„Hör mal,“ unterbrach Iwan Fedorowitsch, nicht wenig verdutzt durch die letzten klaren Worte Ssmerdjäkoffs, und indem er sich erhob, „ich verdächtige dich durchaus nicht, ich finde es sogar lächerlich, dich zu beschuldigen ... im Gegenteil, ich danke dir, daß du mich beruhigt hast. Ich gehe jetzt, aber ich werde wiederkommen. Also auf Wiedersehen und werde bald gesund. Brauchst du vielleicht irgend etwas?“

„Danke ergebenst. Marfa Ignatjewna vergißt mich nicht und besorgt mir alles, wenn ich wessen bedarf, wie sie immer in ihrer Güte tut. Und gute Menschen besuchen mich alleweil.“

„Dann auf Wiedersehen. Ich werde übrigens davon, daß du die Anfälle simulieren kannst, nichts sagen ... und auch dir rate ich, darüber zu schweigen,“ fügte Iwan Fedorowitsch plötzlich aus irgendeinem Grunde noch hinzu.

„Das verstehe ich sehr gut. Und wenn Ihr das nicht sagen wollt, so werde auch ich unser ganzes Gespräch dazumal am Hoftor nicht vermelden ...“

Iwan Fedorowitsch verließ bei diesen Worten bereits das Zimmer, und erst nachdem er schon ein Stück durch den Korridor gegangen war, wurde er sich plötzlich bewußt, daß sich in diesen letzten Worten Ssmerdjäkoffs wieder jener beleidigende Sinn einer uneingestandenen Mitwisserschaft verbarg. Schon wollte er umkehren, aber da verflog der Gedanke auch schon; er murmelte nur „Dummheiten!“ vor sich hin und verließ mit schnellen Schritten das Krankenhaus. Die Hauptsache war, daß er sich tatsächlich beruhigt fühlte, und zwar beruhigte ihn ausschließlich der eine Umstand, daß er sich überzeugt hatte, nicht Ssmerdjäkoff, sondern sein Bruder Mitjä sei der Schuldige, obgleich man meinen sollte, daß diese Überzeugung das Gegenteil bewirkt haben müßte. Warum das aber mit ihm so war, das wollte er im Augenblick nicht weiter untersuchen, er empfand sogar Ekel bei dem Gedanken, wieder in seinem Inneren wühlen und über seine Gefühle nachgrübeln zu müssen. Es war ihm, als wolle er irgend etwas schneller vergessen. In den darauf folgenden Tagen überzeugte er sich endgültig von der Schuld des Bruders, nachdem er sich von allen erdrückenden Beweisen und Zeugenaussagen eingehender hatte unterrichten lassen. Es lagen allerdings Aussagen vor, die geradezu niederschmetternd waren, so zum Beispiel die von Fenjä und deren Großmutter. Von den Aussagen Perchotins, der Plotnikoffschen Kommis, der Zeugen aus Mokroje gar nicht zu reden. Das Erdrückendste waren die kleinen unumstößlichen Tatsachen. Die Mitteilung von den geheimen Zeichen traf die Juristen fast im selben Maße, wie Grigorijs Aussage in betreff der offenen Tür. Marfa Ignatjewna behauptete auf Iwan Fedorowitschs Frage, daß Ssmerdjäkoff die ganze Nacht hinter der dünnen Bretterwand in ihrem Zimmer, ungefähr nur drei Schritt von ihrem Bett entfernt, gelegen hätte, und daß sie, wenn sie auch sonst fest geschlafen habe, doch mehrmals durch sein fortwährendes Gestöhn aufgewacht sei: „Die ganze Zeit hat er gestöhnt, die ganze Zeit,“ schloß sie überzeugt. Als Iwan Fedorowitsch Doktor Herzenstube seine Beobachtung mitteilte, nämlich, daß Ssmerdjäkoff ihm durchaus nicht irgendwie schwachsinnig erscheine, sondern nur körperlich angegriffen, rief er bei dem alten Deutschen nur ein feines Lächeln hervor. „Aber wissen Sie auch, womit er sich jetzt ganz besonders beschäftigt?“ fragte er Iwan Fedorowitsch lächelnd, „französische Vokabeln lernt er auswendig! Unter seinem Kopfkissen liegt ein Heft, in dem französische Worte mit russischen Buchstaben geschrieben sind, he – he – he!“ So gab denn Iwan Fedorowitsch schließlich alle seine Zweifel auf. An seinen Bruder Dmitrij konnte er nicht mehr ohne Ekel denken. Nur eines blieb immerhin sonderbar, daß Aljoscha trotz allem fortfuhr, so hartnäckig darauf zu bestehen, daß nicht Mitjä erschlagen habe, sondern „aller Wahrscheinlichkeit nach“ – Ssmerdjäkoff. Iwan fühlte, daß Aljoschas Meinung ihm immer sehr wertvoll war, und daß er sie hoch einschätzte – darum wunderte er sich jetzt noch mehr über ihn. Sonderbar war gleichfalls, daß Aljoscha nie mit ihm über Mitjä ein Gespräch angeknüpft, sondern immer nur auf seine Fragen geantwortet hatte. Das war ihm sogar sehr aufgefallen. Übrigens wurde er in jener Zeit noch durch etwas anderes von diesen Dingen abgelenkt. Als er aus Moskau zurückgekehrt war, hatte er sich gleich vom ersten Tage an mit allen Fibern seiner brennenden, sinnlosen Leidenschaft für Katerina Iwanowna ergeben. Es ist hier nicht der Ort, von dieser neuen Leidenschaft Iwan Fedorowitschs, die sich durch sein ganzes späteres Leben zog, zu erzählen. Das alles könnte zum Vorwurf einer neuen Erzählung, eines zweiten Romans dienen, den ich – ich weiß noch nicht recht – auch vielleicht einmal schreiben werde. Doch kann ich auch jetzt nicht ganz darüber schweigen. Vor allen Dingen muß ich bemerken, daß er, als er nachts mit Aljoscha von Katerina Iwanowna nach Haus ging und diesem sagte: „Ich begehre sie aber nicht,“ ganz einfach die nackte Unwahrheit sagte. Er liebte sie sinnlos, doch ist auch wahr, daß er sie zuweilen dermaßen haßte, daß er sie sogar hätte töten können. Es kreuzten sich hierbei viele Gefühle. Katerina Iwanowna klammerte sich jetzt nach all den überstandenen Erschütterungen, die ihr Mitjäs Verhaftung, der Verdacht, der auf ihm lag usw. verursacht hatten, an Iwan Fedorowitsch, wie an ihren einzigen Retter. Sie war gekränkt, erniedrigt, aufs äußerste beleidigt in ihren Gefühlen. Und da kehrte nun derjenige zurück, der sie früher so geliebt hatte, – oh, das wußte sie nur zu gut, – der Mensch, dessen Herz und Verstand sie immer hoch über sich selbst gestellt hatte. Aber ihre strenge Gesinnung ließ nicht zu, daß sie sich ganz als Opfer hingab, ungeachtet der ganzen Karamasoffschen Zügel- und Grenzenlosigkeit der Wünsche des Geliebten und des ganzen berauschenden Zaubers, den er auf sie ausübte. Zu gleicher Zeit aber quälte sie sich beständig mit der Reue darüber, daß sie Mitjä „verraten“ hatte, und in den erregten Augenblicken, wenn sie mit Iwan heftig stritt (und das kam häufig vor), sagte sie ihm rücksichtslos, was sie quälte. Das nun war es, was Iwan an jenem Abend im Gespräch mit Aljoscha „Lüge auf Lüge“ genannt hatte. Hierbei war allerdings vieles nur Lüge, und zwar war es dies, was Iwan Fedorowitsch am meisten reizte und aufbrachte ... doch davon später. Kurz, er vergaß auf diese Weise Ssmerdjäkoff für eine Zeitlang fast ganz. Doch siehe, es waren kaum zwei Wochen nach seinem ersten Besuch bei Ssmerdjäkoff vergangen, als ihn wieder alle diese sonderbaren Gedanken zu quälen begannen. Es genügt wohl, wenn ich sage, daß sich ihm immer wieder die Frage aufdrängte, die er nicht abschütteln konnte: warum er sich damals – in jener letzten Nacht vor seiner Abreise nach Moskau – leise wie ein Dieb zur Treppe geschlichen und gehorcht hatte, was der Vater dort unten treiben mochte? Das war es, was er sich immer wieder fragte. Und warum hatte er sich später immer nur mit Ekel vor sich selbst dieses Augenblicks erinnert, warum war ihm unterwegs am Morgen so schwer ums Herz gewesen, und warum hatte er, als er bei der Einfahrt in Moskau im Morgengrauen wie aus einem Traum erwacht war, sich gesagt: „Ein Schuft bin ich!“ Und jetzt hatte er sich auf dem Wege zu ihr eingestanden, daß er über diesen quälenden Gedanken selbst Katerina Iwanowna womöglich noch vergessen könnte, so unablässig quälten sie ihn! Und gerade, als er sich das gesagt hatte, war ihm Aljoscha auf der Straße begegnet. Er hatte ihn sofort angerufen und die sonderbare Frage an ihn gestellt:

„Erinnerst du dich noch dessen, wie ich damals, als Dmitrij nach Tisch plötzlich hereingestürzt war und den Vater verprügelt hatte, – wie ich dir auf dem Hofe sagte, daß ich das ‚Recht zu wünschen‘ für mich behielte, ... sag, dachtest du damals, daß ich den Tod des Vaters wünschte?“

„Ich dachte es,“ hatte Aljoscha leise geantwortet.

„So war es übrigens auch, es war dabei nichts zu erraten. Aber dachtest du damals nicht auch, daß ich besonders wünschte, ‚daß das eine Geschmeiß das andere Geschmeiß verschlinge‘, das heißt, daß gerade Dmitrij den Vater erschlage, und zwar je schneller, desto besser ... und daß ich sogar nicht einmal abgeneigt wäre, es selbst zu begünstigen?“

Aljoscha war ein wenig erbleicht und hatte stumm in die Augen des Bruders geblickt.

„So sag doch!“ hatte Iwan ungeduldig ausgerufen. „Ich will um alles in der Welt wissen, was du damals dachtest. Ich will die Wahrheit, die Wahrheit!“