich war so dumm, auf dem Wege zu Mitjä auf einen Augenblick zu ihm zu gehen, denn er ist doch jetzt gleichfalls erkrankt, mein früherer Pan,“ begann Gruschenka wieder eilig und geschäftig, „und ich erzählte es Mitjä lachend, um ihn zu zerstreuen: ‚Denk nur,‘ sagte ich, ‚mein Pole wollte mir wieder auf der Gitarre vorspielen und die alten Lieder singen, wahrscheinlich in der Hoffnung, das würde mich rühren und mich bestimmen, ihn zu heiraten.‘ Und da springt Mitjä plötzlich wie rasend auf, und das Schimpfen geht los ... Jetzt schicke ich aber zum Trotz den Polen die Pastetchen! Fenjä, wen haben Sie da geschickt, wieder das kleine Mädchen? Hier, gib ihr diese drei Rubel, und dann kannst du noch so zehn Pastetchen in Papier einschlagen und mitschicken. Du aber, Aljoscha, mußt unbedingt Mitjä erzählen, daß ich ihnen Pastetchen geschickt habe.“
„Das werde ich bestimmt nicht tun,“ sagte Aljoscha lächelnd.
„Ach, du glaubst, daß er sich quält? Das hat er doch absichtlich getan, nur um mich glauben zu machen, er sei eifersüchtig, ihm selbst aber ist es doch ganz gleichgültig,“ sagte Gruschenka bitter.