Anfangs trat er dicht an Aljoscha heran, und plötzlich küßte er ihn. Seine Augen brannten.

„Rakitin würde das nicht verstehen,“ fuhr er fort, als ob ihn Begeisterung erfaßt hätte, „du aber, du wirst alles verstehen. Deswegen habe ich mich auch nach dir gesehnt. Sieh, ich wollte dir schon lange hier zwischen diesen nackten Wänden vieles sagen, aber ich habe bis jetzt doch das Wichtigste verschwiegen: Es war mir immer, wenn ich davon anfangen wollte, als wäre die Zeit dazu noch nicht gekommen. So habe ich unbewußt bis zur letzten Stunde gewartet, um vor dir meine Seele aufzutun. Aljoscha, ich habe in diesen zwei letzten Monaten einen neuen Menschen in mir entdeckt, ein neuer Mensch ist in mir auferstanden! Dieser Mensch war immer in mir verborgen, doch es wäre mir nie zum Bewußtsein gekommen, daß ich ihn in mir trug, wenn Gott nicht dieses Gewitter geschickt hätte. Unheimlich ist das Leben! Aber was liegt daran, daß ich zwanzig Jahre lang dort in sibirischen Erzgruben mit dem Hammer klopfen werde, – das schreckt mich jetzt nicht mehr. Ich fürchte etwas ganz anderes, und das ist meine einzige große Angst: ich fürchte und bange, daß mich der in mir auferstandene Mensch nur ja nicht wieder verläßt! Man kann auch dort in den Erzgruben unter der Erde neben sich in genau solch einem Zwangsarbeiter und Mörder ein menschliches Herz finden, und man kann ihm dort näher treten, denn auch dort kann man leben, lieben und leiden. In diesem Zwangsarbeiter kann man doch das erfrorene Herz wieder beleben, jahrelang kann man ihn pflegen, und einmal wird man die Seele aus der dunklen Höhle zum Licht emporziehen, und dann wird er bereits ein veredelter Mensch sein, ein Mensch mit der Anschauung eines Märtyrers. Ja, so kann man Engel auferstehen machen und Helden wieder beleben! Und ihrer gibt es doch so viele dort unter der Erde, Hunderte, und wir alle haben schuld an ihnen! Warum träumte mir damals vom ‚Kindichen‘, warum gerade in jener Stunde? ‚Warum ist das Kindichen arm?‘ Das war in jenem Augenblick eine Prophezeiung! Für das ‚Kindichen‘ gehe ich hin. Denn alle sind für alle schuldig. Überall gibt es solche ‚Kindichen‘, denn es gibt ja kleine und große Kinder. Alle sind solch ein ‚Kindichen‘. Und so gehe ich denn für alle, denn irgend jemand muß doch für alle gehen! Ich habe meinen Vater nicht erschlagen, aber ich muß hingehen. Ich nehme es auf mich! Das alles ist mir erst hier aufgegangen ... hier zwischen den nackten Wänden. Ihrer aber gibt es doch viele, zu Hunderten sind sie dort unter der Erde, und alle haben sie eine Haue in der Hand. O ja, ich weiß, wir werden in Ketten sein, und wir werden keinen freien Willen haben, doch dann, in unserem großen Leid, werden wir von neuem zur Freude auferstehen, zur Freude, ohne die es dem Menschen unmöglich ist, zu leben, ebensowenig wie Gott ohne sie sein kann, denn Gott gibt die Freude, das ist sein großes Privilegium ... Gott, mein Gott, erweiche den Menschen im Gebet! Wie werde ich denn dort unter der Erde ohne Gott leben? Rakitin lügt: Wenn man Gott von der Erde vertreibt, so werden wir ihn dort unter der Erde willkommen heißen! Für einen unterirdischen Zwangsarbeiter ist es unmöglich, ohne Gott auszukommen, unmöglicher als für einen Nichtzwangsarbeiter. Und dann werden wir, wir unterirdischen Sträflinge dort in den Schachten Sibiriens, aus dem Eingeweide der Erde eine tragische Hymne unserem Gotte singen, unter der Erde hervor unserem Gotte, bei dem die Freude ist! Ach, es lebe Gott, und es lebe deine Freude! – Ich liebe dich, Gott!“

Die Worte stürzten Mitjä fast atemlos über die Lippen. Er war bleich, seine Lippen zuckten, und aus seinen Augen rollten Tränen herab.

„Nein, das Leben ist groß, groß ist das Leben und voll und mächtig ist es! Leben ist auch unter der Erde!“ begann er wieder in seiner Begeisterung. „Du kannst dir nicht einmal denken, Alexei, wie ich jetzt leben will, wie, wie ich lechze nach Leben und Erkennen, welch ein Verlangen danach sich gerade hier zwischen diesen nackten Wänden in mir erhoben hat! Rakitin begreift das nicht, er will nur ein Haus bauen und dann Wohnungen vermieten. Ich aber habe dich erwartet, um dir zu sagen ... Und was ist denn das Leiden? Ich fürchte es nicht, und wenn es auch unermeßlich sein sollte. Jetzt fürchte ich es nicht, früher fürchtete ich es. Weißt du, ich, ich werde morgen vielleicht gar nicht antworten vor Gericht ... Ich glaube, ich habe jetzt so viel von dieser Kraft in mir, daß ich alles besiegen werde, alles werde ich überwinden, alles Leid, nur um mir immer wieder sagen zu können: Ich bin! Unter tausend Qualen – ich bin! Wenn ich mich auch auf der Folterbank krümme – aber ich bin! Und wenn ich auch angeschmiedet bin, so lebe ich doch, so sehe ich doch die Sonne, oder wenn ich sie auch nicht sehe, so weiß ich doch, daß sie ist! Wissen aber, daß die Sonne ist, – das ist schon ein ganzes Leben. Aljoscha, du mein Cherub, mich quälen verschiedene Philosophien, der Teufel hole sie! Bruder Iwan ...“

„Was? was wolltest du sagen von Iwan?“ fragte Aljoscha hastig, doch Mitjä überhörte die Frage ganz.

„Sieh, früher wußte ich nichts von allen diesen Zweifeln, aber es war doch schon alles in mir. Vielleicht war das der einzige Grund, weil diese unbewußten Ideen in mir tobten, warum ich trank und mich herumschlug und ins Leben stürmte. Um sie in mir zum Schweigen zu bringen, um sie zu beruhigen, zu ersticken, darum tobte ich. Iwan ist nicht wie Rakitin, er trägt eine große Idee. Iwan ist eine Sphinx und schweigt, er schweigt immer und zu allem. Mich aber quält Gott. Nur Gott quält mich. Was aber dann, wenn Er nicht ist? Was dann, wenn Rakitin recht hat, daß das nur eine künstliche Idee in der Menschheit ist? Dann, wenn Er nicht ist, dann ist der Mensch der Herr der Erde. Großartig! Wie aber wird er denn tugendhaft sein ohne Gott? Das ist die Frage! Über diese Frage komme ich nicht hinweg. Denn wen wird er dann noch lieben, dieser Mensch ohne Gott? Wem wird er dann noch dankbar sein, wem wird er dann noch eine Hymne singen? Rakitin lacht darüber. Er sagt, man könne die Menschheit auch ohne Gott lieben. Nun, dieser Rotzbub kann schließlich vieles behaupten. Nein, das verstehe ich nicht. Rakitin hat leicht, zu leben. ‚Du,‘ sagte er mir heute, ‚bemühe dich lieber um die Vermehrung der bürgerlichen Rechte der Menschen oder meinetwegen auch nur darum, daß der Preis des Rindfleisches nicht steige; damit wirst du der Menschheit einfacher und unmittelbarer eine Liebe erweisen als mit Philosophien.‘ Da wurde ich wütend. ‚Du aber,‘ sagte ich ihm, ‚wirst ohne Gott selbst noch den Preis des Rindfleisches erhöhen, wenn das nur in deiner Macht steht, wirst womöglich einen Rubel auf jede Kopeke aufschlagen.‘ Er ärgerte sich. Denn was ist Tugend? Beantworte du mir diese Frage, Alexei. Ich habe eine Tugend, und der Chinese hat eine andere – folglich: ein relatives Ding. Oder nicht? Oder nicht relativ? Hm, eine hinterlistige Frage! Lach nicht, wenn ich dir sage, daß ich ihretwegen zwei Nächte nicht geschlafen habe. Ich wundere mich jetzt nur noch über eines: Wie die Menschen so leben können und niemals darüber nachdenken. Wie beschäftigt sie alle sind! Iwan hat keinen Gott. Er hat eine Idee. Das ist zu hoch für mich. Aber er schweigt. Ich glaube, er ist Freimaurer. Ich habe ihn gefragt – er schweigt. Ich wollte aus seinem Brunnen einen Schluck Wasser trinken – er schweigt. Nur ein einziges Mal sagte er ein Wort.“

„Was sagte er?“ fragte Aljoscha gierig.

„Ich sagte ihm: Dann ist also alles erlaubt, wenn es so ist? Er runzelte die Stirn. ‚Fedor Pawlowitsch, unser Vater,‘ sagte er, ‚war zwar ein Schwein, aber er dachte doch vollkommen richtig.‘ Sieh, was er zu sagen fertig brachte. Und das war alles, was er darauf zu erwidern geruhte. Mehr habe ich nicht von ihm gehört. Das ist denn doch sauberer als Rakitin.“

„Ja,“ bestätigte Aljoscha bitter. „Wann war er bei dir?“

„Davon später, jetzt noch von etwas anderem. Über Iwan habe ich dir bis jetzt fast nichts gesagt. Ich habe es immer bis zur letzten Stunde hinausgeschoben. Wenn hier diese Sache ein Ende hat und mein Urteil gesprochen ist, dann werde ich dir etwas erzählen, alles werde ich dir dann erzählen. Hier gibt es so einen besonderen Punkt ... Und du wirst mein Richter sein in dieser Frage. Jetzt aber beginn lieber gar nicht davon, jetzt sei still ... Da sprichst du nun von morgen, vom Gericht, aber wirst du’s mir glauben, ich weiß nichts von alledem.“