„Hast du mit dem Advokaten gesprochen?“
„Ach was, Advokat! Ich habe ihm von allem gesprochen. Ein geriebener Schurke ist er, ein großstädtischer. Auch so ein Claude Bernard! Nur glaubt er mir nicht für eine halbe zerbrochene Kopeke. Er glaubt, daß ich erschlagen habe, denk dir nur, – ich weiß schon, was er glaubt, da sei du unbesorgt. ‚Warum sind Sie denn,‘ fragte ich ihn, ‚gekommen, mich zu verteidigen, wenn Sie mich für schuldig halten?‘ Nun, zum Henker mit der Bande. Auch einen Doktor hat man verschrieben, will mich für verrückt erklären. Das erlaube ich nicht! Katerina Iwanowna will ‚ihre Pflicht und Schuldigkeit‘ bis zum Schluß erfüllen. Bißchen gewaltsam!“ (Mitjä lächelte bitter.) „Die Katze! Ein grausames Herz! Sie weiß, daß ich damals in Mokroje von ihr gesagt habe, sie sei ein Weib, das ‚gewaltigen Zornes fähig ist‘! Das hat man ihr wiedererzählt. Ja, die Aussagen gegen mich haben sich vermehrt wie Sand am Meer! Grigorij besteht auf der offenen Tür. Grigorij ist ein ehrlicher Mensch, aber er ist ein Dummkopf. Viele Menschen sind nur darum ehrlich, weil sie dumm sind. Das ist ein Ausspruch von Rakitin. Grigorij ist mein Feind. Von manch einem kann man sagen, daß es vorteilhafter ist, ihn zum Feinde als zum Freunde zu haben. Das ist in bezug auf Katerina Iwanowna gesagt. Ich fürchte, oh! nichts fürchte ich so, als daß sie morgen von jener Verbeugung bis zur Erde nach den Viertausendfünfhundert erzählen wird! Bis zum Schluß wird sie mir heimzahlen, bis auf den letzten Tropfen! Ich will aber ihr Opfer nicht! Beschämen werden sie mich vor Gericht! Sie wollen, daß ich vor Scham vergehe! Wie werde ich es aushalten? Geh zu ihr, Aljoscha, bitt sie, daß sie es nicht vor Gericht sage, nur dieses eine nicht! Oder geht das nicht? Ach, Teufel, einerlei, ich werde es eben aushalten! Sie tut mir nicht leid. Sie will es ja selbst. Nicht umsonst leidet der Dieb Qualen. Ich, Alexei, ich werde meine Rede halten.“ (Er lächelte wieder bitter vor sich hin.) „Nur ... nur Gruscha, Gruscha, o Gott! Warum hat sie denn diese Qual jetzt auf sich genommen?“ rief er plötzlich mit Tränen in den Augen. „Gruscha tötet mich, der Gedanke an sie tötet mich, tötet mich! Sie war heute bei mir ...“
„Sie hat es mir erzählt. Du hast Sie heute sehr gekränkt.“
„Ich weiß. Hol mich der Teufel dafür, daß ich so einen Charakter habe. Ich wurde eifersüchtig. Als sie fortging, bereute ich es und küßte sie. Um Verzeihung bat ich nicht.“
„Warum hast du das nicht getan?“ fragte Aljoscha vorwurfsvoll.
Mitjä lachte plötzlich fast heiter auf.
„Gott behüte dich davor, du lieber Junge, daß du jemals wegen einer Schuld das geliebte Weib um Verzeihung bittest! Besonders gilt das vom geliebten Weibe, gerade vom geliebten Weibe, wie groß deine Schuld auch vor ihr sein mag! Denn das Weib – das ist, Bruder, – weiß der Teufel, was das ist, aber ich kenne sie doch gründlich, das weiß Gott! Versuche einmal, deine Schuld einzugestehen, soundso, es war schlecht von mir, verzeih, vergib – dann hagelt es Vorwürfe! Unter keiner Bedingung wird sie einfach und sofort verzeihen, sie wird dich zum Lappen erniedrigen, wird dir alles vorzählen, selbst das, was gar nicht gewesen ist, alles wird sie wieder herauskratzen, nichts wird sie vergessen, wird noch vieles von sich hinzufügen, und dann erst wird sie verzeihen. Und das ist noch die beste, die beste von allen! Das letzte wird sie dir noch abschaben und dann alles über dein armes Haupt schütten – so eine, sage ich dir, so eine Lust am Menschenschinden steckt in ihnen, in allen ohne Ausnahme, in diesen Engeln, ohne die zu leben uns unmöglich ist! Sieh, mein Täubchen, ich sage es dir aufrichtig und überzeugt: Jeder anständige Mann muß sich unter dem Pantoffel eines Weibes befinden. Das ist meine Überzeugung; das heißt, nicht Überzeugung, aber so mein Gefühl. Der Mann muß großmütig sein, das aber besudelt keinen. Selbst einen Helden erniedrigt das nicht, selbst einen Cäsar nicht! Nun, aber um Verzeihung bitte du trotzdem niemals und um keinen Preis. Behalte diese Lehre: die gibt dir dein Bruder Mitjä, der sich wegen der Weiber zugrunde gerichtet hat. Nein, ich werde ihr lieber, ohne um Verzeihung zu bitten, etwas recht Liebes tun. Ich bete sie an! Alexei, wenn sie vor mir steht, überkommt es mich immer wie Andacht! Nur sieht sie das nicht. Nein, es ist immer noch zu wenig Liebe für sie. Und wie sie mich quält! Mit ihrer Liebe quält sie mich. Früher! Früher quälten mich nur ihre Launen, das Infernale an ihr, jetzt aber habe ich ihre ganze Seele in meine Seele aufgenommen und bin durch sie zum Menschen geworden! Wird man uns auch trauen? Sonst sterbe ich vor Eifersucht. Jeden Tag sehe ich denn auch ein neues Gespenst ... Was hat sie dir über mich gesagt?“
Aljoscha erzählte alles, was Gruschenka ihm gesagt hatte. Mitjä hörte aufmerksam zu, fragte vieles zweimal und war schließlich zufrieden.
„So ärgert sie sich denn nicht darüber, daß ich eifersüchtig war?“ fragte er freudig. „Ein echtes Weib! – ‚Ich habe selbst ein grausames Herz.‘ Ach, wie ich diese Menschen liebe, die solche Herzen haben! Aber ich dulde nicht, daß man auf mich eifersüchtig ist, das erlaube ich nicht! Werden uns streiten. Aber lieben – lieben werde ich sie unendlich! Wird man uns auch trauen? Werden denn Zwangsarbeiter auch getraut? Das ist die Frage. Ohne sie aber kann ich nicht leben ...“
Mitjä schritt finster auf und ab. Es war schon fast ganz dunkel im Zimmer. Er wurde plötzlich eigentümlich unruhig und besorgt.