„Aber was hast du heute?“ fragte Aljoscha ernst.

„Er will über mich, das heißt über meinen Prozeß, einen Artikel schreiben und damit in die Literatur eintreten, deswegen kommt er her, – hat es mir selbst erklärt. Das soll so eine Chose mit ’ner besonderen Tendenz werden, ungefähr: ‚Er konnte unmöglich nicht morden, die Verhältnisse seiner Umgebung zwangen ihn dazu,‘ oder so was Gutes. Und das geht so endlos weiter, er hat es mir selbst erklärt. Mit einem leisen Hauch von Sozialismus, sagt er, wird es sein. Ach, hol ihn der Teufel samt seinem ganzen leisen Hauch, mir soll’s egal sein. Iwan kann sich nicht seiner Wohlgeneigtheit erfreuen. Rakitin haßt ihn. Für dich hat er gleichfalls nichts Gutes übrig. Nun, ich jage ihn aber nicht fort, er ist trotz alledem ein gescheiter Kerl. Überhebt sich bloß unglaublich. Ich sagte ihm vorhin, als du eintratest: ‚Die Karamasoffs sind nicht Schufte, sondern Philosophen, denn alle echten Russen sind Philosophen, du aber bist, wieviel du da auch gelernt haben magst, doch kein Philosoph, sondern ein ganz gemeiner Knecht.‘ Er lachte, so gehässig, weißt du. Da sagte ich ihm: de Geschmackibus non est disputandum. Ist der Witz nicht gut? Na, wenigstens habe auch ich jetzt mal was Klassisches gesagt.“ Mitjä lachte.

„Aber sag doch, wodurch bist du denn verloren? Du sagtest es doch vorhin?“ unterbrach ihn Aljoscha.

„Wodurch verloren? Hm! Im Grunde ... wenn man so das Ganze nimmt – um Gott tut es mir leid. Sieh, dadurch bin ich verloren.“

„Wie das, warum tut es dir denn leid um ihn?“

„Nun, wart, stell dir vor: Es gibt dort in den Nerven im Kopf, das heißt dort im Gehirn, solche Nerven ... ach, nun, der Teufel hole sie! – es gibt da solche, solche Schwänzchen, nämlich an den Nerven solche Schwänzchen, nun, und sobald sie dort nur anfangen zu zappeln oder zu zippeln ... das heißt, sieh: Ich sehe zum Beispiel mit meinen Augen auf irgend etwas, sieh so, geradeaus, und sie fangen plötzlich an zu zittern, nämlich diese Schwänzchen meine ich ... wie sie aber erzittern, da erscheint denn auch der Gegenstand, das Bild, oder was es da ist, aber es erscheint nicht sofort, da vergeht noch zuerst ein Augenblick Zeit, so eine Sekunde, und dann, heißt es, tritt so ein Moment ein, das heißt, kein Moment, – der Teufel hole die Momente! – sondern ein Bild oder ein Gegenstand oder eine Handlung, – ach, nun, hol sie allesamt der Teufel! – also deswegen sehe ich und denke ich dann später ... weil so ein Schwänzchen da ist, und weil es zippelt, und durchaus nicht darum, weil ich eine Seele habe, und weil ich da so ein Ebenbild Gottes bin, das sind alles nur Dummheiten. Das hat mir dieser Michail noch gestern ganz genau erklärt, und weißt du, es war mir, als hätte er mir Feuer übergegossen. Großartig, bei Gott, ist diese Wissenschaft! Ein neuer Mensch entsteht, das begreife auch ich, Bruder ... Aber trotzdem tut es mir doch leid um Gott!“

„Tut nichts, auch das ist gut,“ sagte Aljoscha.

„Daß es mir um Gott leid tut? Die Chemie rückt ran, Brüderchen, ja, ja, die Chemie! Nichts zu machen, Ew. Hochehrwürden, Sie müssen zur Seite treten, die Chemie kommt! Von Gott aber will Rakitin nichts wissen, oh! den kann er nicht verdauen! Gott ist bei diesen Leuten der wundeste Punkt! Aber sie suchen es zu verbergen. Sie lügen. Verstellen sich. Ich fragte ihn: ‚Nun was, wirst du das gleichfalls in deine Kritiken hineinbringen?‘ – ‚Tja, soweit man’s durchläßt, deutlich wird man sich doch wohl nicht fassen können,‘ sagt er. Lacht. ‚Aber wie ist’s denn jetzt?‘ fragte ich ihn, ‚was ist denn der Mensch noch nach alledem? Ohne Gott und ohne Leben nach dem Tode? Das heißt dann doch, daß alles erlaubt ist, dann kann man ja alles machen?‘ – ‚Und du wußtest das noch nicht?‘ sagt er. Lacht. ‚Ein kluger Mensch,‘ sagt er, ‚kann alles tun, ein kluger Mensch kann auch Krebse fangen, ohne geklemmt zu werden. Nun, du aber hast erschlagen und bist hereingefallen, und jetzt kannst du im Gefängnis lebendig verfaulen!‘ Das sagt er mir, versteh, ins Gesicht! Ein geborenes Schwein! Solches Pack habe ich früher hinausgeworfen ... jetzt hört man ihnen zu. Er spricht aber auch Gescheites. Auch schreibt er nicht schlecht. Riesig klug sogar. Vor einer Woche las er mir hier einen Artikel vor, ich habe daraus drei Zeilen abgeschrieben, wart, ich habe sie, hier, hier sind sie.“

Mitjä zog eilig aus seiner Westentasche ein kleines Papier hervor und las:

„Um dieses Problem zu lösen und seinen abstrakten Sinn richtig zu erfassen, ist die erste Bedingung, daß man seine Persönlichkeit der ganzen Wirklichkeit quer entgegensetzt.“