„Wenn ich sie besuche, so kann ich dazu meine Gründe haben; das mag dir genügen. Was aber die Verwandtschaft anbetrifft, so wird dein Brüderchen oder vielleicht sogar das Papachen eher dich mit dieser Verwandtschaft beglücken, als daß ich mit ihr verwandt wäre. So, da sind wir ja. Schieb mal jetzt in die Küche ab. O! was ist denn das, was hat das zu bedeuten? Etwa zu spät gekommen? Aber so schnell konnten sie doch nicht abspeisen? Oder haben hier wieder die Karamasoffs etwas Schönes angerichtet? Bestimmt wird’s so sein! Da kommt ja auch schon dein Papachen und hinter ihm Iwan Fedorowitsch. Kommen beide vom Prior heraus. Da ruft ihnen ja noch Pater Issidor etwas von der Treppe nach. Ah, und auch dein Vater schreit jetzt und fuchtelt mit den Armen, schimpft natürlich. Ah, und da fährt ja schon Miussoff in seinem Wagen fort, siehst du, dort fährt er. Und da läuft ja auch noch Maximoff – aber dort gibt’s unbedingt einen Skandal! Haben wohl überhaupt nicht gespeist! Oder sollten sie womöglich den Prior verprügelt haben? Oder selbst verprügelt worden sein? Das wäre was! ...“
Rakitin hatte es erraten. Es war tatsächlich zu einem Skandal gekommen, zu einem unerhörten und ganz unerwarteten Skandal. Und alles war „aus Begeisterung“ geschehen.
VIII.
Der Skandal
Als Miussoff, Iwan Fedorowitsch und Kalganoff beim Prior eintraten, ging in ersterem als aufrichtigem, anständigem und feinfühligem Menschen eine in ihrer Art sehr delikate Veränderung vor sich: Er schämte sich plötzlich, sich noch zu ärgern. Er sagte sich, daß er den elenden Fedor Pawlowitsch im Grunde viel zu gering schätzen müßte, um seinetwegen die Kaltblütigkeit zu verlieren, wie er es in der Zelle des Staretz leider getan hatte. „Wenigstens sind die Mönche hier an nichts schuld,“ entschied er bei sich, als er die Treppe hinaufstieg, „und wenn auch hie anständige Leute sind – dieser Pater Nikolai, dieser Prior, ist, glaube ich, gleichfalls von adliger Herkunft –, warum soll ich dann nicht liebenswürdig und höflich mit ihnen sein? ... Werde nicht streiten, kann ja sogar beistimmen, nehme sie mit Liebenswürdigkeit und ... und ... beweise ihnen zum Schluß, daß ich nicht zur Gesellschaft dieses Aesop, dieses Narren, dieses Pierrot gehöre, und ebenso hereingefallen bin, wie sie alle ...“
Das umstrittene Recht auf das Waldfällen und den Fischfang (wo sich dieser Wald und diese Flußstelle befanden, wußte er selbst nicht einmal), beschloß er, ihnen endgültig abzutreten, ein für allemal, und das sofort (um so mehr, als das Ganze nur sehr wenig kostete), und alle seine Klagen gegen das Kloster zurückzuziehen.
Diese guten und wohlgemeinten Vorsätze verstärkten sich noch mehr in ihm, als sie in das Speisezimmer des Priors eintraten. Übrigens war es nicht gerade ein Speisezimmer, da der Prior nur zwei Zimmer bewohnte, allerdings viel größere und bequemere als der Staretz. Doch die Einrichtung zeichnete sich ebensowenig durch Luxus aus: die Möbel waren aus rotem Holz mit Lederbezug, alt, Fasson der zwanziger Jahre; der Fußboden war sogar ungestrichen; dafür aber glänzte alles vor Sauberkeit, und vor den Fenstern standen viele teure Blumen. Das Schönste war in diesem Augenblick gewissermaßen der Tisch: das Tischtuch war blendend weiß, und alles, was darauf stand, glänzte gleichfalls vor Sauberkeit; drei Sorten prachtvoll gebackenes Brot, zwei Flaschen Wein, zwei Flaschen Met vom vorzüglichen Klosterhonig und eine große Glaskanne mit Kwas,[8] der im Kloster selbst gebraut wurde und in der ganzen Umgegend berühmt war. Schnaps gab es nicht. Rakitin wußte später zu erzählen, daß zu diesem Diner fünf Gänge bereitet worden waren: Es gab Sterletsuppe mit Fischpiroggen, dann einen ganz besonders zubereiteten Fisch, darauf in Scheiben gebratenen roten Fisch, Gefrorenes und Kompott, und zum Schluß noch eine süße Speise in der Art eines Blanc-manger. Das alles hatte Rakitin herausgeschnüffelt, war sogar zu diesem Zweck in die Küche des Priors gegangen, wo er noch von früher her seine Verbindungen hatte. Er hatte nämlich überall Verbindungen und verstand, alles zu erfahren, was er erfahren wollte. Er hatte ein unruhiges, neidisches Herz. Über seine ziemlich gute Begabung wußte er selbst vollkommen Bescheid, doch vergrößerte er sie noch in seinem Eigendünkel. Er wußte, daß er in seiner Art bestimmt ein Tatmensch sein werde; doch quälte Aljoscha, der ihm sonst sehr zugetan war, besonders das eine, daß sein Freund Rakitin unehrlich war und sich das entschieden nicht selbst eingestand, im Gegenteil, da er wußte, daß er niemals Geld vom Tisch stehlen würde, sich tatsächlich für einen über alles erhaben ehrlichen Menschen hielt. Daran konnte nicht nur Aljoscha, sondern überhaupt niemand etwas ändern.
Rakitin war als tieferstehende Persönlichkeit natürlich nicht zur Tafel eingeladen, dafür aber waren es Pater Jossiff und Pater Paissij und mit ihnen noch ein dritter Priestermönch. Sie erwarteten bereits im Speisezimmer den Prior, als Miussoff, Kalganoff und Iwan Karamasoff eintraten. Desgleichen wartete noch abseits stehend der Gutsbesitzer Maximoff. Der Prior trat zur Begrüßung der Gäste bis in die Mitte des Zimmers vor. Es war ein hochgewachsener, magerer, noch kräftiger, alter Mann mit stark ergrautem, dunklem Haar, das ein langes, einfaches, doch bedeutendes Gesicht umrahmte. Schweigend begrüßte er die Gäste, die aber traten diesmal alle auf ihn zu, um den Segen zu empfangen. Miussoff beabsichtigte sogar, seine Hand zu küssen, doch der Prior zog noch vorher ganz unauffällig seine Hand so fort, daß es nicht zum Kusse kam. Dafür aber küßten sie Kalganoff und Iwan Karamasoff in der offenherzigsten und einfachsten Weise.
„Wir müssen sehr um Entschuldigung bitten, Ew. Hochehrwürden,“ begann Miussoff lächelnd, doch immerhin in wichtigem und höflichem Ton, „daß wir allein kommen, ohne den gleichfalls von Ihnen eingeladenen Fedor Pawlowitsch; er war gezwungen, von Ihrer Aufforderung abzusehen, und nicht ohne Grund. In der Zelle beim ehrwürdigen Staretz Sossima ließ er sich, durch den unglücklichen Streit mit seinem Sohne aufgebracht, zu einigen durchaus unpassenden Worten hinreißen ... kurz, zu durchaus unanständigen Äußerungen ... was Ew. Hochehrwürden, wie es scheint“ (er warf einen Blick auf die beiden Priestermönche), „schon bekannt sein dürfte. Und darum, weil er selbst, wie gesagt, sich schuldig fühlt und aufrichtig bereut, schämte er sich, der freundlichen Aufforderung Folge zu leisten, und so bat er uns, mich wie seinen Sohn Iwan Fedorowitsch, Ihnen, Hochehrwürden, sein ganzes aufrichtiges Bedauern sowie seine Reue auszudrücken ... Kurz, er hofft, es später wieder gutmachen zu können, und läßt Sie jetzt nur um Ihren Segen und um gütiges Vergessenwollen des Vorgefallenen bitten ...“
Miussoff verstummte. Als er die letzten Worte seiner Tirade sprach, war er mit sich bereits vollkommen zufrieden, ja, er war es sogar dermaßen, daß von seinem ganzen Zorn in seiner Seele nicht einmal eine Spur nachblieb. Er liebte wieder aufrichtig die Menschheit. Der Prior, der ihm mit ernster Miene zugehört hatte, neigte ein wenig das Haupt und sagte zur Antwort:
„Es tut mir aufrichtig leid um den Abwesenden. Vielleicht hätte er uns beim Mahle liebgewonnen, wie auch wir ihn. Ich bitte, meine Herren.“