Da geschah es aber, daß Fedor Pawlowitsch seinen letzten Streich spielte. Ich muß bemerken, daß er tatsächlich schon fortfahren wollte und wirklich die Unmöglichkeit empfand, nach seinem schmachvollen Betragen in der Zelle des Staretz zum Prior zur Tafel zu gehen, als ob nichts geschehen wäre. Es ist zwar nicht anzunehmen, daß er sich gar so sehr schämte oder selbst beschuldigte; vielleicht war sogar ganz das Gegenteil der Fall; doch wie dem auch war, jedenfalls fühlte er, daß es nicht anging, zur Tafel zu erscheinen. Als aber sein alter Wagen bei der Herberge vorfuhr und er sich anschickte, einzusteigen, fiel ihm plötzlich etwas ein: Es waren seine eigenen Worte, die er beim Staretz gesprochen hatte: „Es scheint mir immer so, wenn ich irgendwo eintrete, daß ich gemeiner als alle bin, und daß mich alle für einen Narren halten, und so denke ich denn: wart, werde jetzt absichtlich den Narren spielen, denn ihr seid doch alle bis auf den letzten, ohne Ausnahme, dümmer und gemeiner als ich.“ Er wollte sich an allen für seine eigenen Schändlichkeiten rächen. Und da fiel ihm auch noch ein, wie man ihn früher einmal gefragt hatte: „Warum hassen Sie denn diesen Menschen so sehr?“ und wie er darauf in einem Anfall seiner Narrenschamlosigkeit geantwortet hatte: „Warum? Sehen Sie: Er hat mir nichts getan, das ist wahr, dafür aber habe ich ihm eine gewissenlose Gemeinheit angetan, und kaum war es geschehen, da haßte ich ihn auch schon gerade deswegen.“ Als ihm jetzt diese Worte einfielen, lachte er in minutenlangem Nachdenken leise und boshaft vor sich hin. Seine Augen blitzten, und sogar die Lippen zitterten. „Wenn du angefangen hast, mußt du auch beenden,“ sagte er plötzlich entschlossen. Sein geheimstes Gefühl in diesem Augenblick hätte man in folgenden Worten ausdrücken können: „Jetzt kannst du dich ja doch nicht mehr rehabilitieren, geh einfach und spuck sie bis zur letzten Schamlosigkeit an: Seht, schäme mich nicht vor euch, und weiter nichts!“ Dem Kutscher befahl er, zu warten, er selbst aber kehrte mit schnellen Schritten ins Kloster zurück und begab sich geradeswegs zum Prior. Er wußte zwar noch nicht genau, was er machen würde, doch wußte er, daß er seiner nicht mehr mächtig war und sich – nach dem geringsten Anstoß – sofort bis zur letzten Grenze der Gemeinheit hinreißen lassen werde, – übrigens, nur bis zur letzten Grenze der Gemeinheit, keineswegs aber bis zu einem Verbrechen oder bis zu einem Ausfall, für den ihn das Gericht verurteilen könnte. In der Beziehung verstand er sich immer zu beherrschen, worüber er sich sogar selbst bei manchen Gelegenheiten nicht wenig wunderte.
Er erschien also im Speisezimmer des Priors gerade in dem Augenblick, als das Gebet beendet war und alle zum Tisch traten. Er blieb auf der Schwelle stehen, betrachtete die Anwesenden und lachte ein langes, schamloses, boshaftes Gelächter, wobei er allen verwegen in die Augen blickte.
„Und die glauben, ich sei fortgefahren!“ rief er laut durch den ganzen saalartigen Raum.
Einen Moment blickten ihn alle unverwandt an, und plötzlich fühlten sie alle, daß sofort etwas Widerliches, Ungereimtes geschehen und zweifellos einen Skandal nach sich ziehen werde. Miussoff verfiel denn auch in einer Sekunde aus der edelsten Stimmung in die grimmigste Wut. Alles, was sich in seinem Herzen schon besänftigt hatte, erhob sich mit einem Schlage und brauste auf:
„Nein, das ist zu viel!“ schrie er auf, „nein, das ertrage ich nicht ... auf keinen Fall!“
Das Blut schoß ihm in den Kopf. Er verwirrte sich sogar im Satz, doch war es ihm jetzt nicht mehr um die Ausdrucksformen zu tun. Er griff nach seinem Hut.
„Was kann er auf keine Weise?“ fragte Fedor Pawlowitsch. „‚Erträgt es nicht und kann es nicht!‘ – was ist denn das, was er nicht kann? Ew. Hochehrwürden, soll ich eintreten oder nicht? Empfangen Sie den Gast?“
„Bitte, von ganzem Herzen,“ entgegnete der Prior. „Meine Herren! Darf ich mir erlauben,“ fügte er plötzlich hinzu, „Sie von ganzem Herzen zu bitten, ihren zufälligen Streit zu vergessen und sich in Liebe und verwandtschaftlicher Eintracht nach einem Gebet zu Gott an unserer bescheidenen und friedlichen Tafel zu vereinigen ...“
„Nein, nein, unmöglich,“ rief Miussoff ganz außer sich.
„Wenn es Pjotr Alexandrowitsch unmöglich ist, so ist es auch mir unmöglich, auch ich will dann nicht bleiben. Mit diesem Vorsatz bin ich hergekommen. Von jetzt ab werde ich überall mit Pjotr Alexandrowitsch zusammen sein: Wenn Sie fortgehen, Pjotr Alexandrowitsch, so gehe auch ich, bleiben Sie – bleibe auch ich. – Mit der verwandtschaftlichen Eintracht haben Sie ihn am meisten verletzt, Hochehrwürden: Er will mich doch nicht als seinen Anverwandten anerkennen. Nicht wahr, von Sohn? Da ist ja auch von Sohn. Guten Tag, von Sohn.“